Ein Gespräch mit den Rot-Kreuz-Ehrenamtlichen ist für Wohnsitzlose so wertvoll wie eine Tasse heißer Tee in kalter Nacht. Foto: DRK/Oliver Willikonsky

Stefanie Rothfuß und ihre KollegInnen vom Deutschen Roten Kreuz Untertürkheim sind regelmäßig mit dem Kältebus unterwegs und kümmern sich in eisigen Winternächten um Wohnsitzlose.

Untertürkheim - Wenn sich Stefanie Rothfuss am Samstag gegen 20 Uhr warme Strümpfe und dicke Winterkleidung anzieht, macht sie sich für ihren ehrenamtlichen Dienst bereit. Die stellvertretende Leiterin der Untertürkheimer Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) trifft sich gegen 21 Uhr mit einem Kollegen oder einer Kollegin beim DRK-Kreisverband in der Reitzensteinstraße. Das Duo wird von 22 Uhr bis 2 Uhr – oder später – mit dem Kältebus unterwegs sein. Es kümmert sich um jene, die bei eisiger Kälte im Freien überleben müssen: Wohnsitzlose. „Der Kältebus ist ein Projekt der Stadt Stuttgart und des DRK Kreisverbands Stuttgart. Seit 2013 sind wir mit einem eigenen Bus unterwegs, wenn die Temperatur nachts unter den Gefrierpunkt fällt“, sagt Sandra Welsch vom DRK, die das Projekt koordiniert. Dank vieler Spenden konnte das DRK 2018 einen neuen VW-Bus erwerben und speziell für Einsätze in frostigen Nächten umbauen. Im Innenraum ist ein Regalsystem mit Boxen eingebaut. Sie sind beschriftet: Decken, Handschuhe, Schals, Mützen, Socken, Hundebedarf. Mit einem Handgriff können die DRK-Helfer das benötigte Kleidungsstück finden. Links und rechts sind Decken und Schlafsäcke zusammengerollt. Direkt an der hinteren Tür hat es Platz für Kisten mit den Kannen voll heißem Wasser und Sanitätsmaterial. Wichtig: Der Bus verfügt über eine Standheizung und Außenbeleuchtung, damit die Ehrenamtlichen gesehen werden, aber auch damit sie in dunklen Winternächten selbst etwas sehen, wenn sie Tee ausschenken oder jemanden medizinisch versorgen.

Bevor es gegen 22 Uhr auf Tour geht, müssen Rothfuß und ihr Kollege den Kältebus neu bestücken: Kleidungsstücke und Decken nachfüllen, Wasser kochen und es in die zwei großen Thermoskannen füllen sowie Nahrungsmittel mitnehmen. „Kleine, verpackte Snacks, Schokotafeln, manchmal Suppenterrinen zum Aufbrühen, Snacks für Hunde, aber auch Hygieneartikel“, sagt Rothfuß. Denn die Corona-Pandemie und der Lockdown erschweren es, den Wohnsitzlosen ihren Alltag zu finanzieren. Die Straßen sind leerer. Sie finden keine Pfandflaschen, erhalten keinen Groschen von Passanten gespendet, niemand merkt, wenn es ihnen nachts schlecht geht. „Mindestens so wichtig wie der heiße Tee oder etwas zu essen, ist für viele deswegen das kurze Gespräch und jemand, der zuhört und ihre Sorgen teilt“, sagt Rothfuß. Menschliche Wärme gegen die Kälte der Winternacht.

Der Kältebus fährt eine Route mit rund 30 Orten in der Innenstadt und den Stadtbezirken ab: öffentliche Plätze in der Nähe von Stadtbahnhaltestellen wie dem Charlottenplatz, die Königstraße, die Paulinenbrücke, aber auch die Gegend rund um den Cannstatter Bahnhof oder den Karl-Benz-Platz. „Wir müssen jedoch flexibel sein“, sagt Rothfuß. Polizei, Taxi- oder Busfahrer melden Wohnsitzlose und auch Privatleute rufen auf der Kältebus-Hotline an. Vergangenen Samstag – bei starkem Schneefall – wurde der Kältebus nach Botnang gebeten. Kurz danach meldete die Polizei eine wohnsitzlose Frau in der Innenstadt. „Sie konnten wir sogar bewegen, eine Notunterkunft aufzusuchen und ihr eine Übernachtungsstelle organisieren.“ Gezwungen werde niemand. Die Kältebusteams bieten ihre Hilfe an. Wer keinen Tee oder andere Unterstützung will, werde in Ruhe gelassen.

Die meisten Wohnsitzlosen und deren Lieblingsplätze kennt Rothfuß, die seit sechs Jahren mit dem Kältebus unterwegs ist, allerdings bereits. „Es huscht oft ein Lächeln über deren Gesicht, wenn sie uns sehen.“ Es herrscht ein familiärer Ton. „Viele wollen mit den Vornamen angesprochen werden.“ Die Untertürkheimerin kennt auch oft deren Lebensgeschichte. Sie sind unverschuldet in die Situation geraten, sind liebenswerte und friedfertige Menschen. „Mit den Wohnsitzlosen habe ich noch selten unangenehme Situationen erlebt. Brenzlig wurde es, wenn nächtliche Partygänger aggressiv wurden oder Unbeteiligte uns anpöbeln, weil wir sie bitten, es zu unterlassen, Wohnsitzlose in hilflosen Situationen zu filmen.“

Pro Nacht sind die Rot-Kreuz-Helfer zwischen 30 und 60 Kilometer unterwegs und treffen dabei zwischen 15 und 30 Männer und Frauen an, denen sie in irgendeiner Form helfen können. Jedes Zusammentreffen wird dokumentiert. „Wenn ein Wohnsitzloser einen Kleiderwunsch hatte, den wir nicht erfüllen konnten, können wir dies für das Team notieren, das am kommenden Tag unterwegs sein wird“, sagt Rothfuß. Finanziert wird das Projekt über Spenden. Bürger- und Bürgerinnen geben Kleidungsstücke in der DRK-Kleiderkammer ab oder spenden Geld, mit denen die Kältebus-Organisatoren Decken, Essen und andere Gaben für die Wohnsitzlosen einkaufen können. Das Rote Kreuz erhält zudem von der Stadt eine Aufwandsentschädigung für den nächtlichen Einsatz ihrer Ehrenamtlichen. „Das Schönste ist jedoch die Dankbarkeit und die leuchtenden Augen der Wohnsitzlosen. Sie geben uns so viel zurück. Dies ist der ursprüngliche Gedanke des Roten Kreuzes und der wertvollste Dienst: Menschen helfen, die sich nicht mehr helfen können. Dafür schlagen wir uns gern eine kalte Nacht um die Ohren.“

Wer den Kältebus unterstützen will, kann dies tun: DRK-Kreisverband Stuttgart, BW Bank Stuttgart

IBAN: DE05600501010001130113

BIC: SOLADEST600

Verwendungszweck: Kältebus.

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