Wild abgestellt: Auch mitten auf dem Blindenleitstreifen an der Fußgängerampel an der Stadtbahnhaltestelle „Blick“ werden E-Roller einfach irgendwie „geparkt“. Foto: Mathias Kuhn

E-Roller boomen – zum Leidwesen vieler Fußgänger. Wild abgestellte Zweiräder versperren den Weg. Für Sehbehinderte sind sie aber gefährliche Stolperfallen.

Untertürkheim - Hoppla, da versperrt ja ein E-Scooter oder sogar ein blauer Sharing-Motorroller den Weg. Worüber sich viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter kurz ärgern, kann für Blinde oder Sehbehinderte zu einer gefährlichen Stolperfalle werden. Sie müssen die Erfahrung machen, dass zusätzlich zu den sonstigen Hindernissen und Herausforderungen im Straßenverkehr an überraschenden Stellen Zweiräder „geparkt“ werden: mitten auf Gehwegen, auf einer Treppenanlage oder sogar auf dem Blindenleitstreifen an einer Ampel – wie am Überweg an der Stadtbahnhaltestelle „Blick“ oder am Wilhelmsplatz. Wenn dann viele Fahrgäste gleichzeitig nach draußen drängen, kann der Scooter zum Stolperstein werden – übrigens: für Sehende und Behinderte.

Unweit der Werkstatt der Nikolauspflege beim Herzogenberg wurde der weiße Streifen eingerichtet, mit deren Hilfe sich Sehbehinderte orientieren und sicher über die Straße führen lassen können. Die geriffelte Oberfläche auf dem Boden hilft den Sehbehinderten jedoch wenig, wenn auf dieser Fläche ein Roller steht. „Immer wieder kommt es zu Unfällen. In einem anderen Bundesland hat sich ein älterer Sehbehinderter beim Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen“ berichtet Winfried Specht vom Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg.

E-Scooter, aber auch alle anderen Fahrzeuge, die auf Blindenleitstreifen stünden, würden blinden und sehbehinderten Menschen ihre Orientierungshilfe verstellen. „Blindenleitstreifen, die aus Rippen- und Noppenplatten bestehen, werden eigens für diesen Personenkreis auf Gehwegen und in Fußgängerzonen verlegt, um diesem Personenkreis eine sichere und zielgerichtete Orientierung zu geben“, sagt Specht. Die Sehbehinderten verlassen sich auf ihren Tastsinn. Wenn sie die wild abgestellten Fahrzeuge nicht wahrnehmen, ist ein „Zusammenstoß“ oder ein Stolperer kaum zu vermeiden.

Der Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg (BSV) appelliert deswegen an die Nutzerinnen und Nutzer von E-Scootern, dass sie diese nur an den dafür vorgesehenen Plätzen oder zumindest außerhalb von Gehbereichen abstellen und den Abstand zu den Blindenleitlinien wahren. Das gelte im Übrigen auch für geöffnete Fahrertüren von Autos. „Eine gegenseitige Rücksichtnahme unter allen Verkehrsteilnehmern führt zu einem guten Miteinander im öffentlichen Raum“ sagte Angelika Moser, die Vorsitzende des BSV. „Dabei sollten sich die Nutzerinnen und Nutzer von E-Scootern und auch Fahrrädern zudem bewusst sein, dass blinde und sehbehinderte Menschen diese nicht hören können, wenn sie an ihnen vorbei fahren oder ihren Weg queren.“

Der Behinderten-Verband setzt auf Verständnis. „Wir werden Gespräche mit Vertretern der Verleihfirmen führen“, sagt Specht. Gemeinsam wolle man Lösungsmöglichkeiten suchen. 98 Prozent der Scooter-Nutzer würden sich korrekt verhalten, heißt es vonseiten der E-Scooter-Branche. Doch die zwei Prozent Ausnahmen können die Versehrtheit der Sehbehinderten gefährden, entgegnet Specht.

„Rücksichtsloses Fahren und Abstellen ist eine Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen. Auch ältere und behinderte Menschen oder kleine Kinder sind gefährdet, da sie nicht so schnell und flexibel ausweichen können“, ergänzt Simone Fischer, Beauftragte der Landeshauptstadt Stuttgart für die Belange von Menschen mit Behinderung. Neben Rücksichtnahme würden schwächere Verkehrsteilnehmer geeignete Vorkehrungen benötigen. „Ziel ist und muss es sein, dass E-Scooter und andere Fahrzeuge so abgestellt werden, dass sie niemanden in der Fortbewegung einschränken oder stören. Ausreichend gesicherte Abstellmöglichkeiten und konsequente Kontrollen helfen, damit sich alle Menschen gefahrlos und sicher in ihrer Stadt bewegen können.“ So gibt es in Skandinavien bereits E-Scooter-Parkstationen und die Verleihunternehmen sind bemüht, dass sie die wild im Stadtbild deponierten Roller über Nacht wieder einsammeln und diese an meist gute frequentierte Standorte zurückbringen.

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