Eine Tübinger Schule hat für drei Wochen ukrainische Jugendliche zu Gast. Der Krieg ist 30 Stunden Zugfahrt entfernt – und manchmal doch so nah.
Natürlich kann man es so formulieren, wie auf der Webseite der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen. „Mittels Kreativität und kultureller Bildung können Resilienz und Stabilität der Kinder gestärkt werden.“ Oder man kann es erleben, wenn man in eines der Klassenzimmer blickt. Da sitzen ein paar Dutzend Jugendliche, machen Brettspiele, backen Waffeln, spielen Uno, quatschen, lachen und sind bester Laune. Momente des Unbeschwertseins und des Glücks. Für die Deutschen im Klassenzimmer mag das die Regel sein. Für 18 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine ist es die große Ausnahme.
Deutschlandweites Projekt
Deutschlandweit haben sich 13 Schulen an dem Projekt der Unesco beteiligt – die Geschwister-Scholl Schule in Tübingen ist die einzige im Südwesten. Die UN-Bildungsorganisation schickt rund 200 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in eine Auszeit vom Krieg. In Tübingen hat die Gruppe nur wenige Tage benötigt, um voll und ganz anzukommen. Eine super Stadt, super Architektur, super Menschen, schwärmt Maxim. „Und so gut wie kein Müll auf den Straßen, das ist in Kiew anders“, sagt der Junge, der in wenigen Monaten 18 Jahre alt wird und an die Universität wechselt. „Studenten müssen nicht zum Militär.“
Der Krieg ist 30 Stunden Zugfahrt entfernt. Und er ist doch so nah. Wenn die Spitzenmeldung in den deutschen Morgennachrichten darüber informiert, dass Kiew in der Nacht wieder von russischen Drohnen angegriffen wurde, greift nicht nur Angela Prokopenko zu ihrem Handy. Eine App gibt detaillierte Auskunft darüber, in welchen Teilen der Stadt es zu Einschlägen gekommen ist. „Bei uns war es ruhig, zum Glück“, sagt die 17-Jährige. Urlaub vom Krieg, während die Eltern und die jüngere Schwester noch unter der ständigen Gefahr von Angriffen leben – es ist ein Urlaub mit eingeschränktem Erholungseffekt.
Ein freies Leben wie früher
Wobei der nicht zu unterschätzen ist. Von einer „emotionalen Tankstelle“ spricht Thomas Weber, der Geschäftsführer des Zentrums für Trauma- und Konfliktmanagement in Köln. Auch wenn klar sei, dass es nach dem Aufenthalt wieder zurückgehe in die Krise, so sei das Unterbrechen der traumatischen Situation doch wichtig. „Das hilft sehr für eine kurze Beruhigung“, sagt der Psychologe, der die Schule im Auftrag der Unesco beraten hat. Angela Prokopenko sagt es in ihren Worten: „Ich fühle mich wieder als normaler Mensch, es ist ein Leben so wie früher.“
Wie belastend das Leben mit der ständigen Angst vor Luftalarm und Raketeneinschlag sein kann, das hat auch Julia Murken erlebt, „wenigstens ein bisschen“. Zusammen mit zwei Kollegen hat die Lehrerin die Reisegruppe im westukrainischen Lviv abgeholt und über Berlin nach Tübingen geleitet. Murken gehört zu den Pädagogen, die nicht erst jede Feinheit in Versicherungsfragen bis zu Ende beantwortet haben muss, sondern die einfach anpacken. Das „beklemmende Gefühl“, am Rande des Kriegsgebietes zu sein, will sie nicht verhehlen. Dass der Einsatz gelohnt habe, das sei aber schon auf der Zugfahrt klar gewesen, als sich die Gruppe mit dem Kartenspiel Uno fit gehalten hat.
Uno – nicht nur im Luftschutzkeller
Uno, das sei auch eine der beliebtesten Beschäftigungen im Luftschutzkeller, sagt Angela Prokopenko. Dahin müssen die Jugendlichen in Kiew oft. Weil der Schutzkeller nicht groß genug ist, um alle Schülerinnen und Schüler zu schützen, habe die Schule inzwischen ein Zweischichtsystem eingeführt, sagt Natalia Lipina, eine der drei ukrainischen Lehrerinnen, die die Gruppe begleiten. Lipina, Prokopenko und alle anderen sprechen perfektes Deutsch. Die Schule Nummer 14 Serhij Hruschewskij gehört zu den Bildungseinrichtungen, in denen Deutsch von der ersten Klasse an gelehrt wird, und auf der man ein deutsches Diplom machen kann.
In Tübingen steht neben dem Schulbesuch ein buntes Programm an Aktivitäten für die ukrainischen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren bereit. Besuche in der Wilhelma, am Baggersee oder auf der Burg Hohenzollern – oder eben ein Nachmittag mit Waffeleisen, Brettspielen und Schülern aus der Universitätsstadt im Schulgebäude und – natürlich mit den nationenübergreifend beliebten Uno-Karten.
Ihre Schule in Kiew, die sei schon gut, sagt Angela Prokopenko. Aber die Schule in Tübingen, das sei „ein anderer Planet“. Eine Holzwerkstatt, ein Banjoworkshop, eine Theater-AG oder das Sezieren eines echten Schweineherzens – all das hat die junge Ukrainerin schon in ihren ersten Tagen erlebt. „Unglaublich, wie man hier speziell auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingeht“, ist ihr Kommentar dazu. In Kiew, da sei noch in viel stärkerem Maß das Studium der Bücher an der Tagesordnung. Der große Wunsch der 17-Jährigen: Noch mehr durch Deutschland reisen. „Hier fühle ich mich so angenehm und so frei.“