Die durch die Coronapandemie stark gebeutelte Schiffsbranche kommt langsam wieder auf Kurs, die Buchungszahlen steigen. Doch was erwartet See-Reisende in diesem Herbst und Winter? Unser großer Überblick.
Blaue Reisen, ein gutes Coronamanagement, mehr Nachhaltigkeit: Die Reedereien lassen sich einiges einfallen, um ihre Törns auch unter schwierigen Bedingungen attraktiv zu gestalten. Denn eine Kreuzfahrt war in den letzten 24 Monaten anders als vor der Pandemie. Und jetzt? Nach dem Stillstand findet die Branche langsam wieder den Weg in ein neues Normal.
Wie geht Kreuzfahrt heute?
Am letzten Seetag serviert Kapitän Panagiotis Varotsos, von allen nur Panos genannt, den Passagieren der „Mein Schiff 5“ eine Überraschung zum Frühstück. Er ändert die Route durch die Ägäis ein wenig und steuert in die Bucht von Milos. Die Insel ist geformt wie ein riesiges Hufeisen – perfekte Bedingungen fürs Küstengucken mit Kaffeeduft. Ein Highlight, das so nicht im Reiseplan steht. „Als Ausgleich für manche Einschränkung versuchen wir, den Gästen besondere Erlebnisse zu verschaffen, wo immer es geht“, sagt Kapitän Panos.
Mehr Erlebnisse, weniger Party: So könne man das neue Seereisen-Gefühl zusammenfassen, sagen Experten und Stammgäste. Kreuzfahrten sind nicht mehr so sorglos und ausgelassen wie früher, dafür geht es an Bord entspannter zu. Denn obwohl die Buchungszahlen wieder anziehen und die internationale Cruise Lines Association für 2023 sogar einen neuen Rekordwert an Kreuzfahrtpassagieren weltweit prognostiziert, ist auf vielen Schiffen und Routen noch nicht die Auslastung des Vor-Pandemie-Jahrs 2019 erreicht. „Wir haben einen starken Sommer erlebt und sind für die Herbst-Winter-Saison zuversichtlich. Auch wenn nach wie vor die Kurfristbuchungen überwiegen“, sagt Kathrin Heitmann vom Marktführer Aida Cruises.
Masken, Impfen, Tests: Was gilt?
Es gibt derzeit keine Maskenpflicht mehr – jedenfalls nicht für die Schiffsgäste. In allen europäischen Regionen sind Kreuzfahrten wieder ohne Covid-19-Impfung möglich. Bei Tui Cruises sind aktuell für alle Gäste ab vier Jahren vor Reiseantritt noch zwei Tests vorgeschrieben.
Aida Cruises verlangt einen negativen Antigen-Test für alle Gäste ab drei Jahren. Einen vollständigen Impfschutz verlangt die Rostocker Reederei erst ab 16 Tagen Reisedauer. Doch die meisten Schiffe steuern im Winterhalbjahr Ziele außerhalb Europas an – und da gelten mitunter andere Vorschriften.
Wer mit der kleinen, feinen „Europa“ oder „Europa 2“ in die Ferne reisen möchte, braucht weiterhin den vollen Impfschutz. Zusätzlich benötigen alle Gäste einen negativen Test für das Einchecken. Damit zählt Hapag-Lloyd zu den Reedereien mit den strengsten Regeln für die Einschiffung. Am lockersten sind die Bedingungen auf Schiffen von Royal Caribbean („Oasis“, „Wonder of the Seas“). Nur ungeimpfte Reisende müssen ein negatives Testergebnis vorweisen.
Norwegian Cruise Line weist darauf hin, dass die Einreisebestimmungen des jeweiligen Ziellandes gelten.
Gibt es Einschränkungen an Bord?
Kaum noch. Das bestätigen alle angesprochenen Reedereien. Und auch die Gäste bestätigen dies ausdrücklich. „Das Leben an Bord ist aktuell kaum anders als vor der Pandemie“, berichtet die Tui-Cruises-Sprecherin Friederike Grönemeyer. Sollte sich die Coronalage zum Winter hin deutlich verschlechtern, könnten die Besucherzahlen in Restaurants, Saunen und Theatern aber wieder beschränkt werden.
Was passiert, wenn jemand an Bord an Covid-19 erkrankt?
Quarantäne in der Kabine statt Genusszeit an Deck und an Land: Ja, das kann passieren. Wird jemand positiv getestet, verbringt die infizierte Person die Isolation in einer Kabine an Bord. Aber nicht unbedingt in der eigenen. Eine Quarantäne an Land erfolgt nur, wenn die Behörden es anordnen oder es medizinisch notwendig ist.
Kann man kostenlos stornieren, wenn man vor der Abreise erkrankt?
Bei den meisten Reedereien ist das nicht möglich. Nur wenn man eine spezielle Versicherung abgeschlossen hat, die genau diesen Krankheitsfall abdeckt. Ausnahme: Royal Caribbean. „Wir erstatten 100 Prozent des Reisepreises für die gesamte Buchung, wenn einer der Gäste innerhalb von zehn Tagen vor der Kreuzfahrt oder am Einschiffungsterminal positiv auf Covid-19 getestet wird“, erklärt Gianni Rotondo, Associate Vice President der Reederei. Neu bei Aida: Wer eine Reise für Winter oder Frühjahr bucht, kann bei positivem Testergebnis bis einen Tag vor Abreise kostenlos umbuchen – aber nicht stornieren.
Was haben die Reedereien aus der Pandemie gelernt?
Vor allem, kulant und flexibel zu sein. Während der Zeit der stärksten Beschränkungen mussten die Reedereien kreativ werden, sowohl bei den Stornierungsmöglichkeiten als auch beim Routing. Aus Sorge der Gäste, nicht ins Heimatland zurückzukommen oder schon vor Reisebeginn ohne Gepäck dazustehen, bieten Reedereien wie Aida Cruises, Tui Cruises, MSC Cruises oder Nicko Cruises vermehrt Seereisen ab deutschen Häfen an. Zum Beispiel: Langzeit-Törns auf die Kanaren oder in die Karibik ab und bis Deutschland. Ein weiterer positiver Trend ist die Verjüngung der Flotten. Einige alte Schiffe wurden während des langen Stillstands aussortiert.
Welche Routen sind besonders gefragt?
Bei Reedereien mit deutschsprachigen Schiffen sind Reisen rund um die Feiertage in dieser Wintersaison besonders beliebt. Bei Norwegian ziehen Fernreisen wieder an. „Die Karibik läuft im kommenden Winter sehr gut“, bestätigt auch Costa-Deutschland-Chef Jörg Rudolph. „Auch die Nachfrage nach den Emiraten ist spürbar angestiegen.“
Werden immer noch neue Kreuzfahrtschiffe gebaut?
Ja. Die meisten wurden in Auftrag gegeben, als ein Stillstand der erfolgsverwöhnten Branche undenkbar erschien. Die Neubauten haben eine deutliche bessere Energiebilanz. Einer der letzten Neuzugänge, die im Frühling 2022 getaufte „Aida Cosma“, fährt als eine der ersten ihrer Art komplett mit Flüssigerdgas. Auch die neue „MSC World Europa“ wird mit LNG betrieben. Der Megaliner mit 2626 Kabinen wurde am 13. November in Doha getauft und verbringt seine erste Saison in der Golfregion – rechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft in Katar.