An der Ran-Tankstelle in Wangen ist die Kundenfrequenz laut Pächter Friedrich Haag seit Jahren konstant. Foto: Sebastian Steegmüller

Friedrich Haag, Pächter der Ran-Tankstelle, hofft indes auf synthetische Kraftstoffe.

Wangen - Die Shell-Tankstelle in der Mercedesstraße war nicht nur samstagmittags bei Stadiongängern ein beliebtes Ziel, auch Autofahrer steuerten sie regelmäßig zum Tanken oder für kleinere Einkäufe an. Gleiches galt auch für die Aral-Tankstelle im Breuninger-Parkhaus oder auch für die Esso-Tankstelle in Gablenberg. Diese Zeiten sind jedoch schon lange vorbei, die Zapfsäulen wurden schon vor Jahren abgebaut.

CDU befürchtet Suchverkehr

Nicht nur der Museumsverein Stuttgart-Ost Muse-o widmet den ehemaligen Tankstellen und Gasstationen derzeit eine eigene Schau, auch im Gemeinderat war das „Aussterben der Tankstellen“, wie es die CDU-Fraktion bezeichnet, mehrfach ein Thema. Jetzt fordern die Christdemokraten, dass es im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik erneut auf der Tagesordnung landen soll. Denn mit dem Rückbau von Zapfsäulen gehe auch ein erhöhter Tankstellensuchverkehr einher. „Er zieht zweifelsfrei eine höhere Belastung für Mensch und Umwelt nach sich“, sagt der Fraktionsvorsitzende Alexander Kotz. „Insbesondere für ortsfremde Personen gestaltet sich die Tankstellensuche in der Landeshauptstadt nicht immer einfach. Doch auch für die Stuttgarterinnen und Stuttgarter ist diese Frage von Interesse.“

Umwelt und Wirtschaft im Einklang

Er würde gerne wissen, wie viele Tankstellen es im Stadtgebiet überhaupt noch gibt und wie sich die Lage in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt hat. Zugleich hätte er unter Berücksichtigung der Zulassungszahlen von herkömmlichen Verbrennern und E-Autos gerne gewusst, wie es in Zukunft um das Tankstellennetz steht. Schließlich stehe „die Automobilindustrie vor einer nie dagewesenen Her­ausforderung, die Transformation hin zu nachhaltigen Antriebsstoffen zu schaffen und emissionsfreie Antriebsarten markt- und massenfähig zu machen“, so Kotz. „Als CDU-Fraktion sehen wir Umwelt und Wirtschaft im Einklang und begrüßen daher ausdrücklich diese Entwicklung.“ An der Entwicklung der E- und Wasserstoffmobilität würde sich das Fortbestehen hunderttausender Arbeitsplätze in der Region entscheiden. „Wer folglich an die Mobilität der Zukunft im Großen denkt, muss auch im Kleinen daran denken, wie diese Fahrzeuge geladen beziehungsweise betankt werden. Es bringt nichts, wenn Tankstellen, die mittel- und langfristig gleichermaßen das Auto der Zukunft bedienen können, aus dem Stadtgebiet verdrängt werden.“ Auch mit Blick auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur würde sich die Frage stellen, ob und wo Tankstellen künftig noch benötigt werden.

Lokale Auswirkungen

Friedrich Haag, seit mehr als fünf Jahren Pächter der Ran-Tankstelle in Wangen, bekommt das „Aussterben“ der Konkurrenz natürlich mit, bislang selbst aber noch nicht zu spüren. „Wenn in der Innenstadt, in Bad Cannstatt oder auch im Osten eine Tankstelle dichtmacht, suchen sich die Autofahrer in der näheren Umgebung eine Alternative. Das wirkt sich lokal aus, aber nicht bis zu uns.“

In Wangen ist das Netz im Vergleich zu anderen Stadtgebieten noch relativ dicht. Nur einen Steinwurf von der Ran-Tankstelle entfernt, finden sich beispielsweise zwei weitere. Unter anderem die Aral auf dem Nachbargrundstück. „Wir tun uns gegenseitig nicht weh. Bei uns tanken eher die Privatkunden, nebenan mehr der Schwerlastverkehr sowie Auto- und Lastwagenfahrer mit Flottenkarten“, sagt Haag, der betont, dass die Zahlen bei ihm seit Jahren relativ konstant wären. „Natürlich macht sich die Corona-Krise auch an der Zapfsäule bemerkbar. Dadurch, dass die Leute vermehrt im Homeoffice sind, wird eben auch deutlich weniger Auto gefahren.“

Dieselfahrverbot sorgt für Verschiebung

Das in Stuttgart geltende Diesel-Fahrverbot habe der Pächter ebenfalls zu spüren bekommen. „Allerdings nicht mit einem generellen Rückgang, sondern einer Verschiebung hin zum Benzin“, so der 31-Jährige, der betont, dass sich die Unternehmensgruppe Südramol, die sowohl die Ran- als auch die Aral-Tankstelle in Wangen betreibt, schon vor 15 Jahren ein Konzept erstellt hat, wie man Standorte am Laufen hält, wenn es den herkömmlichen Kraftstoff einmal nicht mehr geben sollte, „also lange bevor die E-Mobilität so ein großes Thema wurde. Bei uns wird auf den großen Getränkemarkt gesetzt, wo es die Kiste Bier nicht für 20 Euro, sondern eben zu marktüblichen Preisen gibt“. In der Aral-Tankstelle sollen mit der Kette „Pizza Bob“ weitere Gäste angelockt werden. „Dadurch sei man weniger abhängig“, sagt Haag, der betont, generell für alle neue Technologien offen zu sein.

180 000 Menschen arbeiten an Tankstellen

„Oberstes Ziel ist es, dass Autos irgendwann CO2-neutral unterwegs sind.“ Große Hoffnungen setzt er dabei auf E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe, deren Herstellung derzeit noch viel Energie kostet. „Die Technologie steckt zwar noch in den Kinderschuhen, hat aber viel Potenzial. Schließlich könnte man im Sinne der Nachhaltigkeit die bisherige Flotte – mehr als eine Milliarde Autos gibt es auf der Welt – weiter nutzen, ebenso die bereits vorhandene Infrastruktur. „Generell ist nicht der Verbrenner das Problem, sondern der Kraftstoff“, sagt Haag, der zu bedenken gibt, dass bundesweit rund 180 000 Menschen an Tankstellen beschäftigt sind.

Viele Probleme bei E-Mobilität

Den Boom der E-Mobilität verfolge er mit großem Interesse, aber auch mit einer gewissen Skepsis. Schließlich gebe es auch hier noch viele Fragezeichen. „Wenn der benötigte Strom aus einem Kohlekraftwerk kommt, ist nichts gewonnen, sondern das Problem nur verschoben.“ Auch die Herstellung der Akkus verbrauche viele Rohstoffe. „Außerdem ist Zeit heutzutage ein wertvolles Gut. Während das normale Tanken in zwei Minuten erledigt ist, dauert der Ladevorgang locker eine Stunde oder länger.“ Gerade für lange Strecken sei das für viele Verkehrsteilnehmer ein No-Go. Darüber hinaus hält er es in absehbarer Zukunft ebenfalls für unrealistisch, dass jeder Autofahrer seinen Wagen nachts zuhause auflädt. „Nur die wenigsten haben in einer Garage oder auf einem privaten Stellplatzplatz die Möglichkeit dazu“, sagt Haag, der die Politik in die Pflicht nimmt. „Im Einklang mit der Wirtschaft und dem Umweltschutz müssen entsprechende Lösungen gefunden werden.“

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