Viele Menschen vor einer großen Leinwand: Eröffnung des Filmfestivals Berlinale auf der Berliner Museumsinsel Foto: dpa/Stefanie Loos

Die Berlinale hat ihre Sommerausgabe eröffnet – das erste kulturelle Großereignis nach Monaten des Lockdown, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte. Das Publikum genießt es, auch wenn vieles anders ist als sonst.

Berlin - Nach schweren Monaten soll sie auch ein Hoffnungszeichen sein: Die Berlinale hat auf der Berliner Museumsinsel ihre Sommerausgabe eröffnet. Hunderte Menschen, die gemeinsam einen Film schauen? Auf diesen Moment, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung am Mittwochabend, hätten sie alle sehr sehnsüchtig gewartet.

Sehnsucht ist ein großes Wort – und in den vergangenen Monaten dürften viele Menschen sehr unterschiedliche Dinge vermisst haben. Manchen fehlt das Kino. Die Schauspielerin Iris Berben sagt, sie habe in der vergangenen Zeit viel gestreamt. Aber es werde immer Filme geben, die man nur auf der großen Leinwand sehen könne. Sie verwies zudem darauf, dass es die Berlinale früher regulär im Sommer gegeben habe. Das Filmfestival wurde später in den Winter verlegt, auch als Abgrenzung zu anderen Festivals wie dem in Cannes. „Und ich weiß, das Gemaule war groß, dass wir in die kalte Jahreszeit gezogen sind.“ Doch irgendwo habe das auch zu Berlin gepasst, so Berben.

Masken und Testergebnisse

Zum Auftakt der Filmfestspiele treffen sich nun also Menschen aus Filmbranche und Politik. Vieles sei anders als sonst, sagt die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek. Es sei eine Berlinale mit Abstand, weniger Tamtam und einer Picknick-Box auf den Knien. Die Gäste bringen Masken und Ergebnisse von Coronatests mit, in den Proviantboxen stecken Nüsschen und Dosensekt.

Die Bilder vom Eröffnungsabend sehen aus wie Gemälde, die nebenan in der Alten Nationalgalerie hängen könnten. Alte Säulengänge, nachtblauer Abendhimmel. Normalerweise ist die Berlinale im Februar. Da bekommt man Hotellobbys und Schneeregen, verdunkelte Limousinen und Autogrammjäger zu sehen.

Der Wert des Kinos

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wurden die Filmfestspiele diesmal aber geteilt. Im März saßen Fachleute stundenlang vor ihren Computern und schauten Filme online. Jetzt werden die Filmvorführungen fürs Publikum nachgeholt. Alles läuft draußen, an verschiedenen Orten der Stadt.

Zur Eröffnung wird an den Wert des Kinos erinnert. Kinos seien nicht nur für die Branche wichtig, sondern auch „für uns“, sagt der künstlerische Leiter Carlo Chatrian. Es sei wichtig, Geschichten und Gefühle zu teilen. Grütters sagte, endlich heiße es, wieder miteinander gespannt oder gerührt, nachdenklich oder amüsiert zu sein. „Endlich wieder großes Kino.“

Eröffnungsfilm mit Jodie Foster

Als Eröffnungsfilm wählte die Festivalleitung das Drama „Der Mauretanier“. Der Film des Regisseurs Kevin Macdonald beruht auf einer wahren Begebenheit. Erzählt wird die Geschichte des langjährigen Guantanamo-Häftlings Mohamedou Ould Slahi, der über seine Erlebnisse in dem US-Gefangenenlager ein Buch geschrieben hat. Zu Beginn sieht man Schauspielerin Jodie Foster mit Sonnenbrille im Cabrio. Die 58-Jährige spielt die Anwältin Nancy Hollander, die gegen viele Widerstände seine Verteidigerin wird. Slahi wird vorgeworfen, ein Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 zu sein. Das US-Militär hält ihn ohne Anklage fest.

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Die Berlinale gilt als recht politisches Filmfestival. An Freitag, 11. Juni, läuft der Film „Courage“ über die Proteste in Belarus. Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja wird in Berlin erwartet. Die Lage in dem Land ist nach der erzwungenen Landung einer Passagiermaschine und der Verhaftung des Regierungskritikers Roman Protassewitsch wieder ins internationale Blickfeld gerückt.

Und so sind es dann auch die Worte von Berlins Regierungschef Michael Müller, die am Eröffnungsabend Eindruck hinterlassen. Der SPD-Politiker sprach angesichts der Pandemie von entbehrungsreichen Monaten. Es sei aber wichtig, auch andere Themen nicht zu vergessen. Dass Menschen zum Beispiel auf der Flucht seien, keine gute medizinische Versorgung hätten oder um ihre Freiheit kämpften.

Die Stärken der Berlinale

Auch in Berlin habe es wieder Übergriffe auf Jüdinnen und Juden, auf Lesben und Schwule, auf andere Kulturen, auf andere Lebensweisen gegeben, sagte Müller. „Ich glaube, es bleibt wichtig, dass wir das nicht aus dem Blick verlieren, dass wir uns weiter gemeinsam dem auch entgegenstellen“. Das sei auch immer eine Stärke der Berlinale gewesen – diese Themen aufzugreifen.

Im vergangenen Jahr sei die Berlinale das letzte kulturelle Großereignis gewesen, das gerade noch so geplant über die Bühne gegangen sei, sagte Grütters. Nun sei die Sommerausgabe das erste kulturelle Großereignis nach Monaten des Lockdown. Kino verbinde Menschen über alle Grenzen und auch über viele Gräben hinweg. „Wir haben es vermisst. Wir werden es genießen – wie vielleicht selten zuvor.“

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