Die Stadtmühle hat eine langjährige Geschichte. Foto:  

In Bad Cannstatt gibt es eine uralte Mühlentradition. Ein Schwerpunkt lag auf der einstigen Mühlgrün-Insel. Im Digitalen Stadtlexikon gibt es dazu besondere Artikel vom Mühlen-Experten Achim Bonenschäfer.

Bad Cannstatt - Bad Cannstatt kann mit seinem Neckarfluss auf eine besondere Geschichte in puncto Mühlen blicken. Manchmal ist es auch nur noch der Name, der daran erinnert, wie etwa bei der Stadtmühle in der Überkinger Straße. Nicht bei jedem Haus wird einem das sofort klar, dass es sich hier um eine Mühle gehandelt hat. Im Jahr 2019 feierte die Cannstatter Stadtmühle, die heute in den Händen des Evangelischen Vereins ist, ihr 20-jähriges Bestehen. Das Gebäude hat jedoch eine weitaus längere Tradition. Nicht jeder weiß, welche Geschichte dahinter steckt. Eine besondere Mühlen-Geschichte in und für Bad Cannstatt. Diese wird nun auch im aktuellen Digitalen Stadtlexikon des Stadtarchivs beleuchtet.

Der Ursprung des Gebäudes in der Überkinger Straße liegt in der Mühle. Bereits im Jahr 1353 wurde in Cannstatt eine Mahlmühle erwähnt, wie Carmen Jud vom Evangelischen Verein anlässlich des Jubiläums der Stadtmühle erklärte. Der Mahlmühle folgten viele Mühlen, oft mehrere gleichzeitig an verschiedenen Stellen am Neckar. 1881/82 wurde eine Stadtmühle in der Kanalstraße, der heutigen Überkinger Straße, an der Stelle der heutigen Stadtteilbibliothek gebaut. Im Jahr 1916 wurde daneben eine weitere Mühle, die so genannte „neue Weizenmühle“ gebaut. Sie war in etwa genau an der Stelle der heutigen Stadtmühle. Ab 1927 gehörten beide Mühlengebäude als Tochtergesellschaft zur Bäckereigenossenschaft Stuttgart.

Bei einem Luftangriff wurde 1943 die Mühle von 1916 samt Einrichtung und Maschinen komplett zerstört. In den Jahren 1949/51 wurde die letzte Stadtmühle neu gebaut an der Stelle der zerstörten Mühle das Gebäude der heutigen Stadtmühle. Im Herbst 1949 erfolgte die Gründung des Fundaments auf 120 riesigen Betonpfosten von je 28 Metern Länge. Dabei wurde schweres technisches Gerät aufgefahren. Die Pfosten wurden mit einer Dampframme in den von Mineralquellen durchzogenen porösen Untergrund getrieben. Die Stadtmühle wurde nach eineinhalbjähriger Bauzeit am 24. April 1951 als eine der modernsten Mühlen Europas in Betrieb genommen. „Sie galt manchem Zeitgenossen als neues Wahrzeichen der Stadt“, so Jud.

Rund zehn Jahre lang liefen zwei Mühlen parallel in der heutigen Überkinger Straße. 1962 wurde das Mühlengebäude von 1881/82 abgerissen und ein Verwaltungs- und Lagergebäude für die Stadtmühle gebaut. Nach der Verschmelzung der Bäckereieinkaufsgenossenschaft Böblingen-Herrenberg-Nagold mit der Bäckereieinkaufsgenossenschaft Stuttgart zur Bäko Großhandel eGmbH Stuttgart im Jahr 1968 mit Sitz in Bad Cannstatt wurde 1971 der Hauptteil der Firma Bäko nach Weilimdorf verlegt.

Das Verwaltungsgebäude in Bad Cannstatt wurde aufgegeben und von der Stadt als Stadtteilbibliothek und Notariat übernommen. 1979 wurde das Stadtmühlengebäude modernisiert und 1987 mit einem Beton-Mehlsilolager ergänzt. Zum 31. März 1994 wurde die Stadtmühle aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt und verkauft.

Käufer dieser „letzten“ Stadtmühle Cannstatts war der Evangelische Verein. In den folgenden Jahren wurde die Stadtmühle zu einem hochwertigen Wohnhaus mit Betreutem Wohnen mit 30 Wohnungen auf sechs Stockwerken umgebaut. Im September 1999 zogen die ersten Mieter in die Stadtmühle ein. Fast nichts mehr erinnert heute daran, dass in der Stadtmühle jahrzehntelang Mehl gemahlen und abgepackt wurde. Die markante Silhouette des Gebäudes ist unübersehbar, in dem seit 22 Jahren Mieter des Betreuten Wohnens leben.

Am Mombach und auf der ehemaligen Mühlgrüninsel, die heute nur noch auf alten Stadtplänen als tatsächliche Insel im Neckar zu erkennen ist, waren zunächst Mühlen und später Fabriken angesiedelt. Sie sind ein eindrücklicher Nachweis für die kontinuierliche Industrialisierung der Region im 19. Jahrhundert. Interessierte können sich online über die Mühlengeschichte informieren. Das Digitale Stadtlexikon des Stadtarchivs Stuttgart bietet hierzu seit kurzem die Möglichkeit. Zwei neue Artikel behandeln die längst abgerissene Cannstatter Stadtmühle und die Anfänge der Industrialisierung auf der Mühlgrüninsel und am Mombach. „An diesen Beispielen wird deutlich, wie der technische Fortschritt die Lebenswelt der Menschen nachhaltig veränderte, aber auch die städtebauliche Umgebung einschneidend beeinflusste“, so Günter Riederer vom Stadtarchiv. Verfasst wurden die Lexikoneinträge von Achim Bonenschäfer, dem Experten für die Geschichte der Mühlen im Neckarraum. Ein weiterer Beitrag aus seiner Feder behandelt die Berger Mühlen am ehemaligen Mühlgraben.

Die Artikel können unter www.stadtlexikon-stuttgart.de abgerufen werden, Stichwort „Mühlen“ oben eingeben.

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