Nach sechs Jahren im Amt plant Harald Müller den nächsten Karriereschritt. Foto: oto:Bergmann - oto:Bergmann

Heute ist der alle drei Jahre stattfindende Bezirkstag des Fußball-Bezirks Stuttgart. Überraschenderweise tritt der amtierende Vorsitzende Harald Müller nicht mehr zur Wiederwahl an.

Bad CannstattSelbst für seine bisherigen Mitstreiter stellt es eine Überraschung dar: Harald Müller geht. Auf dem Bezirkstag am heutigen Samstag wird der gebürtige Bad Cannstatter darauf verzichten, für eine dritte Amtszeit als Vorsitzender des Fußballbezirks Stuttgart zu kandidieren. Stattdessen peilt er den nächsten Karriereschritt an. Im Mai will sich der 58-Jährige zum Chef des Verbandsspielausschusses wählen lassen. Heißt: statt wie bisher etwa 750 hätte er künftig rund 14 500 Mannschaften in seinem Verantwortungsbereich. Im Interview nennt Müller seine Beweggründe, zieht Bilanz, erzählt, worüber er sich ärgert – und warum er für eine Bezirksreform plädiert.

Herr Müller, ihr Vorgänger Emil Herre war 33 Jahre im Amt, Sie nun nur sechs. Haben Sie die schlechtere Kondition?
(lacht) Gute Frage. Der Verband ruft ja, wie wohl bekannt ist. Daher brauche ich da schon noch Kondition. Und die Kondition habe ich gehabt, habe ich nach wie vor, und die geht auch nicht aus. Es wird ja nur ein anderes Amt, wenn ich am Verbandstag gewählt werde.

Was hat Sie bewogen, diesen Schritt zu tun?
Der momentan kommissarische Amtsinhaber (Anmerkung der Redaktion: Michael Supper) hatte mal vorgefühlt, ob ich mir das vorstellen könnte. Neue Aufgaben beinhalten neue Herausforderungen. Und denen werde ich mich stellen.

Als Fußballer will man immer aufsteigen. Hat man als Funktionär einen ähnlichen Ehrgeiz in sich?
Was heißt aufsteigen? Das ist immer so eine Sache. Je höher man kommt, desto mehr Arbeit ist es in einem Ehrenamt. Und ­planen kann man das nicht. Wenn dann eine gewisse Zeit gekommen ist, man selber der richtige Mann zu sein scheint und das von oben herab auch so befürwortet wird, dann muss man sich da, glaube ich, einbringen.

Hat es Sie überrascht, dass die 15 anderen Bezirksvorsitzenden sich dann geschlossen auf Sie als Kandidaten festgelegt haben? In der Vergangenheit hat es zwischen den Bezirken ja schon auch mal geknirscht. . .
Das ist vielleicht die Außenwirkung. Innerhalb war da immer Einigkeit. Was mich überrascht, ist, dass das Votum einstimmig ausgefallen ist. Das ehrt mich.

Bei ihren bisherigen Mitstreitern im Bezirk Stuttgart klingt Enttäuschung durch. Der dortige Tenor: Bis vor kurzem hat der Müller noch jeden zum Weitermachen motiviert, nun geht er plötzlich selbst von Bord.
Ja, das ist mir klar. Der Müller ist immer vorangegangen und hat das auch vorgelebt. Ich habe versucht, es in der letzten Bezirksvorstandssitzung entsprechend rüberzubringen – dass man, wenn neue Aufgaben anstehen, diese auch im Sinne des Bezirks wahrnehmen sollte. Veränderungen wird es immer geben. Als ich die Leute motiviert habe, hatte ich da selber noch nicht daran gedacht. Klar ist, der Bezirk Stuttgart wird mir immer am Herzen liegen.

Wie fällt ihre persönliche Bilanz aus nach den sechs Amtsjahren?
Vor allem weil ich ein sehr homogenes Team gehabt habe, würde ich das relativ erfolgreich sehen. Wobei der Erste nur die Richtung vorgeben kann. Das Team muss funktionieren – und das hat es. So konnten wir auch einiges umsetzen.

Was vor allem aus ihrer Sicht?
Erst einmal, dass wir eben ein gutes Team zusammengekriegt haben. Ganz am Anfang habe ich ja Werbung gemacht für alles Mögliche. Zum Schluss ging keiner mehr mit mir fort, weil jeder gesagt hat: wenn man mit Dir fortgeht, hat man nachher ein Amt. Unser Motto war „Dienstleistung und Kommunikation“. Das sind jetzt nur zwei Worte. Aber ich habe immer versucht, das mit Leben zu erfüllen und nach Außen zu tragen, was ich mir darunter vorstelle.

Nämlich?
Dass man Dienstleister ist für seine Vereine; dass man versucht, Wünsche zu erfüllen. Und dass man, wenn man etwas erreichen will, miteinander reden muss. Wenn es ums Eingemachte geht, brauchen wir ein persönliches Gespräch, mindestens ein Telefonat. Diese grundlegenden Dinge, wie man miteinander umgeht, Respekt und Toleranz – das haben wir ganz gut hingekriegt.

Ein anderes großes Thema war und ist Gewalt auf den Plätzen, Gewaltprävention. Täuscht der Eindruck, dass es zuletzt etwas ruhiger geworden ist?
Da haben wir natürlich auch einiges getan! Erstens waren wir mit federführend mit den Weiterbildungsmaßnahmen, die der Verband mittlerweile flächendeckend übernommen hat.

Sie meinen die Seminare zum Thema Gewaltprävention, an der Gewalttäter mittlerweile teilnehmen müssen, bevor sie wieder mitspielen dürfen.
Jeder, der dabei war, sagt danach, er hat etwas mitgenommen. Zudem haben wir, wenn es mal ganz krass war nach den Spielberichten oder Stellungnahmen, die Beteiligten zusammengeholt an einen Tisch – eine sogenannte Anhörung. Das war fast immer gewinnbringend. Und schließlich haben wir ein Pilotprojekt vor allem für junge, aber auch für ältere Schiedsrichter initiiert. Sie lernen in Praxisübungen mit Experten, wie sie sich in Stresssituationen verhalten müssten.

Wer oder was hat Sie am meisten geärgert in den vergangenen Jahren?
Hm. . . Was mich generell immer ärgert, ist, wenn man statt zu kommunizieren hinten herum redet und irgendwelche Unwahrheiten verbreitet. In solchen Fällen werde ich zum Tier – egal, wer es ist.

Umgekehrt haben sich einige Vereine seinerzeit über Sie geärgert. Sie hatten den A-Kreisligisten im Zuge ihrer Staffelreform zusätzliche Aufsteiger versprochen, wurden dann aber von höherer Stelle ausgebremst. . .
Da waren mir die Hände gebunden. Die Satzung und Ordnungen haben es nicht hergegeben, und so konnten wir es nicht umsetzen. Das war uns eigentlich einmal versprochen. Dann kam dieser tolle Verbandstag, an dem alles Mögliche in die Strukturreform gepackt worden ist, letztlich aber nicht viel rüberkam von den Dingen, die wir eingebracht hatten.

An der Basis ist zu hören, der Müller habe seinen Laden gut im Griff gehabt.
Wenn das so ist, bin ich zufrieden. Wir hatten eine klare Linie.

Ihre Wahl auf dem Verbandstag gilt als Formsache. Welche Ziele haben Sie für ihr voraussichtlich neues Amt?
Wie gesagt, ich muss da erst einmal gewählt werden. Sollte das so kommen, gilt es das umzusetzen, was wir im Bezirk auch schon gemacht haben, nur halt auf höherer Ebene. Ich lasse mich zudem überraschen, was auf uns zukommt. Es könnte ja auch sein, dass es irgendwann eine Bezirksreform gibt im Verband – oder dass zumindest beschlossen wird, sich darum zu kümmern.

Die bisher tätige Kommission „Spielklassenstruktur“ empfiehlt in ihrem jetzigen Abschlussbericht ein 1-3-9-Modell. Heißt: unter der Verbandsliga nur noch drei Landesliga-Staffeln – und vor allem nur noch neun Bezirksligen statt der bisherigen 16. Wie stehen Sie dazu?
Erst einmal hat die Kommission herausgefunden, dass unter den bestehenden Bezirksstrukturen das jetzige Spielsystem das beste ist.

Die Frage ist aber, ob auch die bestehenden Bezirksstrukturen die besten sind?
Von 1-3-9 halte ich nicht allzu viel, weil das nicht unbedingt den Wettbewerb stärkt. Wir müssen den Wettbewerb stärken und schauen, dass die Vereine trotzdem räumlich so eng wie möglich zusammen sind. Und da jetzt zwei große Bezirke zu belassen und andere jeweils zusammenzutun, das wäre nicht gut.

Aber?
Man muss andere Lösungen finden, die es mit Sicherheit auch gibt – das vielleicht etwas anders anpacken, wenn man es anpacken will. Man muss dann aber auch richtig argumentieren. Und das gibt dann eine Riesenaufgabe, wenn es so kommt.

Grundsätzlich wären sie also für eine Bezirksreform?
Wenn man sieht, dass manche Bezirke mit 50 Vereinen herumdoktern, andere große 200 haben, dann ist der Wettbewerb nicht mehr passend gegeben. Die kleineren Bezirke beschweren sich, wenn ihre Aufsteiger postwendend wieder aus der Landesliga absteigen. Aber wenn eben auf Bezirksebene kein ausreichender Wettbewerb da ist, dann ist das doch normal, dass man hinten rumspielt. Deswegen brauchen wir einen ausgeglichenen Wettbewerb, und den müssen wir mit einer Bezirksreform hinkriegen. Ob man da jetzt zwölf, neun, acht oder noch weniger macht oder vielleicht auch hauptamtliche Stellen zusätzlich in der Region installiert, das sind alles Dinge, die man besprechen müsste – wenn man mal weiß, wo man überhaupt hin will.

Ein Wort zu ihrem Nachfolger Mario Krkac.
Nun, er ist mein Wunschkandidat. Er war ja schon drei Jahre Jugendleiter bei uns im Bezirk – er war einer, der auch nicht Nein sagen konnte (lacht). Er kennt alle, und er wird das gut machen.

Wie viele Amtsjahre trauen Sie ihm zu?
(lacht) Also, sechs Jahre sollte er schon machen, eher würde ich ihm neun nahelegen. Drei Jahre normalerweise zum Lernen, drei Jahre, in denen viel geschafft und umgesetzt wird – dann würde man in weiteren drei Früchte ernten können.

Das Gespräch führte Franz Stettmer

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