Mehr als 400 Kilogramm Streuobstäpfel liefert Werner Friesch (rechts) bei der Fruchtsaftkelterei in Uhlbach ab. Foto: Alexander Müller

Es ist eine gute Ernte für den heimischen Apfelsaft auf den Streuobstwiesen. Mit knapp einer Million Liter rechnet die einzige Fruchtsaftkelterei in Stuttgart. Der Preis pro 100 Kilogramm Äpfel liegt bei 7 Euro.

Uhlbach - Erst einmal tief durchatmen lautet das Motto von Werner Friesch – gerade hat der Esslinger mehr als 410 Kilogramm Äpfel aus seinen Stoffsäcken ins große Bodensilo gekippt. „Es ist deutlich mehr ein Hobby als lohnender Verdienst“, weiß er um die schweißtreibende Tätigkeit. Doch das Obst einfach auf den Bäumen hängen zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage. Wie in jedem Jahr führt ihn der Weg im Herbst zu Fruchtsäfte Mayer in Uhlbach. Vor zwei Wochen hat bei der einzigen Fruchtsaftkelterei Stuttgarts offiziell die Apfelsaftsaison begonnen. Bis zum Ende „werde ich sicher fast eine Tonne an Äpfeln aufgelesen und abgeliefert haben“, erklärt Friesch. Verdienen kann man dabei nicht wirklich etwas, „aber wenn man die Gutscheine nimmt, ist es doch lohnenswert“, weiß der Hobbygärtner. Für 100 Kilogramm abgelieferte Äpfel erhält er immerhin 60 Liter Apfelsaft. Angst, dass dieser angesichts der großen Menge nicht wegkommt, hat der Esslinger nicht. „Dafür sorgen schon meine drei Enkelkinder.“

Wie Friesch geht es vielen: Die Bäume hängen teilweise zum Brechen voll. „Teilweise brechen die Äste unter der Last bereits herunter“, weiß Christel Schäfer. Die Vorsitzende des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Esslingen liefert ihr Obst auch in der Uhlbacher Straße ab. Sie weiß: „Im Gegensatz zum Vorjahr gibt es Unmengen an Obst“. Aber bei weitem nicht alles kommt auch bei Fruchtsaft Mayer an. „Ein großer Teil ist bereits auf dem Baum verfault“, sagt Schäfer. Grund dafür war ein Hagelschauer Ende Juni, aber auch die anhaltende Trockenheit. Und noch etwas hat die Hobbygärtnerin festgestellt: Vermutlich durch die Coronakrise haben wieder vermehrt Menschen den eigenen Garten als Urlaubs- oder Rückzugsort für sich entdeckt. „Es kommen deutlich mehr anfragen zur Bestimmung der Apfelsorten bei uns an. Viele Gartenbesitzer wissen einfach nicht, was genau bei ihnen wächst“.

Trotz der Probleme mit den Hagelschäden ist Alexander Mayer mit der Ernte zufrieden. „Es ist ein starkes durchschnittliches Jahr.“ In den ersten beiden Wochen wurden bereits 147 000 Liter Apfelsaft gepresst. Deutlich mehr als im Vorjahr, aber ebenso deutlich weniger als im Spitzen-Ertragsjahr 2018 als zum gleichen Zeitpunkt bereits mehr als 400 000 Liter in den Tanks lagerten. Bis zum Ende der Saison rechnet Mayer mit knapp 1 Million Liter. „Das ist ordentlich und hilft uns wieder die Lager zu füllen.“

Denn im vergangenen Jahr waren es letztendlich lediglich 211 000 Liter, im Gegensatz zum absoluten Rekordjahr 2018 mit knapp zwei Millionen Litern. Eine Alternanz gab es immer – damit wird der Wechsel bezeichnet, dass die Bäume im jährlichen Rhythmus immer einen sehr guten und einen schwachen Ertrag bringen. „Aber die Unterschiede werden immer größer“, weiß Mayer. Noch in den 1990er-Jahren waren die Ausschläge in Richtung gut oder schlecht nicht bei weitem so deutlich, unterstreicht Mayer mit Blick auf die eingetragenen Erntemengen. „In diesem Jahr bekommen wir mehr als vier Mal so viel Saft wie im Vorjahr.“

Im Hinblick darauf würde er gerne seine Lagerkapazitäten erweitern. Im Augenblick „können wir für rund eineinhalb Jahre sterilen Apfelsaft in unseren Tanks lagern“, erklärt Mayer. Sollte es daher einmal zu zwei ernteschwachen Jahren hintereinander kommen, könnte es eng werden. So ging schon einmal im Frühjahr 2018 der Stuttgarter Apfelsaft aus. Dieser wird ausschließlich aus ungespritzten Äpfeln aus Stuttgarter Streuobstwiesen hergestellt. Das vom eigenen Förderverein unterstützte Projekt zum Erhalt der Landschaft in der Landeshauptstadt darf ausschließlich von Mayer produziert werden und wird bei besonderen Anlässen auch im Rathaus ausgeschenkt.

Die Schwankungen in der Erntemenge schlagen sich auch im Preis nieder. Wobei dieser deutlich geringeren Schwankungen ausgesetzt ist, als in anderen Regionen. Der vom Bundesverband Hochstamm kritisierte Preisdruck am Bodensee für biozertifiziertes Bio-Mostobst – die Erzeuger reduzierten den Preis von 20 auf 17 Euro pro 100 Kilogramm – schlägt sich in Stuttgart nicht nieder. „Für die Hobby-Obstanbauer mit ihren kleinen Flächen rechnet sich ein solches Zertifikat nicht“, weiß Mayer. Pro Doppelzentner zahlt er in diesem Jahr 7 Euro, im Vorjahr waren es aufgrund der geringen Ernte 8 Euro. Für den Stuttgarter Apfelsaft 13 Euro.

Um das Geld geht es den allermeisten Kunden aber nicht. „Man trägt seinen Erhalt zur Landschaft bei“, bringt es Wolfgang Mickeler auf den Punkt, „und zudem kann man für die Gutscheine hervorragenden Apfelsaft genießen“.

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