Ein Phallus aus Holz auf dem Grünten im Allgäu – so ging der Spaß los. Doch wenn’s nach den Ortsansässigen geht, dürfte es langsam wieder aufhören. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Ein Holzphallus auf dem Grünten im Allgäu kommt und geht scheinbar nach Belieben. Gemeinderat und Bürgermeister geht ihr „Gipfelzipferl“ mittlerweile auf die Nerven.

Rettenberg/Allgäu - Der Grünten, so sagt man dem Berg nach, würde über das Allgäu wachen. Majestätisch natürlich. Das Augenmerk lag in den vergangenen Monaten dennoch auf einem verhältnismäßig kleineren Objekt: einer Penis-Skulptur auf dem Berg.

Die Fakten: Seit 2016 thront auf dem 1738 Meter hohen Berg auch ein zwei Meter hoher Holzpenis, wobei Experten einwerfen, es würde sich hierbei vielmehr um einen sogenannten Phallus handeln, keinen Penis. Da Letzteres ein medizinischer Begriff sei und diese selten Ausmaße von zwei Metern annehmen würden. Bei diesem Objekt handelt es sich um ein Kunstwerk.

Der Witz vom Berg

Eine der vielen Legenden besagt, es handelte sich ursprünglich um ein Geburtstagsgeschenk, das im familiären Kreis nicht die gewünschte Zustimmung erhielt und deshalb vom Empfänger nicht im Vorgarten aufgebaut, sondern auf den Grünten transportiert wurde. Und da steht er seither, der Witz auf dem Berg nahe der Gemeinde Rettenberg. Einige Ortsansässige fanden diese Darstellung vulgär, einige lustig, und vielen war’s auch egal. Doch der Ulk wurde munter von Touristen weitererzählt, gerne natürlich bebildert im Internet. „Höhö. Guck mal, da steht ein Penis aus Holz.“ Wie das mit den Witzen so läuft: Jeder möchte noch eine Pointe draufsetzen. Plötzlich war das Prachtstück bei Google als „Kulturdenkmal“ der Region gelistet, der Bürgermeister von Rettenburg musste Interviews geben, und die örtliche Biermanufaktur braute eigens das „Grünten-Zipferl“.

Irgendwann fiel der Phallus um. Mutmaßlich weil sich wohl in direkter Nachbarschaft weidende Kühe daran gerieben hatten. Passiert ist niemandem etwas, im Gegenteil: der Phallus wurde erneut, höhö, aufgerichtet. Und wieder gab’s eine lustige Geschichte zu erzählen.

Der Maibaum für Fortgeschrittene

Nun mag geschichtlich eingeworfen werden, das deutsche Kulturgut des Maibaums sei nichts anderes als ein Phallussymbol. Mit der Größe des Baumes symbolisieren Ortschaften seit jeher ihre Potenz. Nikolaus Weißinger, CSU-Bürgermeister von Rettenberg erzählte damals auch ein bisschen stolz, dass die Gemeinde Rettenberg tatsächlich eine der geburtenstärksten im Landkreis sei.

Im November 2020 wurde das Kunstwerk entwendet – niemand weiß, von wem. Örtliche Kritiker des guten Stücks wie die Alpgenossenschaft wiesen jegliche Verstrickung von sich. Die Polizei wurde eingeschaltet und zu diesem Zeitpunkt weltweit gekichert – die „New York Times“ berichtete ausführlich über „The German Phallus“.

Zersägt und wieder zusammengebaut

Es dauerte nicht lange, bis die Leerstelle am Berg durch ein noch größeres Exponat ersetzt wurde – ebenfalls von unbekannt. Was dann passierte, war auch eher traurig, also lustig genug, um’s weiterzuerzählen: erst von Unbekannten zersägt und nun wieder anonym zusammengesetzt. Seit Anfang Januar 2021 steht der Holzphallus wieder – und Ende der Geschichte, wenn’s nach Nikolaus Weißinger geht.

Dem CSU-Bürgermeister ist die Lust am Objekt mittlerweile vergangen. Während er anfangs bereitwillig und humorvoll über den Phallus Auskunft erteilt hatte, reicht’s Weißinger und seinem Gemeinderat. „Jetzt muss dann einfach auch mal gut sein“, sagt er. Ungeachtet, ob das phallische Schauspiel noch weitere Fortsetzung erhalten wird. „Der oder vielleicht die Skulpturen, die da in nächster Zeit vielleicht noch zuwandern sollten“, erzählt Weißinger, „stehen oder liegen gerne da oben. Aber groß öffentlich bewerten oder kommentieren werden wir das Ganze nicht mehr.“ Wer gucken will, soll gucken. Oder Lachen. „Für uns ist eine alleinige Reduzierung auf eine ‚Skulptur’ natürlich auch nicht gerade das Gelbe vom Ei“, erklärt der Bürgermeister.

Ordentlich was los derzeit

Erschwerend kommt hinzu, dass sich derartige „Fundstücke“ in den vergangenen Monaten inflationär gehäuft haben. In den USA, England, Spanien, Belgien, Rumänien und Hessigheim tauchten mysteriöse Metallmonolithen auf – ebenfalls phallisch Herkunft: ebenfalls ungeklärt.

In Brasilien kocht die Volksseele übrigens wegen eines Kunstwerks namens „Diva“. Die Künstlerin Juliana Notari errichtete im nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco ein Landschaftskunstwerk in Form einer Vulva. Dem rechtskonservativen Präsidenten Jair Bolsonaro gefällt’s nicht. Sein Vertrauter und Mitdenker Olavo de Carvalho schlug auf Twitter vor, die Vulva mit einem riesigen Penis zu konfrontieren. Wahrscheinlich weil er nicht weiß, dass das Phallus heißt.

Aber vielleicht wäre das ja eine Lösung für das Allgäu und Brasilien. In Ebratshofen im Landkreis Lindau steht seit dem vergangenen Wochenende nun auch ein Phallus zur Abholung bereit. Direkt neben der Landstraße. Irgendjemand wird schon lachen.

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