Zum Herbst verdüstern sich die Wirtschaftsaussichten im Kreis Böblingen: Fast die Hälfte der Unternehmen rechnet mit einer weiteren Verschlechterung der Lage. Die Ursachen dafür liegen laut Wirtschaftsvertretern klar auf der Hand – und seien zum Teil hausgemacht.
Wenn der Kreissparkassen-Chef Michael Fritz aus den bodentiefen Fenstern seines Büros im achten Stock blickt, ist von Flaute nicht viel zu sehen. Baukräne wohin man blickt. Und alle hieven sie Material auf die Baustellen rund um die Bahnhofstraße. Man könnte den Eindruck bekommen: Böblingen floriert. Doch der Schein trügt. „Die dunklen Wolken nehmen zu“, sagt Fritz. Das größte Geldinstitut im Kreis blicke mit Sorgenfalten auf die aktuelle Konjunkturentwicklung in dem sonst vor wirtschaftlicher Stärke so strotzenden Landkreis. Und damit ist er nicht allein.
Der aktuelle Konjunkturbericht der hiesigen Industrie- und Handelskammer spricht von einem Herbstblues. „Fehlte der Wirtschaft im Frühsommer noch der Antrieb, ist nun in den Herbst hinein bildlich die Luft raus“, heißt es darin. Außerdem hätte sich der Anteil derer, die die wirtschaftliche Lage als schlecht beurteilen, im Vergleich zum Sommer verdoppelt und läge jetzt bei 23 Prozent. Knapp zwei Drittel der von der IHK befragten Firmen berichten von einem Nachfragerückgang in den vergangenen beiden Wochen.
Laut IHK stünden nun 46 Prozent Pessimisten nur noch elf Prozent an Optimisten gegenüber, was die Zukunftserwartung angeht. Der IHK-Indikator zur Geschäftserwartung habe sich deutlich in den negativen Bereich verschoben und liege nun bei minus 35 Zählern; das ist kaum besser als im Frühjahr 2020, als Corona das öffentliche Leben lahmlegte.
„Wir spüren eine Zurückhaltung bei langfristigen Investitionen“, sagt KSK-Chef Michael Fritz. Gemeint sind zum Beispiel vor Ort ansässige Firmen, die in diesen Zeiten lieber keine Erweiterung planen oder Investitionen in die Nachhaltigkeit ihrer Gebäude aufschieben. „Bei den ganz großen Unternehmen in der Region werden für langfristige Investitionen auch andere Standorte außerhalb Deutschlands in den Blick genommen.“ Teilweise denke man über Länder wie Serbien, Kroatien und die Slowakei nach oder die USA, sagt er. Doch nicht nur die Standortfrage treibe viele um.
Inflation, Energiekosten und eine „gelähmte“ Politik
„Es gibt vielfältige Gründe, warum die Unternehmen derzeit verunsichert in die Zukunft blicken“, schreibt die IHK in ihrem Bericht. Vorrangig seien dies die hohe Inflation, gestiegene Energiekosten, viele internationale Krisen und nicht zuletzt eine als „gelähmt“ wahrgenommene Politik. „Vielfach wird die Politik schon als Konjunkturrisiko ausgemacht“, berichtet die Kammer. Es fehle den Betrieben die Aussicht, dass die Lähmung schnell angegangen wird. Besonders düster sei die Stimmung in der Industrie.
„Bei nahezu 40 Prozent läuft es nicht gut“, teilt die IHK mit. Schon im Sommer hätte die Industrie einen deutlich nachlassenden Schwung an Aufträgen gespürt. Nun habe sich die Situation in den Herbst hinein noch einmal deutlich verstärkt. Die Inlandsnachfrage ebbte bei etwas mehr als 70 Prozent der Unternehmen ab. Und im Ausland sieht es kaum besser aus: 63 Prozent der Firmen melden einen Rückgang. Nur fünf Prozent der Betriebe melden noch eine steigende Nachfrage aus dem In- und Ausland.
Ähnlich düster sind die Aussichten in der Bauwirtschaft, wo die Nachfrage nach neuen Häusern oder Wohnungen durch rapide gestiegene Zinsen bei gleichzeitig hohen Baukosten massiv eingebrochen ist. Alarmsignale kommen außerdem vom Handel: Sowohl Groß- als auch Einzelhandel melden einen Nachfragerückgang, die Kunden seien verunsichert und spürten den Druck gestiegener Preise im Geldbeutel. Einzig in der Dienstleistungsbranche gibt es Lichtblicke: 40 Prozent der Unternehmen sehen sich in einer guten Lage, wenngleich die Aufträge ebenfalls zurückgehen. Ein wesentlicher Grund für so viel Pessimismus ist der grassierende Mangel an Personal.
Personalmangel bremst die Konjunktur
„Vor allem stellen sich viele die Frage: Bekomme ich in der Region überhaupt noch qualifizierte Mitarbeiter, Stichwort: Fachkräftemangel“, sagt Sparkassen-Chef Michael Fritz. Der Standort Deutschland müsse in seinen Augen aufpassen, dass sich die Mischung aus hohen Energiepreisen und einem Mangel an Fachkräften nicht zu einem dauerhaften Standortnachteil entwickle. Nicht zuletzt bereitet ihm die Mentalität Sorgen. „Wir reden hier über eine Vier-Tage-Woche, dabei fehlt doch an vielen Stellen das Personal“, sagt er. Nur mit einem Mix aus Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften, Erhöhung der Arbeitszeit von Teilzeit-Beschäftigten und einer Steigerung der Produktivität lasse sich das Problem bekämpfen.
Bei allen Hemmschuhen warnt der Kreissparkassen-Chef dennoch vor zu großem Pessimismus. „Die Wirtschaft im Kreis Böblingen hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer geschafft, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen“, sagt er. Er habe großes Vertrauen darin, dass das in der aktuellen Rezession wieder so sei.
„Der Kreis Böblingen verfügt über starke Spieler in der Automobil- und Hightech-Industrie und dazu über einen starken und resilienten Mittelstand“, sagt er. Außerdem sei die Arbeitslosenquote niedrig und der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut. Fritz: „Darum werden wir aus dem Bundesgebiet durchaus beneidet.“ Einen zarten Hoffnungsschimmer gebe es außerdem beim Thema Zins: Hier habe sich der Wind gedreht. Nach einem rasanten Anstieg im vergangenen Jahr schwäche sich die Inflation endlich ab. Die Notenbanken hätten weitere Zinserhöhungen zuletzt ausgesetzt.