Klare Ansage am Wilhelmsplatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Masken, Abstand, Datenerhebung: Die Corona-Verordnung definiert klare Regeln für Gastronomen. Die Interpretationen sind indes bisweilen eigenwillig. Ein Rundgang in der Stuttgarter Innenstadt.

Stuttgart - Bitte 1,50 Meter Abstand“, steht am Eingang, doch als die Gäste kommen, ist das Nebensache. Der Betreiber der Bar auf einem großen Platz in der Stadtmitte begrüßt jeden aus der gut 20-köpfigen Gruppe mit Handschlag. Es wird gebusselt und umarmt. Masken trägt keiner. In Corona-Zeiten könnte man vieles an dieser Szene kritisieren. Der Wirt sieht das aber anders. Er kenne alle Personen persönlich. Die Gruppe feiere im Außenbereich seines Lokals eine private Verlobungsparty, er habe das Paar nur beglückwünscht. „Das macht einen gewaltigen Unterschied“, findet er.

Die Regeln sind eigentlich ziemlich klar

Es ist tatsächlich der Sommer der Unterschiede in Stuttgart. Die Corona-Regeln in der Gastronomie sind eigentlich klar. Wer direkten Kundenkontakt hat, muss eine Maske tragen. „Diese Pflicht gilt auch im Außenbereich“, betont ein Sprecher des Sozialministeriums. Außerdem verweist er darauf, dass der 1,5-Meter-Mindestabstand zwischen den Stühlen gilt und Kontaktdaten der Besucher erhoben werden müssen. Manche Interpretationen dieser Regeln sind am Samstagabend jedoch eigenwillig. So erklärt eine Wirtin auf einer beliebten Innenstadt-Gastromeile, dass das Gästebuch, in das alle Kunden Namen und Telefonnummern schreiben, von Tisch zu Tisch gereicht wird. Die Datenerfassung läuft nebenan beim Italiener diskreter. Die Kellnerinnen, die im Außenbereich um die Tische schwirren, tragen allerdings keine Masken. Die Chefin sagt, sie habe es ihnen wegen der Hitze freigestellt. „Mir kippen die Leute reihenweise um.“ Dass auf der Terrasse Gäste dicht Rücken an Rücken sitzen, kann sie sich indes nicht erklären. Einer der Tische hätte frei sein sollen, bekennt sie.

Dehoga warnt seine Mitgliedsbetriebe

Das Durcheinander ist auch dem Dehoga, dem Hotel- und Gaststättenverband, aufgefallen. Im jüngsten Newsletter warnt er seine 12 500 Mitglieder im Land davor, Hygiene- und Abstandsregeln zu lax zu handhaben. Man gehe nach Rückmeldungen der Ordnungsämter davon aus, „dass ab sofort verstärkt mit Kontrollen im Gastgewerbe zu rechnen sei“. Die Stadt Stuttgart hat derweil die Bußgelder für Maskenmuffel erhöht. Im gewerblichen Bereich liegt die Mindeststrafe nun bei 150 Euro. Überprüft wurde das bislang zumindest durch städtisches Personal indes selten. Martin Thronberens, ein Sprecher, teilt mit, dass in der Regel die Polizei kontrolliere. „Die städtische Gaststättenbehörde führt lediglich in Einzelfällen anlassbezogene Kontrollen durch.“ Bisher (Stand: 6. August) sei nur eine Wirtschaft vorübergehend geschlossen worden, die als Disco genutzt worden war, zudem ein illegales Bordell in Nebenräumen eines Lokals. Beschwerden schlagen laut Martin Thronberens jedoch täglich im Rathaus auf. Von Bürgern, aber auch von Branchenkonkurrenten.

Essen gehen in der Corona-Krise – Wir haben Stuttgarts Gastronomie mit der Kamera besucht

Die meisten Kellnerinnen und Kellner tragen Maske

Der Dehoga-Sprecher Daniel Ohl will das nicht bewerten. „Wir sind nicht die Kontrollinstanz“, sagt der Verbandsvertreter, auch beurteile der Verband die medizinische Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen nicht. Gleichwohl stellt er klar: Vor allem die Maskenpflicht im Freien stelle für Bedienungen „eine erhebliche Erschwernis“ dar.

Viele halten sich dennoch in Stuttgart auch bei über 30 Grad dran. So arbeitet am frühen Samstagabend etwa am Hans-im-Glück-Brunnen oder im Dorotheenquartier kein Kellner maskenlos. „Das sind vom Unternehmen die Vorgaben, und wir halten uns strikt dran“, sagt Alexandra Abt, die Barchefin im Breuninger-Lokal Eduard’s. Hier werden die Gäste schon am Eingang empfangen und um die Kontaktdaten gebeten. Wer sie nicht angebe, werde nicht bewirtet.

Auch im Goldmark’s-Biergarten am Charlottenplatz tragen alle Mitarbeiter Masken. Das sei eine Team-Entscheidung gewesen, immerhin gehe es auch darum, sich selbst zu schützen, sagt der Betriebsleiter Michael Brunner. „Wir machen das aus Überzeugung, das Personal wäre sonst auch nicht dabei gewesen.“ Besucher müssen sich ebenfalls etwas über Mund und Nase ziehen, bis sie an ihrem Sitzplatz sind. Von den Stammgästen gebe es dafür Lob, von Zufallsbesuchern setze es aber bisweilen auch Kritik. Michael Brunner: „Wir müssen uns verteidigen und uns angehen lassen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: