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Eigentlich gilt Stuttgart als reiche Stadt. Doch allein in Bad Cannstatt sind laut des städtischen Sozialdatenatlas etwa 20 Prozent der Kinder arm. Wie sich das auf deren Entwicklung auswirkt und ob Armut vererbbar ist, erläutert Manuel Huber, Leiter der Fachdienststelle Jugendhilfe der Caritas in Bad Cannstatt, im Interview.

Bad Cannstatt Eigentlich gilt Stuttgart als reiche Stadt. Doch allein in Bad Cannstatt sind laut des städtischen Sozialdatenatlas etwa 20 Prozent der Kinder arm. Wie sich das auf deren Entwicklung auswirkt und ob Armut vererbbar ist, erläutert Manuel Huber, Leiter der Fachdienststelle Jugendhilfe der Caritas in Bad Cannstatt, im Interview. Jeder kann sich ungefähr vorstellen, was unter Armut zu verstehen ist. Doch ab wann gilt man eigentlich als arm?
Das hängt davon ab, wie man Armut definiert. In Deutschland verwenden wir den Begriff der relativen Armut. Demnach gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügt. Der Sozialdatenatlas der Stadt versteht diejenigen als arm, die Transferleistungen wie Sozialhilfe beziehen. Wie viele Kinder sind in Bad Cannstatt von Armut betroffen?
Laut städtischer Sozialberichterstattung sind knapp 3000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 0 bis 18 Jahren betroffen. Dabei ist anzumerken, dass Familien, die diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen und von einem sehr geringen Einkommen leben, nicht erfasst werden. Insgesamt kann man deshalb davon ausgehen, dass die Zahl in Wirklichkeit höher ist. Wie zeigt sich Armut im Alltag der Betroffenen?
Armut ist oft auf den ersten Blick nicht sichtbar, wirkt sich jedoch auf viele Bereiche des Lebens, wie Wohnen oder Gesundheit aus. Wohnt eine Familie zu viert in einer Zweizimmerwohnung, kann das zur psychischen Belastung werden, sich negativ auf die schulischen Leistungen und das Sozialverhalten des Kindes auswirken. Denn sowohl ein Rückzugsort zum Lernen als auch die Möglichkeit, Freunde einladen zu können, bleiben bei beengten Platzverhältnissen verwehrt. Belastend sind auch Vorurteile. Etwa, dass die Betroffenen selbst Schuld an ihrer Situation sind und jeder genügend Unterstützung erhalte, um einen Weg aus der Armut zu finden. Ist das nicht so?
Nein. Wenn man die Situation der Betroffenen bedenkt, ist diese Haltung arrogant. Denn Kinder aus armen Familien sind bei der Bildung oft benachteiligt, vor allem was die sogenannte informelle Bildung anbelangt. Zum Beispiel, wenn man in einem Sportverein Teamfähigkeit lernt. Denn Kinder aus ärmeren Familien sind weniger oft in Vereinen aktiv. Was sind dafür die Ursachen?
Das ist eine Frage der Ressourcen und beginnt schon bei Kleinkindern. Wenn zum Beispiel die Eltern belastet sind – wegen Arbeitslosigkeit oder einer viel zu kleinen Wohnung – ist die Wahrscheinlichkeit, dass Angebote wie Babyschwimmen oder Kinderturnen wahrgenommen werden, sehr gering. Das zieht sich dann durch die Kindheit und Jugend. Zwar gibt es kostenfreie Angebote, es ist jedoch schwer, Familien, die viele andere Probleme im Alltag haben, zur Teilnahme zu bewegen. Noch höher ist die Belastung, wenn die Betroffenen das Gefühl vermittelt bekommen, selbst Schuld an ihrer Situation zu sein und sich dafür schämen. Wie hat sich die Kinderarmut in Stuttgart beziehungsweise Bad Cannstatt in den vergangenen Jahren entwickelt?
Die Sozialberichterstattung weist daraufhin, dass sich die Anzahl der Betroffenen etwa auf gleichbleibendem Niveau bewegt. Erschwerend kommen jedoch die Rahmenbedingungen in einer Stadt wie Stuttgart beziehungsweise in Bad Cannstatt hinzu. Stuttgart gilt als eher teure Stadt. Wenn die meisten Menschen finanziell gut aufgestellt und die Lebenskosten hoch sind, steigt auch das Risiko für Personen mit geringem Einkommen, in die Armut abzurutschen. Denn Lebensmittel, Wohnen oder soziale sowie kulturelle Teilhabe sind vergleichsweise teuer. Wie werden Kinder und Familien, die von Armut betroffen, sind in Bad Cannstatt unterstützt?
Seitens der Stadt gibt es Angebote, wie die Bonuscard oder Bildungs- und Teilhabeleistungen. Allerdings wird häufig viel Geld zur Kontrolle der Leistungsempfänger ausgeben. Wissenschaftlich gibt es jedoch keine Belege dafür, dass Leistungen in der Regel missbraucht werden. Also Gelder, die für einen neuen Schulranzen zur Verfügung stehen, automatisch für Alkohol und Zigaretten ausgegeben werden. Meiner Erfahrung nach wird das Geld dafür eingesetzt, wofür es bestimmt war – auch ohne Kontrolle. Es wäre also sinnvoll, dieses Geld anders einzusetzen. Außerdem müssten – wie es jetzt bei dem Bildungs- und Teilhabeangebot geschehen soll – die bürokratischen Hürden abgebaut werden. Wenn man nur mit Unterstützung in der Lage ist, alle Anträge auszufüllen und Nachweise vorzubringen, muss das Verfahren vereinfacht werden. Ist Armut vererbbar? Gelingt Kindern aus armen Familien der soziale Aufstieg oder ist das nur schwer möglich?
Forschungsergebnisse belegen, dass Armut vererbbar ist. Das wird deutlich, wenn man betrachtet, wer auf welche weiterführende Schule geht. Wer aus Platzgründen keinen ruhigen Ort zum Lernen hat oder wem nicht vorgelesen wird, schreibt häufig schlechtere Noten, macht unter Umständen gar keinen Schulabschluss. Da ist es schwer, den Weg aus der Armutsspirale zu schaffen. Aber auch Fehler oder Schwächen haben für Kinder aus ärmeren Familien weitreichendere Folgen: Ein Schüler aus einer wohlhabenderen Familie findet unter Umständen auch mit schlechtem Schulabschluss eine Beschäftigung, weil er im Betrieb eines Verwandten eingestellt wird. Auch Nachhilfe erhalten eher Schüler aus wohlhabenderen Familien. Können Kindertagesstätten und Schulen diese Unterschiede ausgleichen?
Sozial- und Bildungseinrichtungen schaffen es nicht immer, die unterschiedlichen Verhältnisse auszugleichen. Zwar trägt die Betreuung in einer Ganztagsschule dazu bei, wichtig ist aber, dass es dafür genügend Personal gibt. Die Stadtverwaltung sollte deshalb dafür sorgen, dass diese Stellen aufgestockt werden. Sinnvoll wäre es auch, das Personal dem Bedarf anzupassen und einer Schule, deren Schüler tendenziell stärker von Armut betroffen sind, mehr geschultes Personal zur Verfügung zu stellen.

Die Fragen stellte Janey Schumacher.

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