Immer wieder ausgezeichnet: Andrea Gehrlach, Prokuristin von Stuttgart Marketing, und das Weinbaumuseum. Foto: Mathias Kuhn

Andrea Gehrlach, die Prokuristin von Stuttgart Marketing, blickt auf ein schwieriges Jahr für das Weinbaumuseum zurück. Mit Zuversicht und tollen Ideen geht das Team die kommende Saison an.

Uhlbach - Die Verantwortlichen des Weinbaumuseums haben ein Jahr mit Hochs und Tiefs erlebt. An den sonnigen Herbstmonaten war die historische Uhlbacher Kelter noch beliebter Anlaufpunkt für Touristen und Weinfreunde, seit November ist sie geschlossen. Andrea Gehrlach, die Chefin des Weinbaumuseums, schaut auf ein schwieriges Museumsjahr zurück und blickt gleichzeitig hoffnungsvoll auf die kommenden Monate.

Frau Gehrlach, wie war das Jahr 2020 für Sie als Verantwortliche des Weinbaumuseums?

Das Jahr war für alle Kultureinrichtungen ein schwieriges. Wir konnten einige Monate nicht öffnen. Viele geplante Veranstaltungen fürs Weinbaumuseum konnten coronabedingt nicht stattfinden. Es galt uns zurechtzufinden. Wir prüften, wie wir für die Besucher und für unser Thema Wein da sein konnten. Unsere Onlineweinproben sind hier hervorragend angekommen. Grundsätzlich können wir eine positive Bilanz ziehen. Wenn ich die Besucherzahlen bis Ende Oktober anschaue, als der zweite Lockdown beschlossen wurde, dann liegen wir nur knapp unter den Zahlen des Vorjahres. Deswegen sind wir sehr zufrieden.

Wie kommt dies?

Die Bewohner aus der Region haben ihre Heimat neu entdeckt. Da konnten wir ab Mai mit dem Weinbaumuseum punkten und viele neue Fans gewinnen. Das Wetter half dabei mit.

Hat der Weinbau durch Corona an Bedeutung gewonnen?

Das Thema heimischer Wein hat sicherlich vergangenes Jahr viel Interesse geweckt. Wenn ich mich mit heimischen Wengertern unterhalte, sagen fast alle, dass der Handel und der Verkauf vom Hof zugelegt habe. Natürlich fehlen ihnen Absatzbereiche aus der Gastronomie, aber sie konnten auch neue Kundenschichten erreichen. Kunden haben sich daheim eingedeckt, lokale Weine probiert. Weine aus der Region sind in aller Munde und wir im Weinbaumuseum haben im Sommer und im goldenen Herbst 2020 davon profitiert. Wir müssen jetzt schauen, dass wir dieses Interesse wach halten.

Beim Wunsch Wein zu entdecken, sind die Menschen im Weinbaumuseum ja auch gut aufgehoben. Wie kamen die Freitagsweinproben an?

Die Freitagsweinproben waren sehr gut besucht, wobei wir darauf achteten, dass wir keine zu großen Gruppen gebildet haben, um das Infektionsrisiko zu verringern. Es sind vor allem viel junge Menschen, die die Weine entdecken. Auch bei den Weinwanderungen, bei der Weintour mit dem neuen Cabrio-Bus und den Segway-Touren war der Zulauf fantastisch. Wir hatten im November auf die Glühweintouren gehofft. Wir hatten bereits viele Vormerkungen, mussten die Termine aber absagen.

Neu im Programm haben Sie 2020 eine Krimitour aufgenommen. Wie lief sie?

Alle Termine waren schnell ausgebucht. Für November hatten wir Ersatztermine geplant. Aber im kommenden April wird es weitere Termine mit dem Stuttgarter Krimiautor geben. Sein Krimi spielt in Uhlbach. Er führt die Teilnehmenden an die Orte seines Romans.

Welche Neuerungen wird es 2021 noch geben?

Wir wollen künftig donnerstags Wein und Kuchen anbieten. Immer wieder kamen Besucherinnen und Besucher mit dem Wunsch nach etwas Süßem auf uns zu. Deswegen bieten wir es an. In der Reihe der Weintouren haben wir zusätzlich eine Keltertour ins Programm aufgenommen. Wir wandern von der Alten Kelter in Fellbach über Rotenberg ins Weinbaumuseum. Die Bachakademie wird dieses Jahr wieder während des Musikfests ins Weinbaumuseum kommen und zum Thema Jazz und Sekt haben wir auch noch eine Idee.

Was passiert mit der Weindegustation Stuttgarts beste Weine?

Wir wollen uns die Entscheidung offen lassen. Geplant war die Weindegustation im Frühjahr im Stadtpalais. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Aber größere Events wie die Degustation von Stuttgarts besten Weinen machen noch keinen Sinn. Wir gehen davon aus, dass wir bis zum zweiten Halbjahr keine Großveranstaltungen durchführen können. Vielleicht bekommen wir die Weindegustation im Herbst organisiert. Ob wir dies im Weinbaumuseum oder woanders in der Stadt durchführen, müssen wir abwarten.

Und die Bustouren? Bieten Sie 2021 auch die Fahrten mit dem Oldtimerbus und die regelmäßige Weintour-Linie mit den Cabriobus an?

Die Termine für den Oldtimerbus stehen bereits fest. Auch der E-Cabrio-Bus soll von 1. April an wieder auf Tour gehen – natürlich abhängig von den Coronabestimmung. Er soll dann von Donnerstag bis Sonntag fahren. Wir hatten den Fahrplan 2020 auf Freitag bis Sonntag reduziert. Jetzt wollen wir bewusst zwei Werktage mitnehmen, sodass hier Normalität einkehrt. Die Nachfrage muss allerdings vorhanden sein.

Der Weintourbus hat noch einen Vorteil. Er ist eine Alternative gegen das Parkchaos in Rotenberg.

Sicherlich. Im Neckarpark, an der Anfangshaltestelle, gibt es genügend Parkmöglichkeiten. Der Bus fährt jede Stunde. Die Fahrgäste können aussteigen, spazieren gehen, etwas trinken und essen und dann wieder einsteigen und zur Endhaltestelle fahren. Eine bessere Möglichkeit in die Weinberge rund um den Württemberg zu gelangen, gibt es nicht. Dazu bekommt man auf der Fahrt noch etwas über den Weinbau in Stuttgart erzählt. Es gibt aber auch die SSB, die regelmäßig mit großen Bussen nach Uhlbach und Rotenberg verkehren.

Wie wird sich der Tourismus mit ausländischen Gästen entwickeln?

Wir gehen davon aus, dass die Gäste aus den europäischen Nachbarländern im Laufe des Jahres 2021 wieder stärker nach Stuttgart reisen werden. Die Perspektive insgesamt für den internationalen Tourismus ist verhalten. Die Experten gehen davon aus, dass wir 2024 wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen werden. Wie langwierig die Erholung sein wird, ist schwer vorhersagbar. Die Reiselust ist vorhanden, aber wir müssen abwarten, wie sich die Bestimmungen entwickeln. Stuttgart hatte traditionell ein vergleichsweise hohes Niveau an ausländischen Übernachtungsgästen. Darunter waren auch viele Geschäftsreisende. Diese Art von Tourismus wird sich vermutlich nicht so schnell erholen. Es müssen dafür wieder große Tagungen und Kongresse stattfinden. Wir werden einen langen Atem benötigen.

Setzen Sie dann mehr auf den innerdeutschen Städtetourismus?

Auch. Wir haben 2020 bereits Imagekampagnen in Bayern oder Nordrhein-Westfalen unter dem Motto „Das ist Stuttgart – Region der Entdecker“ geschaltet. Dabei spielen wir mit mehreren Themen, aber eben auch mit Wein und Genuss. Dies ist für die Landeshauptstadt ein wichtiges Thema. Nun bereiten wir die zweite Restart-Welle vor und konzentrieren uns dabei zunächst auf einen Umkreis von 200 Kilometern. Wir wollen den Menschen Ideen geben, was sie in ihrer näheren Umgebung erleben können und ihnen die Region Stuttgart mal von einer anderen Seite zeigen – auch mit der Möglichkeit sich mal eine längere Auszeit mit Übernachtung zu gönnen.

Sie blicken also zuversichtlich in die kommende Saison des Weinbaumuseums?

Durchaus. Wir haben Pläne, viele attraktive Angebote und Ideen, wissen aber auch, dass wir auch Geduld benötigen werden.

Das Interview führte Mathias Kuhn.

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