Erfolgreich mit Genremix und einer etwas anderen Art der Releaseparty: Rapper Kelvyn Colt Foto: Ciesay Imran

Kelvyn Colt musste erst nach London und Los Angeles reisen um in seiner Heimat Deutschland musikalisch Anerkennung zu finden. Sein neues Album trägt den Titel „German Angst“. Was den Rapper umtreibt und welche Pläne er hat, hat er kurz nach seiner Deutschlandtour erzählt.

Am letzten Tag seines Deutschlandbesuchs im August erwischen wir Kelvyn Colt per Videoanruf beim Hundesitting in seiner Heimatstadt bei Wiesbaden. Morgen geht es zurück nach Los Angeles, wo der 29-Jährige, unter dem bürgerlichen Namen Kelvyn Benbella Ajala in Fulda geboren, mittlerweile lebt. Für sein Studium der Betriebswirtschaftslehre zog er damals nach London, danach hat er auch eine Weile in Frankreich und Nigeria gelebt. Die Musik des weltenbummelnden Rappers nährt sich auch davon, dass er nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in verschiedenen Stilen und Genres zuhause ist. „Seit Jahren lebe ich quasi aus dem Koffer, das gefällt mir. Es gibt viel zu tun und viel zu sehen. Aber irgendwann kommt sicher der Zeitpunkt, um sich irgendwo richtig niederzulassen.“

Die Hälfte des Satzes spricht er auf englisch aus, wie so oft im Gespräch mixt er deutsch und englisch. In ihm steckt eine ganze Menge, und er ist nichts halb, wie er sagt. Als Sohn einer deutscher Mama und eines nigerianischen Papas habe er viel mit Identitätsfragen, Rassismus und Ausgrenzung zu tun. Themen, die auf sein kürzlich erschienenes Album „German Angst“, das bereits sein viertes ist, Eingang gefunden haben: Kelvyn Colt rappt von Wut, Angst, Systemkritik, mentaler Gesundheit, Anpassung und Drogen. Der Sound ist progressiv, technoid, treibend, an Trap und Crunk angelehnt, tiefe, schnelle Bässe begleiten den Musiker durch die acht Titel.

Die eigenen Rechte zurückgekauft

Kelvyn Colt ist schon seit einer ganzen Weile im Geschäft, auch in den USA erfolgreich. Sein Hit „Bury me alive“ aus dem Jahr 2017 ging 2019 viral als er Teil des Soundtracks der Netflix-Serie „Wu Assassins“ wurde. Er unterschrieb bei Sony, kollaborierte mit Mercedes Benz für die Single „Benz I know”. Vor drei Jahren kaufte er sich dann mit einer größeren Geldsumme, die er nicht nennen darf, wie er erzählt, die Rechte an seinen Liedern wieder zurück. Seitdem ist Kelvyn Colt unabhängig, hat sein eigenes Label namens Triple Black Heart Gang.

Und nun feiert er auch in seiner deutschen Heimat Erfolge. Den Sommer über spielte er auf Festivals von Berlin bis Stuttgart. „Ich musste erst aus Deutschland raus, weil man mich als Deutschen, der auf englisch rappt, hier nicht ernst genommen hat. Aber jetzt wo ich in London gelebt habe und in Los Angeles zuhause bin, bin ich auch in Deutschland erfolgreich mit meinen englischsprachigen Texten. In Deutschland funktioniert es, weil es im Ausland funktioniert“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land. Nachtragend ist er nicht.

Sein ganzes Leben habe er dazugehören wollen zu den Deutschen, sich um Anerkennung bemühen müssen, im Ausland habe er lernen müssen, dass Deutsche dort oft keinen guten Ruf genießen. Diese Ambivalenz aus Zugehörigkeitswillen und Ablehnung treibt ihn um, davon singt er auf „German Angst“. Mit diesem Ausdruck verbindet der 29-Jährige eine „Dreifaltigkeit“, wie er es nennt: Neben der allgemeinen Bedeutung von German Angst als schwerfälliges, zögerliches, ängstliches Verhalten der Deutschen hat der Begriff für ihn noch weitere Dimensionen: „Er beinhaltet für mich auch die Angst vor den Deutschen im Ausland, die Angst vor der Repräsentation der deutschen Kultur im Ausland und meine persönliche Angst, den Zwiespalt: einerseits als Deutscher akzeptiert werden zu wollen und nun so gesehen zu werden.“ Sein aktuelles Albumcover zeigt 20 Mal sein Gesicht in kleinen Passbildformaten – jedes mit einem anderen Gefühlsausdruck.

Psychische Gesundheit und Kakaozeremonien: Er will seinen Fans mehr als Musik bieten

„Ich bin nicht halb Nigerianer, halb Deutscher. Ich bin 100 Prozent Deutscher und 100 Prozent Nigerianer“, sagt er bestimmt, wenn es um die Frage geht, ob zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Für die Musik schlägt das Pendel jedoch eindeutig aus, wenn man ihn nach weiteren Karrieren oder einem Plan B fragt. Auch modeln und designen gehören zu den Fähigkeiten des BWLers, seine Musikvideos konzipiert er selbst und er bezeichnet sich als Unternehmer. „Ich habe mich früher in den Texten von Tupac, Nas, Notorious B.I.G. absolut wiedergefunden. Das hat mir so viel gegeben. Und wenn ich jetzt anderen Menschen etwas mit meiner Musik geben kann, bedeutet mir das sehr viel.“

Nicht nur Musik will er geben, er sucht bewusst die Platzierung von psychologischen Themen, hat in Berlin in diesem Januar einen Marsch zum Thema mentale Gesundheit organisiert, bei seinem Albumrelease im Juli gab es für einen kleinen Fankreis nicht nur neue Musik, sondern auch Atemübungen und eine Kakaozeremonie. „Meistens ist das etwas Spirituelle unter Hip-Hop-Fans nicht so verbreitet. Ich wollte den Rahmen öffnen, für solche Sachen und eine andere Art der Begegnung schaffen.“ Ist Aktivismus seine Motivation für die Musik? „Wenn man nicht nur Geld verdienen will mit seiner Kunst, dann ist Aktivismus ohnehin schon Teil der Kunst“, antwortet er.

Die deutsche Vogue hat ihn 2019 als Zukunft des Hip-Hop bezeichnet. Sein Sound ist experimentell, genrefluid und hebt sich ab, daran gibt es keinen Zweifel. Doch wie sieht er selbst die Zukunft des Hip-Hop? „Es ist gut, dass die Menschen ihre eigenen Sachen veröffentlichen können, durch Social Media. Aber es gibt immer mehr vom Gleichen. Die virale Lotterie wird viel mehr bedient, als künstlerisches Schaffen vorangetrieben wird. Das ist schade.“ Sein eigenes Schaffen treibt er dagegen ununterbrochen voran. Nach „German Angst“ hat er weitere Singles veröffentlicht. In diesem Jahr soll noch ein Album folgen. „Ich arbeite immer projektbezogen. Thematisch geht es um was anderes, diese Identitätsgeschichte habe ich jetzt mit dem letzten Album erst mal durch.“

Was genau das heißen mag, davon kann man sich auf den nächsten Konzerten in Deutschland ab Oktober dann wieder live ein Bild machen.

Vita und Alben

Musiker
Kelvyn Colt, mit bürgerlichem Namen Kelvyn Benbella Ajala, 1994 wird als Sohn deutsch-nigerianischer Eltern in Fulda geboren. Nach der Schule studiert er zunächst in seinem Wohnort Wiesbaden Rechtswissenschaften, später geht er nach London um BWL zu studieren. Das Ticket in seine Musikkarriere, wie sich herausstellt. Seine erste EP benennt er nach dem Flug nach London, „LH914“.

Veröffentlichungen
„German Angst“ ist sein viertes Album. Darauf verarbeitet Kelvyn Colt Panikattacken und Identitätsfragen. Die Vorgängeralben „Mind of Colt“ und „Love before Death“ erschienen 2018 und 2021. Nach „German Angst“ sind weitere Singles erschienen, ein neues Alben soll bis Jahresende folgen. Vom 1. bis 4. Oktober sind Konzerte in Berlin, Hamburg, Köln und München geplant.