Polizeibeamtinnen und -beamte werden auch zu Einsätzen mit Demenzkranken gerufen. Foto: /Marijan Murat

Der Umgang mit demenzkranken Menschen kann schwierig sein, denn diese können auch aggressiv und unberechenbar sein. Das Polizeirevier Bad Cannstatt wurde jetzt geschult und das Verständnis verbessert.

Bad Cannstatt - Ein Leben mit Demenz – für Betroffene und Angehörige eine Ausnahmesituation. Pflegende Angehörige stoßen häufig an ihre Grenzen. Denn demente Menschen verhalten sich auch unberechenbar, mitunter sehr aggressiv. Das kennen die Mitarbeitenden des Gerontopsychiatrischen Dienstes (Gerbera) des Caritasverbandes. Immer wieder kommt es zu herausfordernden Situationen im Umgang mit Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Im Rahmen der täglichen Arbeit gibt es daher auch Kontakt zum Cannstatter Polizeirevier.

Da tauchen viele Fragen auf. Welcher Umgang ist gerade in einer Krisensituation der richtige, vor allem, wenn auch Angehörige an ihre Grenzen kommen? Wann sollten weitere Hilfen eingebunden werden? Wann ist der Zeitpunkt erreicht, um die Polizei einzuschalten, und wie sollte sich diese in solchen Situationen verhalten? „Oft bewegen sich alle Beteiligten auf einem schmalen Grat“, erläutert Bettina Oehl vom Gerontopsychiatrischen Zentrum Bad Cannstatt, „und es gibt nicht ‚die’ richtige Lösung.“

Bedarf erkannt

Die Mitarbeitenden erkannten den Bedarf nach Aufklärung. „Dem gingen wir nach“, beschreibt Bettina Oehl. Das Polizeirevier 6 in der Martin-Luther-Straße zeigte großes Interesse an fachlichem Input und einer Schulung zum Thema Demenz. Im Juli fanden in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „Gemeinsam für ein demenzfreundliches Bad Cannstatt“, in dem verschiedene Träger und Institutionen aus dem Stadtbezirk aktiv sind, erste Schulungen statt. „Insgesamt gab es sechs für das gesamte Revier.“

Die Intention war, dass die Beamten ein besseres Verständnis für Menschen bekommen, die an einer bestimmten Form einer Demenz erkrankt sind und auch in herausfordernden Situationen möglichst sicher mit ihnen umgehen können. Nach einem fachlichen Input und Informationsaustausch berichteten die Beamten von Erfahrungen und Erlebnissen im Umgang mit Menschen mit Demenz bei ihren Einsätzen. „Oft ist es nicht einfach, so berichteten die Polizeibeamten, Menschen mit einer Demenz als solche zu erkennen und mit ihnen zu sprechen“, sagt Oehl. Ein Ziel der Schulung ist es daher, an konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie eine gelingende Kommunikation mit Menschen mit Demenz möglich ist. Deeskalierend zu wirken, sei die halbe Miete.

Regelmäßiger Austausch geplant

Künftig wird eine Polizistin an den Treffen des Netzwerkes „Gemeinsam für ein demenzfreundliches Bad Cannstatt“ teilnehmen. Angeregt wurde auch ein regelmäßiger Austausch mit Vertretern des Präsidiums, der Stadt und beteiligten Institutionen, um klare Handlungsabläufe im Umgang mit Menschen mit Demenz und anderen psychischen Erkrankungen zu definieren.

„Die Schulungen waren sehr hilfreich und sind auf gute Resonanz gestoßen“, bilanziert Polizeisprecherin Meret Sigle. Alle Dienstgruppen seien involviert gewesen. Denn immer wieder werde die Polizei zu entsprechenden Einsätzen gerufen. Im Zuständigkeitsbereich liegen viele Seniorenheime und auch das Zentrum für seelische Gesundheit. So könnten die sensibilisierten Beamten jetzt Vertrauen schaffen und mit den Auffälligkeiten besser umgehen. Es sei beabsichtigt, dies fortzuführen, um auch neue Kolleginnen und Kollegen, die aufs 6. Revier wechseln, entsprechend zu schulen.

Urkunde wird noch übergeben

Das Revier in der Martin-Luther-Straße ist jetzt das erste in der Landeshauptstadt, das im Umgang mit Demenzkranken geschult ist und ein besseres Verständnis für diese Menschen aufweist. Dafür erhält das Revier auch noch eine entsprechende Urkunde.

Das Polizeirevier 6 Bad Cannstatt hat sich Hilfe geholt und im Umgang mit Demenzkranken schulen lassen. Das verdient großen Respekt und schreit nach Nachahmung und Fortführung. Je mehr Polizisten entsprechend vorbereitet sind, desto glimpflicher für alle Beteiligten kann im Notfall die Situation gelöst werden. Denn oft müssen die Beamtinnen und Beamte in Sekundenschnelle entscheiden. Und demente Menschen können mitunter ungemein aggressiv und unberechenbar agieren. Davon können betreuende Angehörige und Fachpersonal ein Lied singen. Eine unbedachte Aktion kann da schlimme Folgen haben.

Ein großes Lob haben auch der Caritasverband und das Netzwerk für ein demenzfreundliches Bad Cannstatt verdient, die den Bedarf erkannt und die Schulung durchgeführt haben. Es sollte aber nicht bei dieser einmaligen Aktion bleiben. Es kann nur ein erster Schritt sein. Wie die künftige Zusammenarbeit, unter Umständen auch mit anderen Polizeirevieren in Stuttgart, aussehen kann, muss auf höherer Ebene geklärt werden. Da geht es nämlich auch um finanzielle Aspekte. Und eine Ausweitung erscheint sinnvoll und erfolgversprechend. Denn die Zahl der dementen Personen nimmt zu, generell die der psychischen Erkrankungen. Und was eine Kooperation aller Beteiligten bewirken kann, zeigt der Runde Tisch zur Straßensozialarbeit. Auch da sitzt die Polizei mit dabei, hat auch die Gründung forciert. Ohne finanzielle Unterstützung läuft aber nichts.

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