Die Mauereidechse fühlt sich auf Schotteranlagen wohl. Foto: dpa/Sina Schuldt - dpa/Sina Schuldt

Die Bahn hat ein Eidechsenproblem bei Stuttgart 21: Wohin mit den 4000 artengeschützten Tieren beim Bau des Abstellbahnhofs Untertürkheim? Die Wirtschaftlichkeit des Milliardenprojekts steht auf dem Spiel.

Untertürkheim U m die Tragweite des Streits über den geplanten Abstellbahnhof der Bahn in Untertürkheim zu verstehen, muss man tief einsteigen in den Artenschutz. Man sollte sich auskennen mit dem Paarungsverhalten von Mauereidechsen und die langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie nicht vergessen. Denn all das spielt eine Rolle bei der anstehenden Entscheidung: Läuft es besonders schlecht für die Bahn, wackelt nicht nur der Zeitplan ihres Milliardenprojektes, es könnte auch die Wirtschaftlichkeit von Stuttgart 21 in Frage stehen.

Zum zentralen Stück des Kreisverkehrs rund um den Tiefbahnhof wird nach den Plänen der Bahn die rund zehn Hektar große Fläche des alten Güterbahnhofs in Untertürkheim. Dort sollen die Nah- und Fernzüge verteilt, gedreht, gereinigt oder aufs zeitweise Abstellgleis gelenkt werden. Das neue Areal ersetzt den Abstellbahnhof am Rosensteinpark. Allein, es fehlt die Baugenehmigung. Doch „ohne den Abstellbahnhof lässt sich Stuttgart 21 nicht wirtschaftlich betreiben“, heißt es bei der Bahn. „Und es gibt keine sinnvolle Alternative dazu.“

Die Pläne verstoßen nach Ansicht von Umweltverbänden gegen den Artenschutz. Denn auf dem Gelände leben laut Bahn über 4000 streng geschützte Mauereidechsen. Eigentlich keine Überraschung für die Bahn, denn diese Reptilienart kommt in den Projektgebieten für Stuttgart 21 fast überall vor. Warm, steinig, trocken, viele Verstecke – im überwucherten Schotter der Gleise fühlen sich die Tiere pudelwohl, das gilt vor allem für die stillgelegten Strecken in Untertürkheim. Der Knackpunkt: Mauereidechse ist nicht gleich Mauereidechse. Das ursprüngliche Vorkommen, das auf französische Exemplare zurückgeht, hat sich nach und nach mit aus Italien zugewanderten Tieren vermengt. Diese sollen auf Güterzügen als blinde Passagiere ihren Weg über die Alpen gefunden haben, ein weiteres Gerücht sieht den Ursprung in ausgebüxtem Lebendfutter für die Wilhelma, dem nahen Tierpark. Die Stuttgarter Mischlinge sollen den Genpool über die Stadtgrenzen hinaus nicht verändern und die immer seltener werdende Zauneidechse nicht verdrängen.

Deshalb ist die Bahn nach einer Vorgabe des Stuttgarter Regierungspräsidiums an die sogenannte Gebietskulisse gebunden, aber im eng besiedelten Stadtgebiet fehlt es an Flächen. Die Vorgaben der Naturschutzbehörden für das Umsiedeln sind zudem hart: Die Fläche, von der Tiere abgesammelt wurden, muss genau so groß sein wie das neue Habitat. Auf diesem darf es keine Katzen geben und auch keine geschützten Konkurrenten, zudem muss die neue Fläche 30 Jahre lang beaufsichtigt werden. Für Artenschutz wie diesen gibt die Bahn eine höhere zweistellige Millionensumme aus. Die Bahn schätzt die Kosten für eine umzusiedelnde Mauereidechse auf bis zu 3000 Euro pro Exemplar. Deshalb schlägt sie vor, möglichst alle Exemplare mit Reptilienangeln einzusammeln und auf die alternative Fläche umzusiedeln – „unter Inkaufnahme eines unzureichenden Habitatflächenumfangs und einer erhöhten Verdichtung, um eine Schädigung und Tötung im Baufeld zu vermeiden“, wie es in den Antragsunterlagen dazu heißt. Überzeugt das Angebot nicht, könnte die Bahn auch nur einen Teil der Echsen auf ein gefundenes fünf Hektar großes Areal umsiedeln, der Rest würde in Untertürkheim mehr oder weniger seinem Schicksal überlassen.

Beide Varianten lehnen die Naturschützer empört ab. Der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland schließt eine Klage ausdrücklich nicht aus. Die Vorschläge der Bahn zur Umsiedlung seien indiskutabel, sagt der Nabu-Fachbeauftragte für Infrastrukturprojekte, Hans-Peter Kleemann. Beim Artenschutz habe die Bahn das Potenzial für Ausgleichsmaßnahmen nicht ausgeschöpft. „Sie ist zu schnell in die Ausnahmeregelung eingestiegen.“ Auch klinge die Zahl von 140 000 Exemplaren für den gesamten Raum Stuttgart vielleicht umfangreich. „Aber wir haben eine europäische Verantwortung.“ Der andere große Tierschutzverband, der Bund, bezeichnete die „Alles oder Nichts-Drohgebärde“ der Bahn beim Umsiedeln der Eidechse als „völlig unangemessen“. Ersatzlebensräume seien durchaus zu finden, es brauche aber „guten Willen“. Sollte die Bahn auf ihrer Position beharren, könnte auch der Bund klagen.

Die Entscheidung über den Abstellbahnhof trifft das Eisenbahnbundesamt (EBA). Das Bonner Amt steckt in einer Zwickmühle: Hebelt es den Artenschutz aus, weil die beiden vorgeschlagenen Varianten diesem streng genommen widersprechen? Oder bremst es die Bahn aus und riskiert eine weitere Verzögerung und Kostenexplosion bei Stuttgart 21? Aber selbst wenn die Behörde die Pläne der Bahn bis Ende des Jahres absegnet: Sicher können sich die Bauherren danach nicht fühlen, sie müssen mit Klagen rechnen und mit einem langen Verfahren.

Florian Bitzer, der Verantwortliche für Umweltthemen der Projektgesellschaft, ist überzeugt davon, dass die Pläne der Bahn genehmigt werden. Für rund 5500 vermutete Eidechsen sei das sogenannte Ersatzhabitat entlang der Bahntrasse ausgemacht worden. Er spürt den Zeitdruck: bis Ende 2021 sollten die Bauarbeiten eigentlich beginnen.

Die Erörterung am 15. und 16. Januar beginnt jeweils um 9 Uhr in der Sängerhalle.

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