Das Foto vom Richtfest in der Balthasar-Neumann-Straße im Jahr 1965 dient als Titelfoto des Buches über 100 Jahre Baugenossenschaft Münster. Foto: BGM - BGM

Zum 100-jährigen der Baugenossenschaft Münster hat Ulrich Gohl ein Buch verfasst. Eineinhalb Jahre hat er daran gearbeitet, viel Zeit in Archiven verbracht. Das Buch zeigt viele bislang unveröffentlichte Bilder.

MünsterZum besonderen Jubiläum gibt es auch ein besonderes Buch. Autor Ulrich Gohl hat ein interessantes und lesenswertes Werk über 100 Jahre Baugenossenschaft Münster verfasst: „Wohnen. Genossenschaft. Münster a.N.“ Es ist ab Samstag, 22. Juni, dem Tag des Jubiläums, zu erhalten.

Eineinhalb Jahre hat Gohl daran gearbeitet, viel Zeit in Archiven verbracht, aber auch das Genossenschaftsregister im Amtsgericht genutzt. „Da werden die Jahresberichte aufbewahrt“, so Gohl. Und dies sei sehr wichtig und wertvoll gewesen. Bis auf einen gab es dort zu jedem Jahr der Baugenossenschaft Münster einen Bericht. Sehr spannend für Gohl war die Gründungsgeschichte der Baugenossenschaft. „Einige engagierte Bewohner wollten eigentlich damals den kommunalen Wohnungsbau anstoßen.“ Denn da private Bauherrn damals nicht zur Verfügung standen, sollte gemeinnütziger Wohnungsbau angestrebt werden. Die Bauherrschaft sollte die damals noch selbstständige Gemeinde Münster am Neckar übernehmen. Doch bald stellte sich heraus, dass die Gemeinde keine Neigung verspürte, den Heimstättenbau selbst in die Hand zu nehmen. 60 Personen meldeten sich, die in eine Bauvereinigung eintreten wollten. Am 3. März 1919 wurde im „Lamm“ die Baugenossenschaft Münster gegründet. Den Vorstand bildeten der Vorsitzende Albert Ebert, Stellvertreter und Schriftführer Hermann Unfried, Kassier Albert Wölpert und die beiden Beisitzer Adolf Steichele und Wilhelm Koch. Zum Aufsichtsratsvorsitzenden bestellten die Mitglieder Josef Hirsch.

Spannend, so Gohl, sei auch die Zeit der Gleichschaltung 1933 gewesen. Am 5. Juli wurde der Stuttgarter Baumeister Max Blum als Sonderbeauftragter in Münster eingesetzt: „Zur Nachprüfung der Geschäftsgebahrung der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Münster und zur kommissarischen Geschäftsführung“. Die Nazis misstrauten den Wirtschaftsbetrieben im Umfeld der Arbeiterbewegung zutiefst; akribisch suchten sie nach Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung, im Falle von Münster allerdings offenbar vergeblich, schreibt Gohl. Während in größeren Baugenossenschaften führende Köpfe polizeilich und gerichtlich verfolgt wurden, geschah in Münster zunächst nichts. Erst im September 1933 wurde ein Großteil von Vorstandschaft und Aufsichtsrat entlassen, zum Jahresende der Geschäftsführer und SPD-Stadtrat Albert Ebert.

„Hochinteressant und ganz neu für mich war, dass sich in Münster zu Beginn der NS-Zeit eine kommunistische Widerstandsgruppe gründete. Die Gestapo ermittelte zehn „Täter“, von denen einige in Häusern und Wohnungen der hiesigen Baugenossenschaft lebten. Ihr „Verbrechen“: Sie gaben zwischen Juni 1933 und März 1935 oppositionelle Flugblätter, Broschüren und Tarnschriften weiter und sie hörten Radio Moskau. Aufgrund von Denunziationen und Ermittlungen der Gestapo flog die Gruppe Anfang 1938 auf, die meisten Mitglieder kamen in Haft. Gohl konnte deren Gefängnisakten, die jetzt frei sind, in Ludwigsburg einsehen.

Gohl beschreibt im Buch, das viele bisher unveröffentlichte Abbildungen enthält, die Erfolge und Rückschläge, die die Mitglieder, Führungskräfte und Mitarbeiter in 100 Jahren gemeistert haben. Das Buch sollte einen modernen Titel erhalten und nicht einfach „100 Jahre Baugenossenschaft Münster“ heißen.

Ulrich Gohl: „Wohnen. Genossenschaft. Münster a. N.“, Verlag im Ziegelhaus, 128 Seiten, ISBN 978-3-925440-45-8.

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