Die Münsterbauhütten von Ulm, Freiburg und Schwäbisch Gmünd zählen jetzt zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Der Erfolg soll mehr Touristen in die Städte und Spender für den Erhalt der Kirchen locken.
Ulm/Freiburg - Der in Ulm beheimatete evangelische Dekan Ernst-Wilhelm Gohl ist glücklich. Seit dem 17. Dezember ist die Bauhütte des Ulmer Münsters, deren Ursprünge aufs Jahr 1377 zurückgehen, Teil des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Die Auszeichnung erhielten im Südwesten auch die Bauhütten des Freiburger Münsters und des Münsters von Schwäbisch Gmünd. Noch 16 weitere europäische Werkstätten aus fünf Ländern zählen zu den Geehrten. Dekan Gohl sieht „in Bezug auf den Brexit auch politisch ein tolles Signal“.
Die Idee für die Sammelbewerbung in Paris ist vor fünf Jahren in Ulm entstanden. Das Münsterbauamt und die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Ulm nahmen Kontakt zu Eva-Maria Seng auf, Lehrstuhlinhaberin für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Universität Paderborn. Sie stammt aus einem Pfarrhaushalt im Ulmer Stadtteil Wiblingen. Seng verhalf der Bewerbung zur richtigen Wortwahl. „Das Bauhüttenwesen zeigt, wie die generationenübergreifende Bewahrung, Weitergabe und Förderung von Handwerkstechniken und Wissen gelingen und als Innovationsmotor fungieren kann“, sagt sie.
Wichtige Personalwechsel in Freiburg und Ulm
Der langjährige Ulmer Münsterbaumeister Michael Hilbert war noch selber nach Paris zur Unesco gereist, hatte bei seiner europäischen Kollegenschaft für den gemeinsamen Vorstoß geworben – mit Erfolg. „Wir haben keine Berufsgeheimnisse und sehen keine Konkurrenz, sondern lernen voneinander“, sagt auch jetzt der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich. Hilbert verstarb diesen April nach schwerer Krankheit. Seine kürzlich gewählte Nachfolgerin ist die Bamberger Architektin Heidi Vormann, sie tritt Mitte Februar ihren Posten an.
Auch in Freiburg steht ein Umbruch bevor. Für die Freiburger Münsterbaumeisterin Yvonne Faller ist das Kulturerbe-Siegel eine Art I-Tüpfelchen auf die zu Ende gehende Tätigkeit nach 15 Jahren. Aus gesundheitlichen Gründen wird sie Mitte 2012 aus dem Amt ausscheiden, ihre Stelle ist ausgeschrieben. „Wir freuen uns außerordentlich über die Anerkennung“, freut sich die Bäckerstochter aus Südbaden. „Es ist eine Würdigung der Arbeitsweise der Bauhütten: die kontinuierliche Pflege der Bauten über Jahrhunderte und die Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation“.
Ulm startet nächstes Jahr eine Ausstellung
In Ulm soll die Auszeichnung nun auch touristisch genutzt werden. Mit einem Betrag von jeweils 230 000 Euro finanzieren die Kirchengemeinde sowie die Stadt eine Ausstellung im städtischen Informationszentrum „m25“ am Münsterplatz. Die Arbeit der Bauhütte soll „sinnlich erfahrbar“ werden, heißt es, die Eröffnung ist für die zweite Jahreshälfte 2021 geplant. Schon bisher besuchen rund eine Million Menschen jährlich das Ulmer Münster.
Das Unesco-Siegel, so die Hoffnung, könnte auch private Spender motivieren- und so die Last für den Steuerzahler mindern. Nach Kirchenangaben kostet allein der Erhalt des Ulmer Münsters jährlich rund 2,5 Millionen Euro. In Ulm steuert das Land rund eine Million Euro bei, ebenso die evangelische Landeskirche. Ähnliche Zahlen werden in Freiburg genannt, wo sich die Erzdiözese Freiburg, Land, Stadt und einige Stiftungen die großen Kostenblöcke teilen.
Ohne Spender ginge das alles trotzdem nicht. Bis zu 300 000 Euro des Ulmer Budgets sind Spenden von Privatleuten. Der Freiburger Münsterverein sammelt sogar 1,2 bis 1,7 Millionen Euro jährlich von Spendern und Sponsoren ein. Geld, sagt Gohl, ohne das die unendliche Wanderung der Baugerüste ums Münster wohl bald zu Ende wäre. Auf neue Impulse für den Erhalt der Kirchendenkmäler hofft nun auch Yvonne Faller. Und die Gönner, die schon da seien, sähen sich hoffentlich in ihrem Engagement für eine „gute Sache“ bestätigt.