Dicht gedrängt sind die Läuferinnen und Läufer am Sonntag auf die Strecke gegangen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig - Lichtgut/Julian Rettig

Es war wider einmal ein großes Familienfest des Sports. Gut 70 000 Zuschauer säumten die Straßen in Bad Cannstatt und Mühlhausen beim Stuttgart-Lauf.

Bad CannstattUm halb neun am Sonntagmorgen biegen die Handbiker mit Karacho in die Elwertstraße ein, wo Dutzende freiwillige Helfer in idyllischer Atmosphäre Trinkbecher und Schwämme in Bottichen bereit stellen für kommende Läuferscharen. Zwei Stunden später sieht es die Straße runter aus, als habe es Hilfsmaterial gehagelt.

Hinterm Startpunkt in der Benzstraße, auf Höhe des Stadions, sammeln sich die gut 6000 Läuferinnen und Läufer, und fünf Minuten vor Beginn ist Ansager Achim Seiter fast schon heiser: „Die sind heiß, die wollen losgelassen werden“, tönt er. Felix Schneider aus Hedelfingen ist „ein bisschen angespannt“: „Mein erster Halb-Marathon, und ich will unter zwei Stunden bleiben.“ Die Ruhe selbst dagegen ist Martin Schaal aus Renningen. Der 63-Jährige hat nur fünf Stuttgart-Läufe verpasst: „Irgendwann wird es normal“, sagt er. Als Ziel nimmt er sich zweieinhalb Stunden vor.

Blockweise geht es auf die 21,1 Kilometer-Strecke, und als vorn die ganz Sportlichen weg sind, läuft sonst alles wie am Schnürchen, auch wenn die Startpistole, mit der Sportbürgermeister Martin Schairer die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Schlaufe schickt, zwischendurch Ladehemmung hat. Cheerleader aus Plattenhardt und das dicht stehende Publikum befeuern die Stimmung.

Während es am Sonntag über Untertürkheim hoch nach Neugereut und vom Max-Eyth-See am Neckar entlang ins Ziel geht, ist am Vortag, an dem über 5000 Kinder und Jugendliche auf drei Strecken laufen, alles ums Stadion herum konzentriert – fast wie bei einem großen Familienfest. Ein tolles Bild ergibt der AOK-Jolinchen-Lauf, bei dem mehr als 600 Kinder mit ihren Eltern auf die Strecke gehen und stolz im Stadion einlaufen – gelegentlich auch auf dem Arm vom Papa. Erstmals ohne Mama ist Morena (6) gelaufen: „Ohne sie war ich schneller“, sagt sie. Ein wenig zerknirscht gibt sich Emilio. Er wäre gern schneller gelaufen. Ging aber nicht, „weil Stau in der Kurve war“. Sein Trost: Beim Bambini-Turnier des SV Rot hatte er am Morgen „zehn Tore geschossen“. Und Daniel (9) schafft seinen dritten Sieg in Serie trotz Sturz.

Gewusel wie am Bienenstock herrscht in der Cannstatter Kurve, wo die Kinder von ihren Eltern, Elternbeiräten und Lehrern eingesammelt werden. Unzählige Schul-Gruppen hatten sich zum Stuttgart-Lauf angemeldet. Die beste Position, „um glückliche Kinder zu sehen“, hat Silvia Ochs aus dem Organisations-Team: „Hier kommen sie durch den Tunnel aus dem Stadion, kriegen die Medaille umgehängt und strahlen.“

Bejubelt und unter stehendem Applaus läuft am Sonntag Yassin Osman als Sieger ins Stadion ein. Der junge Mann aus Eritrea, für die Firma Trumpf gestartet, bleibt mit 1:07:42 Stunden nur knapp über der Rekordzeit und vor dem Engländer Matthew James John Crehan und Daniel Noll vom TSV Glems. Bei den Frauen geht der Sieg an die Münchnerin Yvonne Kleiner in 1:23:19 Stunden. Hinter ihr platziert sind Lina Kabsch (Ludwigsburg) und Annalena Hofele (Rechberghausen).

Jürgen Scholz, Präsident des Württembergischen Leichtathletikverbandes, resümiert: „Das war eine rundum tolle Breitensportveranstaltung, ein schönes Familienwochenende mit Sport.“ Scholz geht von „etwa 70 000 Besuchern“ aus. Es habe sich wieder gezeigt, dass der Lauf zu Stuttgart gehöre „wie der Fernsehturm“.

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