Aladdin (Philipp Büttner) und Jasmin (Nienke Latten) auf dem fliegenden Teppich. Foto: Stage Entertainment / Deen van - Stage Entertainment / Deen van Meer

Große Tanz- und Steppnummern, Zaubertricks, Feuerwerk, tolle Kostüme und Bühnenbilder: „Aladdin“ ist da und bringt 1001 Nacht ins Möhringer Musicaltheater.

StuttgartHeilix Blechle“ sagt der verblüffte Lampengeist und zieht einen Mercedesstern aus der Tasche seiner todschicken Pluderhose. Mit ein paar schwäbischen Anspielungen wurde „Aladdin“ liebevoll an seine neue Heimat Stuttgart angepasst, aber sie gehen fast unter in der quietschbunten, überwältigenden Bühnenmagie im Stil von „1001 Nacht“. Das turbulente neue Musical im Möhringer SI-Centrum verpackt die altbekannte Geschichte von Aladdin und seinen drei Wünschen in altmodische Broadway-Nostalgie vom Feinsten, mischt reichlich Parodie und flapsige Dialoge hinein, zeigt große Tanz- und Steppnummern, Zaubertricks, Feuerwerk, tolle Kostüme und Bühnenbilder: Nach Spar-Inszenierungen wie „Bodyguard“ oder „Anastasia“ endlich wieder ein Musical, das die inzwischen astronomischen Eintrittspreise wirklich rechtfertigt. Ein wenig grell ist die Lautstärke geraten – aber wer wird bei solcher Perfektion der Darbietung, beim rasanten Timing dieses quicklebendigen Ensembles schon quengeln.

Kesser Dieb und schöne Prinzessin

„Aladdin“ mit seiner Liebesgeschichte zwischen dem kessen Dieb und der schönen Prinzessin entstand 1992 als Trickfilm aus dem Hause Disney, im Original sprach Komikerlegende Robin Williams den frechen Lampengeist namens Dschinni. 2014 wurde dann ein Broadway-Musical daraus, das in New York bis heute läuft. Im Dezember 2015 folgte die Premiere in Hamburg. Im Mai dieses Jahres kommt nun die „Live-Action“-Verfilmung mit Will Smith als Dschinni ins Kino, will heißen: die Adaption des Trickfilms mit echten Schauspielern, eine Methode, mit der Disney seine Erfolge neuerdings ein drittes Mal aufbereitet.

Die Songs quer durch all diese Versionen stammen von Alan Menken, in Stuttgart bestens bekannt vom Vorgänger-Musical im Stage Apollo Theater, dem „Glöckner von Notre Dame“, sowie von zahlreichen anderen Disney-Hits. Für die Bühnenversion hat der Buchautor Chad Beguelin die sprechenden Viecher aus dem Trickfilm zu Menschen gemacht, er hat drei durchtriebene und sehr lustige Gaunerfreunde für Aladdin erfunden sowie einen kichernden Sidekick für den hageren Wesir, den Bilderbuch-Bösewicht des Stücks.

„Aladdin“ hat selbstverständlich die üblichen Versatzstücke eines Disney-Films, den Ich-will-stark-sein-Song oder den Gute-Freunde-Song etwa, setzt sie aber allerliebst und mit einer guten Prise Selbstironie in Szene. Die hinreißenden Tanzszenen von Regisseur und Choreograf Casey Nicholaw zeigen beileibe nicht nur orientalischen Bauchtanz, sondern eine weite Bandbreite von Samba bis Bollywood. Musikalisch bringt Alan Menken Nummern im klassischen Broadway-Stil oder im flotten Bigband-Jazz, setzt sie mit einem Augenzwinkern neu (und orientalisch) in Szene. Das meiste hat man so schon mal gehört, aber es macht trotzdem mächtig Spaß.

Energie nach 10 000 Jahren Schlaf

Vor allem macht der hyperaktive Flaschengeist Spaß, der die aufgestaute Energie von 10 000 Jahren Schlaf in einer einzigen, überdrehten, großartigen Tanznummer austobt. Maximilian Mann spielt den anachronistischen Magier, in dem wahlweise Fred Astaire, Heinz Schenk oder Frank Sinatra aufblitzen. In zehn Sekunden surft er quer durch alle Disney-Filme, mit grazilem Körpereinsatz zitiert er von der „Bezaubernden Jeannie“ bis zu „Let’s Dance“ alles an Entertainment herbei, was garantiert nicht zusammenpasst. Und inmitten des Wow-Effekts seiner komplett vergoldeten Schatzhöhle triumphiert er schließlich mit einer Stepptanznummer à la „42nd Street“.

Auch die akrobatischen Slapstick-Jagden durch die Stadt Agrabah und den hellen, ans Taj Mahal gemahnenden Palast mit seinen maurischen Laubsägearbeiten garantieren viel Action auf der Bühne; die liebevolle Ironie, die über der gesamten Produktion liegt, weicht nur manchmal einer übertriebenen Albernheit.

Ein weiterer Höhepunkt inmitten der exotischen Ausstattungs-Opulenz ist natürlich der fliegende Teppich, mit dem Aladdin und seine Jasmin abheben. Über dem Herumrätseln, wie der Trick denn so ganz ohne Seile funktioniert, verpasst man fast den weiten, funkelnden Sternenhimmel und das obligate Liebesduett. Auch wenn der Teppich im Theater nicht über die Wüste zischt, ist die gesamte Übertragung vom Film auf die Bühne (und dann auch noch ins Deutsche) bestens gelungen. Vor allem hat „Aladdin“ den rasanten Witz und die pointierten Dialoge der Disney-Filme.

So ganz ohne ein paar Familienwerte geht es dann doch nicht: Natürlich ist Aladdin – oder Al, wie ihn sein Dschinni kumpelhaft nennt – ein sozialbewusster Robin Hood des Orients, natürlich kriegt er die Prinzessin erst, als er endlich die ganze Wahrheit sagt. Diese Jasmin aber ist eine erstaunlich selbstbewusste, scharfzüngige junge Frau, die sich von keinem Mann etwas sagen lässt und stur um ihre Freiheit kämpft – trotz des bauchfreien Outfits das ideale Rollenvorbild für jedes kleine Mädchen. Nur schade, dass Darstellerin Nienke Latten bei all ihrem funkelnden Charme mit ziemlich gequetschter Stimme singt. Dafür bezaubert Philipp Büttner als ursympathischer Titelheld mit lakonischem Witz und geerdeter Natürlichkeit. „Aladdin“ ist ein Märchen, einfach nur gute Unterhaltung – aber auch pure Theatermagie.

Täglich von Dienstag bis Sonntag. Samstags und sonntags auch nachmittags.

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