Für die Ukraine in Turin: das Kalush Orchestra; mit Hut: Oleh Psjuk. Foto: Imago/S. Koning

In Turin beginnen beim diesjährigen Eurovision Song Contest die Halbfinals. Mit im Rennen: das Kalush Orchestra aus der Ukraine. Sie wollen singen – trotz Krieg.

Zum 66. Mal findet am kommenden Wochenende der Eurovision Song Contest statt, und wahrscheinlich wird es die wichtigste Ausgabe dieses größten Pop- und Showevents der Welt seit seiner Erfindung 1956: Während Russland weiter am brutalen Kriegszug in der Ukraine festhält, zelebriert Europa friedlich und bunt seinen alljährlichen Wettstreit um den womöglich besten 3-Minuten-Popsong einer Mainacht – und es werden sich wieder weit über 200 Millionen Zuschauer weltweit einschalten, von Kanada bis Australien und Neuseeland.

Ein Song als Zeichen „für unseren ukrainischen Geist“

Dass Russland in diesem Jahr von der Teilnahme ausgeschlossen wird, beschloss der Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion (EBU), bereits wenige Stunden nach dem russischen Überfall auf sein Nachbarland am 24. Februar. Dass andererseits die Ukraine überhaupt noch in der Lage sein würde, beim ESC im Mai dabeizusein, war damals nur eine vage Hoffnung. Doch es wird wahr: das Kalush Orchestra, eine sehr bunte Kiewer Rap-Folk-Truppe, probt seit Tagen in der 18 500 Zuschauer fassenden Palaolimpico-Halle im norditalienischen Turin. Einen moralischen Widerspruch zum Kriegsgeschehen in ihrer Heimat sieht der Bandchef Oleh Psjuk in ihrem Auftritt nicht: „Wir wollen, dass die Menschen darauf achten, wie original und einzigartig unsere Musik und unser Auftreten sind und wie das unseren ukrainischen Geist widerspiegelt.“

In friedlicheren Jahren hätten gerade deutsche Beobachter den Kalush-Song „Stefania“, einen pulsierenden Mix aus Folk, Sprechgesang und Elektrorhythmen, vermutlich als „Spaßbeitrag“ missverstanden – in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit wird der ESC seit Jahr und Tag als „Spaßparade“ weit unter Wert verkauft, woran der hierzulande verantwortliche NDR leider die Hauptverantwortung trägt. In der Ukraine selbst gilt „Stefania“ inzwischen keineswegs nur, wie der Text es ausdrückt, als Hommage von Oleh Psiuk an seine Mutter, sondern als eine moderne, unkonventionelle Hymne der jungen Generation auf ihre Nation: „Danke, dass du uns früher nachts nicht geweckt hast, als draußen die Stürme tobten.“

Deutschland wohl ohne Chancen

Am Dienstagabend muss das Kalush Orchestra zunächst das Halbfinale bestehen, um sich einen Auftritt in der Finalshow am folgenden Samstag zu sichern. Die Buchmacher zweifeln nicht, dass sie dies schaffen – und überhaupt gelten die Ukrainer neben den Beiträgen aus Schweden und den Niederlanden als Favoriten auf den Gesamtsieg.

Der musikalisch stärkste Beitrag des 66. ESC-Jahrgangs kommt derweil wieder aus Italien: Nach dem Sieg der Rockband Maneskin im vergangenen Jahr haben in diesem Jahr die beiden Sänger Mahmood und Blanco beste Chancen auf Platz 1: Ihre Ballade „Brividi“ ist emotionaler Italo-Pop, wie er populär-zeitgemäßer kaum sein könnte. Keine Sorgen muss sich das hiesige Publikum um den deutschen Beitrag von Malik Harris machen: „Rockstars“ ist automatisch für das Finale gesetzt. Da wird es dann aller Voraussicht nach völlig chancenlos sein. Verantwortlich auch dafür: der NDR.

ESC-Sendetermine ESC-Halbfinale 1: 10. Mai, 21 Uhr, ARD One. Halbfinale 2: 12. Mai, 21 Uhr, ARD One. Finale: 14. Mai ab 21 Uhr, ARD.

  
ESC
  
Video