Kriminalhauptkommissare unter sich: Sascha Brandt sucht als Projektleiter nach Super Recognisern wie Sandra Foto: Sebastian Steegmüller - Sebastian Steegmüller

Das Polizeipräsidium setzt auf „Super Recogniser“. Sie können sich Gesichter besonder gut einprägen.

Bad CannstattDer Countdown läuft: Acht Sekunden lang erscheint auf dem Bildschirm das Porträt eines Unbekannten. In dieser kurzen Zeit gilt es, sich das Gesicht einzuprägen – die Form der Ohren, die Größe der Nase und andere individuelle Merkmale. Denn anschließend soll man exakt diesen Mann aus einer Gruppe von acht Personen auswählen. 14 Mal wiederholt sich die Prozedur – mal haben die gezeigten Personen einen Schal um, mal eine Sonnenbrille auf, mal sind sie nur von der Seite zu sehen.

Nein, es handelt sich nicht um ein neues Computerspiel, sondern um einen Online-Schnelltest der Universität Greenwich, der in Zusammenarbeit mit der Metropolitan Police London entwickelt wurde. Ziel war es, herauszufinden, wie gut die Teilnehmer sich Gesichter einprägen und schließlich auch wiedererkennen können. Sandra Kloschek stellt diese Aufgabe vor keine allzu große Herausforderung. Die Kriminalhauptkommissarin könnte eine gesuchte Person auch in einer Menschenmenge entdecken – im übertragenen Sinne also auch die Nadel im Heuhaufen finden. Doch wie ist dies möglich? Sie ist ein sogenannter „Super-Recogniser“, hat in diesem Bereich ein ganz besonderes Talent.

Entdeckt wurde es im Rahmen eines Projekts, das die Stuttgarter Polizei seit Februar 2018 gemeinsam mit Dr. Josh Davis von der Uni Greenwich durchführt. Der Wissenschaftler, der auch den Schnelltest entwickelt hat, hatte zuvor den Kölner Kollegen nach den sexuellen Übergriffen in der Silversternacht 2015/2016 seine Hilfe angeboten. Bei der Auswertung des vorhandenen Videomaterials lieferte die eingesetzte Gesichtserkennungssoftware keinen Treffer, zwei Spezialisten von Scotland Yards Super Recogniser Einheit konnten nach Betrachtung der Videos und Bilder 44 Tatverdächtige identifizieren und rund 150 Personen Fahndungsbildern zuordnen. Eine beeindruckende Quote, die „ein bundesweites Echo auslöste“, sagt Kriminalhauptkommissar Sascha Brandt, der das Projekt in der Landeshauptstadt leitet. „Natürlich wurden auch wir im Polizeipräsidium hellhörig und wollten wissen, ob das für uns auch einen Mehrwert haben könnte.“ Zunächst wurden mit einigen Polizisten, die zuvor im Dienst Stärken bei der Gesichtserkennung gezeigt haben, erste Erfahrungen gesammelt. „Dann haben wir uns entschieden, mit allen interessierten Mitarbeitern valide Tests durchzuführen.“ Die Resonanz sei sehr positiv gewesen, rund 2000 Beamte und auch Verwaltungsangestellte hätten sich freiwillig gemeldet. In drei Runden wurde der Personenkreis ausgesiebt. Die erste überstanden noch knapp 1000 Personen. „Das zeigt, dass wir viele gute Leute haben.“ Mit Unterstützung von Josh Davis konnten letztlich im Finale 50 Super-Wiedererkenner ermittelt werden. „Ein tolles Ergebnis“, sagt Brandt. Nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung würden diese Fähigkeit besitzen. Der Fahnder ist überzeugt, dass die „Super Recogniser“ in Zeiten stetig steigender Videoüberwachung für die Polizeiarbeit eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Beamte, die über solch ein besonderes Erinnerungsvermögen verfügen, werden unter anderem bei Konzerten oder anderen Großveranstaltungen nach Mitgliedern von europaweit gesuchten Banden Ausschau halten. Sobald Taschendiebe entdeckt werden, würden „normale“ Kollegen die Fährte aufnehmen und sie möglichst auf frischer Tat ertappen. Es sind jedoch auch viele weitere Einsatzmöglichkeiten denkbar. Ein Streifenpolizist des Kriminaldauerdienstes – ebenfalls ein Wiedererkenner mit Top-Werten – hat auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt einen Betrüger, der zur Fahndung ausgeschrieben war, entdeckt. Das Bild hatte er zuvor angesehen, war dem Mann rein zufällig über den Weg gelaufen.

Da das Polizeipräsidium Stuttgart bislang die einzige Dienststelle in Baden-Württemberg ist, die über Super Recogniser verfügt, würde man die Kräfte auch Kollegen im Land zur Verfügung stellen. „Wichtig ist, dass das Wiedererkennen eines Gesuchten kein wissenschaftlicher Beweis ist, der zur Verurteilung reicht“, sagt Brandt. „Es ist keine DNA und auch kein Fingerabdruck, sondern nur ein Ermittlungsansatz.“ Anschließend würde die „Klein-Klein-Arbeit“ folgen. Nach der Identifizierung müsse man die Beweismittel drumherum bauen. Sandra Kloschek ist indes froh, dass sie weiterhin in der Führungsgruppe bei der Kriminalpolizei arbeiten darf und in Stuttgart nicht wie bei Scotland Yard eine Spezialeinheit gegründet wird. „Nur als Wiedererkennerin zu arbeiten, wäre mir zu monoton. Ein- bis zweimal im Monat reichen mir die Einsätze. Man darf nie vergessen, dass wir keine Maschinen, sondern auch nur Menschen sind.“ Man habe gute und schlechte Tage. „Es ist auch nicht möglich, sich kurz vor einer Großveranstaltung 100 Bilder einzuprägen oder Tage lange am Eingang des Frühlingsfests zu stehen.“ Selbst innerhalb von einer Stunde könne man nicht alle Menschen, die auf den Wasen gehen, erfassen. „Das ist nicht möglich, schließlich sind wir keine Superhelden mit übernatürlichen Fähigkeiten“, sagt die 44-Jährige, die lange nicht geahnt hat, welches Talent in ihr steckt. „In meinem Freundeskreis ist zwar bekannt, dass ich mir gut Gesichter merken kann. Es wurde aber als normal angesehen und keine große Sache daraus gemacht“, so Kloschek. Dass sie ihre Nichten regelmäßig beim Memory schlage, wollte sie ebenfalls nicht überbewerten.

Weitere Infos gibt es unter www.superrecognisers.com. Dort ist der Test im Untermenü „Take Part“ zu finden.

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