Quelle: Unbekannt

Unter dem Motto „Antiquaria obscura. Gefahr und Faszination“ widmet sich die antiquarische Buchpreziosenschau in diesem Jahr den Schattenzonen des Wissens. Schließlich besitzt Dunkles, Magisches und Geheimwissenschaftliches eine lange Tradition in dem Barockstädtchen.

Ludwigsburg Wie begeistert man Menschen im Zeitalter digitaler Endgeräte noch für Bleisatz auf Zellulose? Petra Bewer versucht es mit Zauberei. Die Organisatorin der Ludwigsburger Antiquariatsmesse hat die 33. Ausgabe der Verkaufsschau für historische Bücher, Handschriften und Druckgrafik unter das Motto „Antiquaria obscura. Gefahr und Faszination“ gestellt. Schließlich besitzt Dunkles, Magisches und Geheimwissenschaftliches eine lange Tradition in dem Barockstädtchen. Man denke nur an den vorübergehenden Wahlludwigsburger Friedrich Schiller und sein Romanfragment vom „Geisterseher“. Oder an Schillers doppelten Kollegen, den Arzt und Schriftsteller Justinus Kerner, der über Tintenkleckse Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen versuchte – nach Meinung vieler Zeitgenossen aber vergeblich.

Dagegen sind die Geister, die Petra Bewer rief, alle gekommen. Über fünfzig Gebrauchtbuchhändler aus dem In- und Ausland haben sich am Messeort, der Musikhalle, eingefunden, viele davon tatsächlich mit obskuren Schwarten im Gepäck. Etwa einer seltenen Ausgabe des „Liechtenbergschen Hexen-Büchleins“, welches, so der barocke Untertitel, von „Zauberern, Unholden, Hexen, derer Händeln, Art, Thun, Wesen, Buelschafften, Artzneyen, woher sie erwachen, und vielen andern ihren Machinationen“ berichtet. 2500 Euro kostet das Kompendium der Inquisitoren und Geisterjäger am Stand von Bachmann und Rybicki (Dresden). Eine günstigere Gruselei bietet Carpe Diem aus Bocholt mit dem illustrierten Exemplar von Gustav Meyrinks Altprager Groteske „Der Golem“ (150 Euro). Schulmediziner würden wohl auch Johann Heinrich Kopps „Erfahrungen und Bemerkungen bei einer prüfenden Anwendung der Homöopathie am Krankenbette“ von 1830 (550 Euro am selben Stand) in die Rubrik Teufelszeug einordnen. Sogar bei den Handschriften ergeben sich Bezüge zum Rahmenthema. Von der „Frankenstein“-Erfinderin Mary Shelley stammt das Brieffragment, das der Berliner Autographen-Spezialist Manuscryptum für 950 Euro anbietet.

In Ludwigsburg liegt der Schwerpunkt auf dem mittleren Preissegment. Die kurze Auswahl deutet bereits an, welch breites Spektrum die Antiquaria abdeckt, obschon sie im Vergleich zur parallel angesetzten Stuttgarter Antiquariatsmesse die etwas kleinere und weniger hochpreisige Veranstaltung ist. „Unser Konzept“, sagt Petra Bewer, „legt den Schwerpunkt im mittleren Preissegment, aber selbstverständlich finden Sie auch einige Spitzentitel.“ Ganz oben stehen die „Inmaginatio Millitari“ von Marco Vericci bei Kotte Autographs GmbH. Das 1595 entstandene Manuskript über Schlachtformationen und Festungsarchitektur, das mit 250 000 Euro zu Buche schlägt, kommt aus Abu Dhabi und hing am Eröffnungstag noch beim Zoll fest. Simon Stevins Grundlegung des dezimalen Maßsystems „L’Arithmétique“ von 1585, die Michael Solder aus Münster mitgebracht hat, liegt bei billigeren 28 000 Euro. Für ein Mathebuch aber immer noch viel Geld. Werke dieses Kalibers, so die Messe-Chefin, gingen oft an Sammler aus den USA oder aus Russland, die nicht selbst vorbeischauten, sondern Agenten oder Bevollmächtigte schickten. In der obersten Preisklasse spiele der Aspekt der Geldanlage durchaus eine Rolle, obschon Händler selbst diesen Trend kritisch sehen. „Das funktioniert allenfalls bei Handschriften“, meint der Antiquar Daniel Osthoff, „weil es sich, ähnlich wie bei Gemälden, um Unikate handelt.“ Gedruckte Bücher hingegen könnten schnell im Wert fallen. „Da muss nur mal jemand den Keller ausräumen, und schon ist ein einzigartiges Exemplar nicht mehr so einzigartig.“

Doch in Ludwigsburg dominieren ohnehin die Liebhaber, nicht die Spekulanten: weißhaarige Privatgelehrte, Hobbyhistoriker und Freunde von Goldschnitt oder Fadenheftung. Das Kruschtelige und Plüschige, dazu leicht muffige Odeurs aus den Regalen – all das trägt zum nostalgischen Charme der Bücherschau bei.

Ebenso wie die skurrilen Entdeckungen. Wilhelm Tissots „Curiöses Buch für Menschen, welche Kenntnisse von ihrem Körper, von der Erzeugung des Menschen, von den Heimlichkeiten des schönen Geschlechts und der Mannspersonen suchen“ macht dem Zeitalter seiner Entstehung, der Aufklärung, alle Ehre. Mit rotem (!) Stift hat ein Vorbesitzer die Passagen angestrichen, in denen Beischlafvarianten wie die „Positur von hinten“ erläutert werden.

Keuscheren Spaß verspricht ein altes Disney-Heft, auf dessen Titelseite Onkel Dagobert Münzen und Dollarscheine in einer Salatschüssel vermischt. Wer indes selber zum Onkel Dagobert werden will, sollte eher in Adam Smiths „Untersuchung der Natur und Ursachen von Nationalreichthümern“ schmökern. Bei Antiquarius aus Bonn kostet die erste deutschsprachige Ausgabe des Wirtschaftsklassikers 4500 Euro. Kapitalismus hat eben seinen Preis.

Ehrung: Seit 1995 vergibt die Messe den Antiquaria-Preis für Buchkultur. Diesmal geht die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung an den Theaterwissenschaftler und Dramaturgen Klaus Völker. Als Autor hat sich der 80-jährige Ex-Rektor der renommierten Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ mit Monografien über Bert Brecht, Frank Wedekind und Boris Vian einen Namen gemacht. Auch über Bernhard Minetti und Fritz Kortner hat Völker publiziert.

Geöffnet: an diesem Samstag 11-17 Uhr, Bahnhofstr. 19, Ludwigsburg. Die reguläre Eintrittskarte (3 Euro) gilt gleichzeitig für die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Kunstgebäude (Schlossplatz). Dort ist noch an diesem Samstag von 11 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Jugendfrei: Die Antiquaria denkt an den Nachwuchs. Wer nicht älter ist als die Messe selbst, also maximal 33 Jahre, erhält freien Eintritt.

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