Standbild in Stuttgart: Herzog Ulrich, Wegbereiter für die Reformation in Württemberg. Foto: Hauptmann Quelle: Unbekannt

Fellbach (red) - Jakob Rytenmann war Pfarrer in Fellbach. Er lebte freilich nicht nach den Regeln seiner katholischen Kirche. Mit seiner Dienstmagd hatte er mehrere Kinder. Als 1534 Herzog Ulrich von Württemberg seinem Land die Reformation verordnete, nahm Rytenmann das Angebot an, künftig für die neue reformierte Kirche tätig zu sein wie ein Drittel seiner Kollegen. Sein außereheliches Verhältnis zu legalisieren, kam ihm freilich nicht in den Sinn. Seine Spur verliert sich 1542, als er mit den württembergischen Truppen gegen die Türken zog.

Für seinen Eröffnungsvortrag zur kleinen Vortragsreihe von Kulturamt und evangelischer Kirchengemeinde zum 500. Reformationsjubiläum hatte sich Eberhard Fritz, Historiker und Archivar des Hauses Württemberg, auch in die Fellbacher Kirchengeschichte eingelesen. Auf unterhaltsame Weise referierte er über „Die Reformation in Württemberg - ein religiöses und politisches Ereignis“.

1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg an und setzte einen Prozess in Gang, der die religiösen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur in Deutschland grundlegend veränderte und bis heute prägt. Luther war nicht der erste Reformator, erinnerte Fritz. Doch Luthers Ideen trafen auf eine Gesellschaft im Aufbruch und im Wandel. So wurde sich das Bürgertum seiner gesellschaftlichen Bedeutung zunehmend bewusst und leitete daraus auch Forderungen an seine seelsorgerische Betreuung ab unabhängig von den Missständen in der katholischen Kirche. Dank des Buchdrucks konnten Luthers Schriften rasch vervielfältigt und verbreitet werden. „Die Reformation war ein erstes Medienereignis“, konstatierte Fritz. Und sie erfasste bald ganz Deutschland.

In Württemberg waren es zunächst die Reichsstädte, in denen die Reformation durchgeführt wurde. So in Ulm, wo sich 1530 die Bürger in einer Abstimmung für die Reformation aussprachen. Das Land selbst blieb katholisch. Seit der Vertreibung Herzog Ulrichs 1519 stand es unter der Herrschaft Österreichs und treu zu Kaiser Karl V., der im Wormser Edikt die Lehre Luthers verboten hatte. Für die zunehmend machtbewussten deutschen Fürsten war die Reformation eine Möglichkeit, ihre Stellung gegenüber dem Kaiser auszubauen.

Herzog Ulrich nutze sie, um auf seinen Thron zurückzukehren. Mit Unterstützung hessischer Truppen eroberte er im Mai 1534 sein Land zurück und setzte die Reformation um. Bereits am 16. Mai 1534 wurde in der Stiftskirche in Stuttgart der erste evangelische Gottesdienst abgehalten. Mit der Durchführung der Reformation im Herzogtum wurden der Marburger Professor Erhardt Schnepf, ein Lutheraner, und Ambrosius Blarer, der den Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin nahestand, beauftragt. Beide mussten sich über strittige Fragen wie das Abendmahl oder das Bildverbot erst einmal in theologischen Disputen verständigen.

Für die Bevölkerung brachte die Reformation Veränderungen. Statt eines geweihten Priesters lebte nun ein evangelischer Pfarrer in den Gemeinden. Die Messe wurde abgeschafft. Bilder und Statuen wurden aus den Kirchen entfernt, Messkelche, Monstranzen, Reliquien und anderes eingezogen. 1536 wurde vom Herzog eine Kirchenordnung erlassen, die die neuen Verhältnisse festschrieb. Binnen drei Jahren war die Reformation organisatorisch umgesetzt, so Fritz. Doch es dauerte Generationen, bis sie in der Bevölkerung verankert war. Lange noch hielten Kirchgänger vor übertünchten Marienbildnissen inne. Auch katholische Gottesdienste wurden im Geheimen gefeiert.

Aus politischen Gründen wurden die vermögenden katholischen Klöster nicht aufgelöst. Die Männerklöster wurden jedoch unter weltliche Verwaltung gestellt. Ihre Einnahmen flossen dem „Kirchenkasten“ in Stuttgart zu. Die Frauenklöster konnten weiter bestehen. Es wurde ihnen aber verboten, Novizinnen aufzunehmen.

Eine Gefahr für die Reformation bedeutete die Niederlage des protestantischen schmalkaldischen Bundes, dem sich auch Herzog Ulrich angeschlossen hatte, gegen die kaiserlichen Truppen in den Jahren 1546/47. Auf dem Reichstag in Augsburg wurde 1548 das sogenannte „Interim“ erlassen, das die Rücknahme der Errungenschaften der Reformation vorbereiten sollte. In Württemberg wurden die Klöster an die katholische Kirche zurückgegeben. Die katholische Messe wurde wieder eingeführt. Pfarrer mussten entlassen werden.

In Fellbach traf es Kilian Lilienfein. Die Gemeinde wollte aber auf ihren geschätzten Seelsorger nicht verzichten. Lilienfein wurde als Lehrer und Katechist weiter beschäftigt. Später konnte er sein Pfarramt wieder übernehmen und brachte es bis zum Superintendenten im Dekanat Cannstatt. Soweit es ihm möglich war, versuchte Herzog Ulrich, das Interim zu umgehen. „Der Erhalt der Reformation war für ihn eine Frage des politischen Überlebens“, so Fritz. Als der Herzog 1550 starb, war die Zukunft der Reformation dennoch ungewiss. Sein Sohn Herzog Christoph war es dann, der die Reformation in Württemberg endgültig durchsetzte.

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