Die Pandemie ging, die Einsamkeit ist geblieben. Vor allem junge Menschen fühlen sich belastet. Foto: dpa/Fabian Sommer

Die heutigen Jugendlichen gelten „als die einsamste Generation“. Dies kann schädliche Auswirkungen haben – für die Gesundheit und für die Gesellschaft. Einsamkeit darf deshalb kein Tabu sein.

Einsamkeit – das ist ein Phänomen, das lange Jahre vor allem unter älteren Menschen und Singles verbreitet war. Neu ist seit der Coronapandemie, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene über starke Einsamkeitsgefühle klagen. Auch ein Jahr nach dem offiziellen Ende der Kontaktbeschränkungen äußern sich viele junge Menschen immer noch negativ über ihre mentale Gesundheit.

Viel Zeit mit Handy oder Computer zu verbringen, das weiß man aus der psychologischen Forschung, kann allgemein negative Effekte auf die psychische Gesundheit haben. Echte Freunde im realen Leben vermitteln uns Gefühle von Glück, Zugehörigkeit und Eingebundensein. Virtuelle Kontakte können dies nicht ersetzen. Zudem tragen sie dazu bei, dass viele junge Menschen in ihrer eigenen Blase leben. Soziale Fertigkeiten wie Kommunikationsfähigkeit, Toleranz und Respekt vor anderen gehen verloren, wenn wir nicht im Austausch mit anderen Menschen sind – in der echten Welt, nicht nur im Internet.

Die Flucht ins Netz könnte aber auch ein Symptom des Trends sein, dass viele Kinder und Jugendliche nicht wie früher in Vereinen, Kirchen oder Nachbarschaftstreffs engagiert sind. Das Interesse lässt seit Jahren nach. Damit bricht ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft weg. Sich gemeinsam für eine Sache zu engagieren, sei es, im Sportverein zu turnen oder im Chor zu singen, fördert den Zusammenhalt und die soziale Kompetenz ebenso wie die Fähigkeit, Menschen mit anderen Werten und Einstellungen wertschätzend zu behandeln. Eine feste Bindung an Vereine ist aber bei jungen Menschen nicht mehr gefragt – dieses Interesse wieder zu wecken, ist nicht nur Aufgabe der Familien, sondern auch der Schulen und der Politik .

Jugendliche mit seelischen Problemen neigen mehr zu Extremismus

Einsamkeit, so nannte es Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, anlässlich der Studie in seinem Bundesland, sei „die soziale Frage unserer Zeit“. Das ist in der Tat wahr. Einsamkeit kann krank machen – körperlich und seelisch.

Jugendliche können sich oft selbst kaum aus einem psychischen Tief befreien. Sie brauchen Unterstützung. Denn aus einsamen Jugendlichen können sonst einsame Erwachsene werden. Auf Dauer ist dies ein großes Problem für unser Gesundheitswesen. So hat sich laut der Krankenkasse Barmer die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Psychotherapie gemacht haben, zwischen 2009 und 2019 verdoppelt.

Wer sich nicht eingebunden oder gar in seinem Umfeld isoliert fühlt, gerät häufiger in einen Teufelskreis aus negativen Gefühlen – und driftet so eher in extremistische Gedanken ab, wie eine deutsche Studie aus dem vergangenen Jahr gezeigt hat. Abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten, hat das Thema auch eine Relevanz für die Demokratie. So neigen Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum einsam und unverstanden fühlen, mehr zu autoritären Einstellungen und glauben eher an Verschwörungstheorien.

Einsamkeit ist kein individuelles Problem

Ein Aktionsplan gegen Einsamkeit auf allen politischen Ebenen ist dringend notwendig. Es ist eine politische Aufgabe, die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in den Fokus zu nehmen. Kinder und Jugendliche brauchen feste soziale Kontakte, ja enge Freundschaften, die von Dauer sind. Dafür braucht es aber neben der Schule Institutionen wie Vereine, die ihr Angebot auch an den Bedürfnissen Jugendlicher ausrichten. Ebenso braucht es mehr kostenlose Treffpunkte für Jugendliche. Und: Sie müssen lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen, und jemanden haben, mit dem sie sich austauschen können. Und zuallererst darf Einsamkeit kein Tabuthema mehr sein.