1950 in Bayern: Ankunft vertriebener Sudetendeutscher Foto: ICRC Archives

Die Deutschen haben in den Nazijahren Grausamkeiten an den Tschechen begangen, die Tschechen danach an den Deutschen. Die zweiteilige Doku „Vertreibung – Odsun“ bei Arte rechnet das nicht auf. Sie macht aber Geschichte verständlich und erzählt auch von Versöhnung.

Stuttgart - Eine bittere Wahrheit, gleich zu Anfang ausgesprochen: „Europäischer Gebirgszug mit sieben Buchstaben: Sudeten. Wenn es nur so einfach wäre. Der Name klingt mehr nach Geschichte als nach Landschaft – gestrig, revanchistisch, konfliktbeladen.“ Das tschechisch-deutsche Autorenduo Vít Polácek und Matthias Schmidt gibt in seiner bei Arte zu sehenden, zweiteiligen Dokumentation „Vertreibung – Odsun“ gleich zu, wie belastet Land und Geschichte sind. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg fürchteten viele das Sudetenland, das nun wieder zur Tschechoslowakei gehörte, als potenziellen Eiterherd, der alleine schon Ost und West in unversöhnlicher Konfrontationsstellung hätte halten können.

Keine Rachegelüste

Dass diese Zeiten vorbei sind, trotz des Gekeifes einiger Scharfmacher, zeigt diese Dokumentation so unaufgeregt wie eindringlich. Bei den letzten Zeitzeugen jener Vertreibung, die auf Tschechisch Odsun heißt, gibt es wie bei den Jungen keine Revanchegelüste mehr. Dass Trauer um eine verlorene Heimat, ein bleibendes Entwurzelungsgefühl und Erinnerungen an Gewalt und Leid etwas anderes sein können als der Nährgrund von Rachegefühlen, wird in den Interviews mit den Älteren deutlich.

Dass junge Tschechen sich nicht mehr bedroht fühlen, wenn ein paar deutsche Greise davon erzählen, dass alles einmal anders war, sehen wir auch gleich anfangs. „Wir haben hier in Tschechien eine untergegangene Zivilisation“, sagt einer von ihnen. „Wir wissen von den sagenhaften Maya und Inka, aber wir haben das hier auch, 70 Kilometer entfernt von Prag.“ Er gehört zu denen, die versuchen, die Ruinen des Örtchens Königsmühle als Denkmal zu erhalten. 53 Deutsche lebten hier bis zum Mai 1945. Nach ihrer Vertreibung zog niemand mehr her, die Häuser verfielen.

Abgehängte Gruppe

Mustergültig erzählt „Vertreibung – Odsun“ Geschichte von oben und unten, zeigt die große Politik und wie sie ins Leben der einzelnen Menschen durchschlug. Ohne Relativierungen wird fatale Historie herausgearbeitet: wie sich Deutsche und Österreicher nach dem Ersten Weltkrieg als starke Bevölkerungsgruppe in der neu geformten Tschechoslowakei wiederfanden, sich als abgehängte Gruppe begriffen, sich unter dem Einfluss Nazideutschlands radikalisierten, und wie sie nach der Okkupation des Landes eine Weile als Herrenrasse auftraten.

Die Grausamkeiten der Deutschengegenüber Tschechen und die späteren Grausamkeiten der Tschechen gegenüber Deutschen werden nicht aufgerechnet. Der Film macht nur klar, wie das eine aus dem anderen hervorging. Mit selten zu sehenden Originalaufnahmen und einer klugen Gliederung hält er eine deutsche, tschechische und europäische Geschichtsstunde ab, die man gar nicht genug empfehlen kann.

Ausstrahlung: Arte, Dienstag, 17. November 2020, 22.50 Uhr. In der Mediathek des Senders bis zum 17. Dezember 2020.

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