So sehen Sieger aus: Alexander Strehmel (links) sowie die VfB-Torschützen Fritz Walter (Mitte) und Jürgen Hartmann. Foto: imago//sportfotodienst

In unserer letzten Serie haben wir unsere zehn größten, schönsten, emotionalsten, aber auch wichtigsten Spiele des VfB Stuttgart gezeigt. Nun haben wir eine Serie gestartet, die unsere Leser vorgegeben haben. Heute: Als der VfB die Bayern besiegte, es aber niemanden interessierte.

Stuttgart - Bisher haben wir Spiele vorgestellt, an die man sich zurückerinnern kann. Doch am 9. November 1989 geriet eines der legendären VfB-Spiele in den Schatten eines historischen Ereignisses. Der einzige Sieg der Stuttgarter in der Vereinsgeschichte im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München geriet zur Nebensächlichkeit. Kein Wunder: Es war der Tag des Mauerfalls.

Der 3:0-Sieg des VfB bekam zwar die Aufmerksamkeit von zwölf Millionen Bundesbürgern, da die ARD live aus dem Neckarstadion übertrug, doch im weiteren Verlauf des Abends interessierte sich wohl kaum mehr jemand dafür. Den 67 800 Zuschauern im Neckarstadion muss es hingegen genau andersherum ergangen sein. Denn die Tagesschau begann kurz vor dem Anstoß mit der Schlagzeile: „DDR öffnet Grenzen“. Die Nachrichtenmacher in Hamburg überzogen ihre Sendung. Das Achtelfinale begann somit später als vorgesehen. In der Halbzeit brachte die ARD dann eine kurze Brennpunktsendung. Kurz vorher hatte Fritz Walter den VfB in Front gebracht.

Nach dem Seitenwechsel dann wieder Fußball: Jürgen Hartmann und abermals Walter ließen die Stuttgarter jubeln. Wer hätte gedacht, dass am Ende des Abends das ganze Land jubeln würde? Nach dem Spiel war derweil keine Zeit für Siegerinterviews. Peter Schmid, Sohn von Otto Schmid, jenem legendären Torwart des VfB, der in den Fünfzigern mit dem VfB Meistertitel und Pokalsiege sammelte, war damals Reporter für den Süddeutschen Rundfunk. Und Schmid rief nach dem historischen Pokalsieg sofort in der Sendezentrale in Hamburg an, um zu erfahren, wie lange die Siegerinterviews werden sollten. Die Antwort fiel so unerwartet wie eindeutig aus: „Wir haben keine Zeit, die Mauer ist gefallen“, hörte Schmid. „Auf dem Platz hast du davon ja nur kleine Häppchen mitbekommen. Erst später haben wir erfahren, dass die Mauer gefallen war. Die Leute hatten also aus zwei Gründen gejubelt. Immerhin war das unser einziger Pokalsieg“, erinnert sich Walter. „Aber auf dem Platz konntest du gar nicht begreifen, was da los war. Auch viele Zuschauer bekamen es ja erst später in der Nacht mit, als sie den Fernseher einschalteten.“

Auch die Zwillinge Nils und Olaf Schmäler standen an diesem geschichtsträchtigen Abend im VfB-Kader. Die beiden waren in Braunschweig nahe der Zonengrenze aufgewachsen. „Ich habe gedacht, jetzt sind die endlich frei. Wir haben an unsere Verwandten gedacht, denen wir immer Päckchen geschickt haben“, erzählt Olaf Schmäler. „Das hat an dem Abend keinen kalt gelassen. Nach und nach kamen neue Nachrichten, aber wir mussten das Spiel spielen. Danach gab es kein anderes Thema mehr.“

Aufstellung

FC Bayern München Aumann – Augenthaler, Nachtweih (67. Ekström), Flick, Reuter, Dorfner, Thon, Kögl (70. Eck), Pflüger, Wohlfarth, Wegmann.

VfB Stuttgart Immel – Allgöwer, Buchwald, Strehmel, Gaudino, Schäfer, Hartmann, Schröder, Sigurvinsson (73. Mirwald), Walter, Klinsmann (53. Schütterle).

Lesen Sie hier Teil 1 der Leser-Serie: Als Bernd Martin den VfB eine Runde weiter schoss

Lesen Sie hier Teil 2 der Leser-Serie: Als Jürgen Klinsmann das Tor des Jahres erzielte

Lesen Sie hier Teil 3 der Leser-Serie: Als der VfB in München für bleibenden Eindruck sorgte

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