Das Fest vor der Räumung: Perou, „Considerant“, 2012 Foto: Perou

Was hat Flamenco mit Politik und mit Städtebau zu tun? Die Ausstellung „Una forma de ser“ (Eine Form des Seins) im Württembergischen Kunstverein Stuttgart klärt es in höchst spannender Weise.

Stuttgart - Der Württembergische Kunstverein Stuttgart erweitert seine Ausstellung „Actually, The Dead Are Not Dead“ um ein weiteres Kapitel: „Una forma de ser“ (Eine Form des Seins) untersucht das Fest als existenzielle politische Äußerung.

Vagabundenkongress als Aktionstheater

1928 gründen die Maler Hans Tombrock, Hans Bönnighausen und Gerhart Bettermann in Stuttgart die Künstlergruppe der Bruderschaft der Vagabunden. So gesehen, ist der Deutsche Vagabundenkongress, der ein Jahr später (21. bis 23. Mai 1929) in Stuttgart stattfindet – unweit der für die Ausstellung „Das neue Wohnen“ 1927 gebauten Beispielhäuser am Weißenhof –, ein künstlerisches Projekt. Organisiert aber wird das Aktionstheater von Gregor Gog, Gründer der Bruderschaft der Vagabunden und aus heutiger Sicht weit eher Aktivist denn – als Herausgeber der Zeitschrift „Der Kunde“ – Publizist.

Das Fest ist ein Aufruf

500 Vagabunden folgen 1929 Gogs Aufruf, Fest und politischer Anspruch auf persönliche Freiheit greifen ineinander. Ein Faden, den die beiden Künstler und Kunstvermittler Maria Garcia und Pedro G. Romero in ihrer Konzeption von und für „Actually, The Dead Are Not Dead. Una forma de ser“ immer wieder aufgreifen, mit dem sie die Jahrzehnte und Jahrhunderte durchziehen.

Goyas „Los Disparates“ als Ausgangspunkt

Ausgangspunkte für Garcia und Romero: Francisco de Goyas 1815 bis 1819 geschaffene Grafikserie „Los Disparates“ – eine surreale Groteske auf und über die Ideale der Mehrheitsgesellschaft – und Saraffin Estébanez Calderóns 1838 veröffentlichter Text „Asamblea General“ (Generalversammlung).

Flamenco schafft Identität

Calderón schreibt über Foren andalusischer Roma, bei denen die Klärung strittiger Fragen immer mit einem Fest verbunden war. Und die Musik dieser Feste ist wiederum Teil einer eigenen künstlerischen Identität der Roma – Flamenco.

Was aber wird aus dem Flamenco – und wie kann es sein, dass wir heute kaum auf die Idee kämen, Flamenco als Ausdruck einer gesellschaftlichen und politischen Haltung zu werten, die darauf angelegt ist, alle Hierarchien in Abrede zu stellen?

Panorama der stolzen Hoffnung

Garcia und Romero gehen der Frage in ­jener Ausstellungs-Grundarchitektur nach, die die Kunstvereinsdirektoren Iris Dressler und Hans D. Christ für den großartigen Auftakt ihrer Fortführung der von ihnen verantworteten Bergen Assembly 2019 entwickelt hatten – „Politiken des Lebens“. Das erleichtert die Orientierung in diesem um Goyas Radierzyklus kreisenden offenen Panorama der Erinnerung, des Wiederaufrufs und der stolzen Hoffnung.

Votum für die Menschlichkeit

Diese trägt selbst in den schlimmsten Stunden, wie eine Folge von Zeichnungen und Bildern der 2013 in Wien gestorbenen Musikerin, Dichterin und Malerin Ceija Stojka deutlich macht. „Jawoll! Los, los weg mit dem Pack“ heißt ein Blatt der Folge, die Stojka 1995, 50 Jahre nach der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen, ­beginnt. Erst beginnen kann.

Wer die Täter sind, daran lassen diese in der Strichführung überraschend leichten Blätter keinen Zweifel. Und doch hat in diesen Werken das Leben nur für die Gedemütigten eine Zukunft. Ein Irrwitz in den Jahren des industriellen Menschenmordens, aber doch gerade deshalb ein ungemein kraftvolles Votum für eine Menschlichkeit, die sich erst in völliger Freiheit entwickeln kann.

Gezielte Vernichtung

Auch auf die deutsche Kunstgeschichte greifen Garcia und Romero zurück – mit Werken des Jahrhundertfotografen August Sander (1876–1964) aus der Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ und Porträts des Düsseldorfer Malers Otto Pankok (1893–1955). Dieser taucht in einem Düsseldorfer Stadtteil in die Welt der Roma ein und schreibt 1946: „Ach, Freunde, wohin seid ihr verweht, wo seid ihr zertreten, in welche Gruben haben euch schutzlose Kinder die Würger verscharrt wie Dreck? Man zerrte sie fort in die Todeslager und die östlichen Schlachthäuser. Wir hörten die Kinder schreien und die Mütter schluchzen unter den Peitschen der braunen Henker.“

Und Otto Pankok summiert bitter: „Noch bevor die Synagogen aufloderten, waren die Zigeunerfamilien hinter den Gittern des Stacheldrahtes zusammengepfercht, um später das jüdische Schicksal in den Todeslagern des Ostens zu teilen.“

Flamenco als Gegenkraft

Garcia und Romero versuchen, die Voraussetzungen und die Folgen dieser systemischen Vernichtung kenntlich zu machen – und skizzieren Flamenco (und damit das Fest als übergreifende soziale Verbindung) als bis heute gültige Gegenkraft. Erst aus diesem Gedanken heraus begründet sich auch die Entscheidung, für die in aller Welt und damit in höchst unterschiedlichen Mehrheitskulturen lebenden Roma eine zugleich genderübergreifende Identitätsbezeichnung zu wählen: Rom*nja.

Hoffnung und Vertreibung

All diese Fäden des Projektes „Una forma de ser“ laufen unausgesprochen auf eine Dokumentation der Ereignisse in der Pariser Vorstadt Ris-Orangis im April 2013 hinaus. 240 Roma hatten eine heruntergekommene Siedlung saniert und agierten in einer Art künstlerischem Kollektiv. Genau die Verbindung zwischen privatem und öffentlichem Fest, zwischen performativen Theaterformen und sozialem Experiment war dann Anlass für das Bezirksgericht, die Räumung der Siedlung anzuordnen. Bagger beenden das Fest gemeinschaftlichen Wirtschaftens und Lebens.

Dialogpartner: Kunst und Städtebau

„Considérant . . . (In Anbetracht dessen . . .) heißt ein Film, den Sébastien Thiérry 2013 dreht. Über das Leben in der Siedlung, über die Hoffnung – und die Räumung. Thiérrys Film ist Teil eines Projektes des Büros Perou (Cluster zur Erforschung städtischer Ressourcen) – und nicht nur hier zeigen Garcia und Romero Querverbindungen zwischen künstlerischen und architektonischen beziehungsweise städtebaulichen Äußerungen auf.

Fest des Nachdenkens

Mehr und mehr erscheint „Una forma de ser“ als vielstimmiger Gesang – Garcia und Romero machen die mit Höhepunkten wie Gonzalo Garcia Pelayos Film „Vivir en Sevilla“ gespickte Ausstellung selbst zu einer Versammlung, zu einem Fest. Zu einem Fest des Nachdenkens über urbane Strukturen und deren immerwährendes Scheitern.

Über diese Forschungen aber scheinen Maria ­Garcia und Pedro G. Romero die Rom*nja fast wieder zu entgleiten. Flamenco? Bleibt, je näher man seinen Wurzeln kommt, ein Tanz der Anderen. Und provoziert so immer neue Annäherungen.

Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart

Geöffnet
ist die Ausstellung „Actually, the Dead Are Not Dead. Una forma de ser“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) bis zum 17. Januar 2021 – Di bis So 11 bis 18, Mi 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro).

Führungen gibt es jeden Sonntag um 15 Uhr. Führungen für Kinder (und Erwachsene) zudem jeden 2. Sonntag im Monat um 16 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, benötigt wird ein Ausstellungsticket.

Veranstaltungen sind in verschiedensten Formaten geplant. Charlotte Nussbaum, 1924 in Stuttgart geboren und 1939 aus Hitler-Deutschland geflohen, berichtet am Sonntag, 25. Oktober, über ihre Kindheit.

Kooperationen gehören zum Selbstverständnis des Kunstvereins – so auch hier. Der Schulterschluss mit der Staatsoper Stuttgart ermöglicht einen Auftritt des Tänzers Israel Galvan. Im Opernhaus präsentiert er mit Niño de Elche am 1. November das Stück „Mellizo Doble“. Beginn: 19 Uhr.