Spaziergänger sollten Jungtiere wie zum Beispiel ein Rehkitz in Ruhe lassen. Foto: dpa

Wald und Wiese haben sich in Kinderstuben verwandelt. Rehe, Hasen und Vögel ziehen ihre Jungtiere auf. Naturschützer und Jäger bitten Spaziergänger, auf den Wegen zu bleiben und Hunde anzuleinen.

Rotenberg - Die noch vor wenigen Wochen kahlen Felder und Wälder sind nicht nur wieder grün. „Sie haben sich jetzt in die Kinderstube der Natur verwandelt“, sagt Klaus Lachenmaier vom Landesjagdverband. Feldhäsinnen haben oft vor Ostern ihren Nachwuchs zur Welt gebracht, der zweite Wurf kann jedoch bereits wieder anstehen, bei vielen Vogelarten regen sich die jungen Piepmätze in den Nestern oder Brutkästen und bei den heimischen Rehen werden in den kommenden Wochen die Kitze geboren werden. Naturschützer, Förster und Jäger appellieren deswegen an die Vernunft der Spaziergänger und Wanderer. Was im Umgang mit dem Corona-Virus gilt, gilt bei der Begegnung der Menschen mit Jungtieren noch viel mehr: Abstand wahren, und zwar nicht nur zwei Meter. Die Jäger und Förster stellen einen merklichen Anstieg der Besucher in den Wäldern fest. „Die Menschen entdecken den Wald als Rückzugsort neu. Die Kontaktsperre und der Vorsatz möglichst wenigen Menschen zu begegnen, veranlasst Spaziergänger allerdings vermehrt abseits von offiziellen Wegen in weniger frequentierte Bereiche in Wald und Flur einzudringen“, zeigt Lachenmaier durchaus Verständnis. Der Nachteil: Dadurch werden Wildtiere in ihrer Ruhe gestört. Gerade während der derzeitigen Setz-und Aufzuchtzeit der Hasen, Wildschweine und beim Rehwild bedeuten diese Aktivitäten unnötigen Stress für die Tiere.

Lachenmaier bittet deswegen, auf den offiziellen Wegen zu bleiben und auch kein Picknick in Wiesen mit hohem Gras oder Blumen zu machen. Selbstverständlich sind zudem landwirtschaftlich genutzte Felder oder private Streuobstwiesen tabu. Nicht nur die Eigentümer haben etwas dagegen. Sie dienen auch oft Rehkitzen als Rückzugsort. Im Gegensatz zu anderen Wildtieren ergreifen junge Rehkitze normalerweise nicht die Flucht, sondern ducken sich ins Gras, machen sich klein und versuchen, sich vor Fressfeinden zu verstecken. „Jede Störung kostet Energie und gefährdet die Jungtiere“, sagt Biologe Lachenmaier.

Begegnungen mit Hunden gehören zu den tragischsten Erlebnissen. Sie enden oft tödlich. Deswegen appellieren Lachenmaier und Roland Hafenrichter, Jagdpächter aus Rotenberg, an die Hundebesitzer, ihre Vierbeiner gerade in der derzeitigen Aufzucht- und Brutzeit an die Leine zu nehmen. Der Rotenberger weiß, wieso. „Im vergangenen Jahr wurden in unserem Revier rund um den Württemberg mehrere trächtige Rehgeißen durch jagende Hunde gerissen oder in den Tod getrieben. Vor wenigen Wochen wurde im benachbarten Fellbacher Revier wieder ein Reh gerissen“, erzählt Hafenrichter. Kein Einzelfall: Auch am Wangener Berg trieben Hunde Rehe in den Tod. Weibliche Rehe sind in den Tagen vor der Geburt besonders gefährdet. Sie können zwei Kitze gebären. Mit ihrem dicken Bauch können sie natürlich nicht so behänd wie normal fliehen und über Zäune springen. Hafenrichter hat deswegen mehrere Schilder in seinem Revier aufgestellt, auf denen er an die Vernunft der Hundebesitzer appelliert. „Nicht bei jedem Hundebesitzer stoßen wir dabei auf Verständnis“, sagt Lachenmaier.

Der Biologe warnt auch vor zu falsch verstandener Tierliebe. Immer wieder treffen Spaziergänger auf scheinbar hilflose Jungtiere: erschreckte Hasenkinder, noch unsichere Piepmätze oder auf sich ängstlich ins Gras duckende Rehkitze. Das niedliche Aussehen der Bambis und Häschen weckt oft Beschützerinstinkte. Die Naturschützer warnen davor, das Jungtier in Obhut zu nehmen. „Die Tiere sind nicht verwaist! Die Muttertiere sind meist in der Nähe. Um keine Fressfeinde anzulocken, besuchen sie ihre Kinder nur kurz zum Säugen“, sagt Lachenmaier. Echte Tierfreunde halten genügend Abstand, beobachten die Fundstelle und fassen die Kleinen auf keinen Fall an. „Wenn die Jungtiere tatsächlich verletzt sein sollten, informieren Sie den zuständigen Jäger oder die verantwortliche Polizeibehörde“, empfiehlt Lachenmaier. Tatsächlich verwaiste Tierkinder kommen in spezialisierte Stationen. Die Aufzucht von jungen Wildtieren sei aber äußerst schwierig. Die Reh- und Hasenmütter oder die Vogeleltern seien eben doch die besten Eltern.

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