Menschen laufen auf der Königstraße in Stuttgart. Foto: dpa - dpa

Globalisierung, Klimawandel, Migration, Digitalisierung - fundamentale Umbrüche verunsichern die Menschen. Einige fürchten um die Zukunft. Aber war früher alles besser?

Stuttgart (dpa/lsw)Trotz politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche driftet die Gesellschaft im Südwesten nicht auseinander. Das ist das Ergebnis einer vom Sozialministerium geförderten Studie der Bertelsmann Stiftung, die am Dienstag in Stuttgart vorgestellt wurde. «Ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt ist die beste Schutzimpfung gegen Verunsicherung, Hass, Hetze und Angst», kommentierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Ergebnisse. Der Zusammenhalt in Baden-Württemberg sei stärker als in anderen Teilen Deutschlands. Mit konkreten Projekten wolle man Abwehrkräfte gegen Spaltungstendenzen stärken.

Rund 1400 Menschen ab 16 Jahren wurden für die Studie befragt, um den Zusammenhalt im Land im Jahr 2019 unter die Lupe zu nehmen und die Ergebnisse mit Daten aus dem Jahr 2017 zu vergleichen. «Die ganz positive Botschaft heute: Es ist nicht schlechter geworden», sagte Projektmanager Kai Unzicker von der Stiftung.

Die Ergebnisse im Detail

ZUSAMMENHALT: 79 Prozent der Baden-Württemberger halten den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland für zumindest teilweise gefährdet. 2017 waren es noch 76 Prozent. Diese allgemeine Sorge widerspricht aber dem Erleben im eigenen Umfeld: 80 Prozent bewerten den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend als gut - zehn Prozentpunkte mehr als 2017. «Daraus kann man schließen, dass die allgemeine Sorge kaum in eigenen Erfahrungen gründet - vermutlich wird sie eher von öffentlichen Debatten und Medienberichten angestoßen», heißt es in der Studie.

RISIKOGRUPPEN: Allerdings gibt es sogenannte Risikogruppen, die ein weniger starkes soziales Miteinander erleben - etwa Menschen mit geringem Einkommen oder Alleinerziehende. Drei Viertel der Befragten geben an, dass Frauen in der Gesellschaft benachteiligt werden. 63 Prozent sind der Ansicht, dass die Politik nicht genug dagegen tut. 35 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund meiden nachts alleine bestimmte Gegenden, im Rest der Bevölkerung 28 Prozent.

SOZIALE NETZE: Mehr Menschen berichten von einem mittleren als einem eher großen oder sehr großen Freundeskreis. Der Anteil derer, die außerhalb ihrer Familie Freunde oder Bekannte haben, die ihnen im Notfall 1000 Euro leihen würden, liegt wie 2017 bei über 70 Prozent.

AKZEPTANZ: Waren es 2017 noch knapp 14 Prozent, die Homosexuelle ungern als Nachbarn hätten, sind es 2019 nur noch gut fünf Prozent. Die Einstellungen gegenüber Menschen anderer Religion sowie Migranten haben sich nicht signifikant geändert. «Trotz der aktuellen einwanderungskritischen Debatten ist die Toleranz gegenüber Menschen anderer Religion sowie Migrantinnen und Migranten nicht gesunken», sagte Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha (Grüne).

VERTRAUEN: Auch das zwischenmenschliche Vertrauen bleibt stabil. 42 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die meisten Menschen gute Absichten haben, und eine Mehrheit glaubt, dass die Aussage «heutzutage kann man sich auf niemanden verlassen» nicht stimmt.

IDENTIFIKATION: Der Anteil derer, die sich mit ihrer Region verbunden fühlen, ist zwischen 2017 und 2019 um neun Prozentpunkte auf 86 Prozent gestiegen. Die Identifikation mit dem Wohnort hat um fünf Prozentpunkte auf 81 Prozent zugenommen, mit der Nachbarschaft um knapp neun Prozentpunkte auf gut 65 Prozent. Keine Veränderung gibt es in Bezug auf die Verbundenheit mit dem Bundesland.

VERTRAUEN IN INSTITUTIONEN: Das Vertrauen in Gerichte ist seit 2017 von 48 auf knapp 55 Prozent und in die Polizei von knapp 69 auf 75 Prozent deutlich gestiegen. Im Gegensatz dazu ist das Vertrauen in den Bundestag von 28 auf 23 Prozent gesunken. Das Vertrauen in den Landtag liegt weitgehend unverändert bei 33 Prozent. Das Vertrauen in die Landesregierung ist von 36 auf knapp 41 Prozent gestiegen. Gut 87 Prozent finden, dass die Demokratie die beste Staatsform ist.

GERECHTIGKEITSEMPFINDEN: Nur eine Minderheit, nämlich 17 Prozent, hält die sozialen Unterschiede in Deutschland im Großen und Ganzen für gerecht - und damit etwas weniger als 2017. 39 Prozent finden nicht, dass man in Deutschland entsprechend seiner Leistung vergütet wird. Nur noch 24 Prozent der Befragten finden die Rangunterschiede zwischen den Menschen akzeptabel (2017: 28 Prozent).

SOLIDARITÄT: Mehr Befragte als noch 2017 glauben, dass sich die meisten Leute nicht darum kümmern, was mit ihren Mitmenschen geschieht. Im Gegensatz zu der Aussage steigt aber die Spendenbereitschaft von 62 auf 70 Prozent und die ehrenamtliche Tätigkeit von 39 auf knapp 43 Prozent. 70 Prozent der Baden-Württemberger haben in den letzten zwölf Monaten für eine gute Sache gespendet.

SICHERHEIT: Der in der Öffentlichkeit häufig thematisierte Verlust an Sicherheit werde von den Menschen in Baden-Württemberg so nicht erlebt, heißt es in der Studie. In der eigenen Nachbarschaft fühlen sich 94 Prozent der Befragten sicher. Zwar sagen immer noch gut 29 Prozent, dass es Gegenden in ihrem Wohnumfeld gibt, in die sie nachts nicht allein gehen möchten - 2017 waren es aber noch 34 Prozent.

POLITIKINTERESSE: 2017 gaben 52 Prozent der Bürger an, sich eher stark oder sehr stark für Politik zu interessieren. 2019 sind es nur noch gut 44 Prozent. Genauere Analysen zeigen nach Angaben der Studie, dass das in erster Linie auf die Befragten zurückzuführen ist, die sich auf dem politischen Spektrum eher rechts verorten.

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