Foto: /Schiedsrichtergruppe Stuttgart

Bei der Ausbildung spielt Deeskalation-Training mittlerweile eine große Rolle. Das Ziel ist, weitere Schiedsrichter zu finden.

Bad Cannstatt - Der 44-jährige Simon Hofmann vom TV Echterdingen ist seit 1992 Unparteiischer, hat Spiele bis zur Verbandsliga geleitet und ist nun noch bis zur Bezirksliga aktiv. Seit 2018 führt er die Schiedsrichtergruppe Stuttgart als Obmann an. Nach Ablauf seiner dreijährigen Amtszeit wurde er am Montag für eine weitere Amtsperiode gewählt. „Die Gewinnung neuer Schiedsrichter wird auch weiterhin ein wichtiges Thema bleiben“, sagt Hofmann. Demnächst startet der Bezirk wieder einen Neulingskurs, natürlich als Online-Veranstaltung.

Herr Hofmann, haben Sie schlecht Fußball gespielt oder warum sind Sie Schiedsrichter geworden?

(lacht) Also der begnadetste Fußballer war ich sicherlich nicht. Ich habe in der Jugend beim TV Echterdingen gespielt und damals hat mich die Aufgabe des Schiedsrichters immer interessiert. Als 16-Jähriger habe ich mich dann zu einem Neulingskurs angemeldet.

Was hat sie speziell daran interessiert?

Die ganze Aufgabe und sicherlich auch, dass ich mich als Spieler am Wochenende über irgendwelche Entscheidungen aufgeregt habe und mir dachte: Das kann ich besser.

Sie wurden am Montag für drei weitere Jahre im Amt bestätigt. Was haben Sie sich für ihre Amtszeit auf die Fahne geschrieben?

Eine Kernaufgabe ist, die Zahl der anrechenbaren Schiedsrichter/innen weiter zu steigern. Da besteht Handlungsbedarf, damit wir am Wochenende nicht jedes Mal Schweißperlen auf die Stirn bekommen, wenn ein Unparteiischer absagt und wir dann händeringend nach einem Ersatz suchen müssen. Aktuell gibt es mehrere Unparteiische, die am Wochenende zwei oder sogar drei Begegnungen leiten. Um dies zu minimieren, brauchen wir eine breitere Basis. Im Schiedsrichterausschuss ist uns wichtig, eine gute Ausbildung der Unparteiischen zu gewährleisten, in der weiteren Laufbahn die verdiente Wertschätzung entgegen zu bringen und eine gute Atmosphäre drumherum sicherzustellen. Aus diesem Grund wollen wir das Thema Kameradschaft mit neuen Ideen ergänzen, damit wir neben der Pfeiferei noch einiges mehr bieten können. Ganz wichtig wird auch die Förderung unserer talentierten Schiedsrichter sein. Es ist nämlich mal wieder an der Zeit, jemanden aus dem Bezirk nach weiter oben, bis auf DFB-Ebene zu bringen. Da sind wir in den vergangenen drei Jahren zu wenig vorangekommen.

Kandidaten gibt es?

Sicherlich, wir haben durchaus junge, talentierte Schiedsrichter im Amateurbereich im Einsatz. Das Können und die Fähigkeit zu Mehr ist bei einigen durchaus vorhanden. Wenn dann auch noch etwas Glück dazu kommt, das braucht man im Schiedsrichtergeschäft, kann es durchaus Richtung Regionalliga oder noch höher gehen.

Konkret, wie sieht die Schiedsrichterzahl im Bezirk Stuttgart aus?

Wir haben aktuell 239 Schiedsrichter, die mindestens 15 Spiele pro Saison pfeifen und vier Schulungstermine besuchen. Demnächst die 250er-Marke zu knacken, ist ein Ziel. Wenn man aber betrachtet, dass die Vereine in Stuttgart eigentlich eine Anzahl von 335 Unparteiischen stellen müssten, so liegen wir aktuell um 94 unter dem Soll. Hier sind also auch die Vereine gefordert, noch mehr für die Schiedsrichter-Gewinnung zu tun.

Die Aggression auf den Plätzen, speziell auch in Stuttgart und speziell gegen die Unparteiischen, hat zugenommen. Sehen Sie da in den vergangenen 20 Jahren eine Veränderung?

Wir sind über die Jahre zurecht deutlich sensibler für das Thema geworden. Ein Problem war es früher schon, aber wenn es heutzutage zu einem Vorfall kommt, dann eskaliert es deutlich schneller und stärker als etwa noch vor 20 Jahren. Man muss klar sagen, dass der Respekt, der früher gegenüber der Person des Schiedsrichters durchaus vorhanden war, nicht mehr so ausgeprägt ist. Das stellen zum Beispiel auch die Polizei, Rettungskräfte, aber auch Lehrer fest. Es handelt sich um ein generelles, gesellschaftliches Problem.

Im Februar findet wieder ein Neulingskurs statt. Welche Argumente haben Sie, um jemandem das Amt des Schiedsrichters schmackhaft zu machen?

Schiedsrichter werden und die Tätigkeit auch auszuführen, kommt einer allgemeinen Persönlichkeitsschule gleich. Für junge Leute ist es eine tolle Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln und sich Woche für Woche Durchsetzungsvermögen zu erarbeiten. Ein gutes Auftreten und die Entwicklung der Persönlichkeit sind Dinge, die man durch die Ausbildung und die Ausübung des Schiedsrichteramts mitbekommt und die auch wichtig abseits des Sportplatzes im Alltag oder im Berufsleben sind. Die Schiedsrichterei hat auch mich persönlich weitergebracht.

Hat sich die Ausbildung im Vergleich zu den Vorjahren verändert, wird mehr auf Körpersprache und Auftreten des Unparteiischen Wert gelegt?

Auf jeden Fall. Körpersprache und Auftreten sind Themen, die immer mehr und intensiv behandelt werden. Wir haben mehrere Deeskalationstrainings mit unseren Schiedsrichtern gemacht, bei dem es darum ging, welche Konfliktsituationen auftreten können. Zusätzlich wurden Handlungstipps gegeben, wie man sich in solchen Situationen verhalten sollte, um einer Eskalation vorbeugen zu können. Generell ist klar, dass ein Schiedsrichter durch überlegtes Handeln auch Einfluss auf die Entwicklung des Spiels nehmen beziehungsweise es einigermaßen in geordneten Bahnen über die Bühne bringen kann.

Gelingt es, die Neuen bei der Pfeife zu halten?

Ja. In den vergangenen drei Jahren haben wir fünf Neulingskurse durchgeführt. Von den insgesamt 120 Teilnehmern und Teilnehmerinnen sind noch 110 dabei.

Wie schafft man das?

Generell kann gesagt werden, dass geschätzt etwa Dreiviertel jüngere und der Rest ältere Schiedsrichteranwärter sind. Wichtig ist, wie man nach dem Kurs mit ihnen umgeht, sich um sie kümmert. Die Jungen bei der Stange zu halten, schaffen wir recht gut über eine Sichtungsgruppe, die unser Bindeglied zwischen Coachingbereich und Neulingskurs darstellt. Da können die Jungen erstmals am Leistungsgedanken schnuppern, dürfen als Assistent schon mal Erfahrungen im Team mit einem Amateurliga-Schiedsrichter sammeln. Darüber hinaus machen wir Videoschulungen, bei denen Szenen aus der Bundesliga, aber auch von unseren eigenen Schiedsrichtern oder Sportplätzen aus der Region unter die Lupe genommen und analysiert werden. Das kommt gut an und motiviert ungemein. Zusätzlich unternehmen wir auch Freizeitaktivitäten abseits der Regelkunde wie Bowling, ein Besuch bei den Allianz-Bundesliga-Volleyballerinnen oder dem VfB Stuttgart. Damit versuchen wir, allen, egal ob jung oder älter, ein Kameradschaftsgefühl zu geben. Bei all dem ist wichtig, dass wir Schiedsrichterneulinge nach dem Kurs unterstützen. Das gelingt uns über das vom DFB initiierte Patensystem. Das bedeutet: Jedem Neuling wird ein Patenteam zugeordnet, welches dementsprechend geschult ist und weiß, worauf es als Pate ankommt. Die Paten fungieren nicht nur als Unterstützung bei den ersten Spielen, sondern stehen für alle Fragen und Nöte zur Verfügung. Damit zeigen wir den Neulingen die vorher angesprochene Wertschätzung und dass wir daran interessiert sind, sie dauerhaft an die Schiedsrichtergruppe zu binden.

Der Ball ruht seit November wegen der Corona-Pandemie – wie halten sich die Schiedsrichter fit?

Wir haben einen virtuellen Spendenlauf gestartet. Alle gelaufenen, geradelten oder spazierten Kilometer unserer Schiedsrichter im Zeitraum vom 1. Januar bis 28. Februar werden online registriert und letztlich zusammengerechnet. Unser Ziel ist es, in diesem Zeitraum 9200 Kilometer zusammenzubekommen, was der Entfernung Stuttgart – Las Vegas entspricht. Von den aktuell 239 aktiven Schiedsrichtern Stuttgarts müsste jeder fünf Kilometer pro Woche absolvieren, um das Ziel zu erreichen. Als Belohnung winkt ein Grillfest. Darüber hinaus sammeln wir im Rahmen der Laufaktion Geld, das dem Stuttgarter Kinder- und Jugendhospiz zu Gute kommen soll. Deshalb freuen wir uns über jede Spende.

Die Fragen stellte Torsten Streib.

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