Teilgeschreddert: „Love is in the Bin“ von Banksy. Foto: Museum Frieder Burda - Museum Frieder Burda

Nach der spektakulären Selbstzerstörung des Bilds bei einer Londoner Auktion ist der Hype um „Love is in the Bin“ erst recht entfesselt. Die Staatsgalerie will das teilgeschredderte Werk mit den Meisterwerken der eigenen Sammlung konfrontieren. Deshalb wird es nicht prominent präsentiert, sondern in der Dauerausstellung „versteckt“, sagt Direktorin Lange.

StuttgartDas Entsetzen war groß, als sich ein Werk des rätselhaften Streetart- und Graffiti-Künstlers Banksy nach der Versteigerung in London selbst zerstörte. Christiane Lange ist es nun gelungen, das 1,2 Millionen Euro teure Werk als Dauerleihgabe ab März in die Stuttgarter Staatsgalerie zu holen.

Frau Lange, ist die Sammlerin, die das Banksy-Bild „Love is in the Bin“ – zu Deutsch „Die Liebe ist im Eimer“ – erworben hat, auf die Staatsgalerie zugegangen? Oder haben Sie sie um­worben?
Es ist ein Glücksfall, dass ich die Eigentümerin des Bildes schon länger kenne. Sie will strengste Anonymität, die wir wahren. Dass ich mit meiner Anfrage auf sie zugegangen bin, war schon ein bisschen vermessen. Aber es ist großartig, dass sie sich darauf eingelassen hat, das Bild als Dauerleihgabe in die Staatsgalerie zu geben, damit es im Dialog mit den Meisterwerken der Kunst auf den Prüfstand gestellt wird.

Das Bild wurde in der Auktion direkt nach dem Zuschlag bei 1,2 Millionen Euro zerstört. Wie ist Ihr Eindruck: Fühlte sich die Käuferin zunächst betrogen?
Sie war natürlich total überrascht und geschockt wie jedermann, aber letztlich war es Teil der Inszenierung, dass die Menschen geschockt sind. Es ist eine Aktion und in der Nachfolge von Marcel Duchamp kunsthistorisch einzuordnen als ein aktionistisches Werk. Es ist ja nicht komplett zerstört, sondern wurde durch die Aktion letztlich erst vollendet.

Der ursprüngliche Plan des Künstlers war aber, das Bild direkt nach seiner Versteigerung komplett zu zerstören.
Ja, aber wenn man sieht, wie schön die Schredderstreifen unter dem Rahmen immer noch ein komplettes Bild ergeben, ist es egal, ob das Herzchen auch noch in Streifen hängt oder nicht. Von daher wäre es nie zerstört worden, sondern wäre – komplett in Streifen – immer noch ansichtig gewesen.

Halten Sie das Werk für qualitätsvoll? Glauben Sie, dass es langfristig im Kontext der Sammlung bestehen kann?
Das werden wir sehen. Das ist, worauf wir uns einlassen wollen und weshalb ich es wirklich spannend finde, es in einem Museum zu zeigen, das in Stuttgart Meisterwerke aus 800 Jahren vorführt. Wir sind immer wieder auf der Suche nach den grundsätzlichen Fragen, was Kunst ist, was für Themen die Künstler beschäftigen. Künstler haben schon immer versucht, eine Marke zu werden, auch Künstler wie Dürer und Rembrandt wussten, wie man eine Marke bildet.

Und Banksy?
Banksy ist eine Marke, ohne dass er sichtbar wird. Das ist eine Strategie, die nicht neu ist, aber in der digitalisierten Welt bedarf es anderer Strategien, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen wie vor 500 Jahren. Das sind spannende Dinge, die man erst im Dialog mit den Meisterwerken besser verstehen kann. Jenseits von diesem Hype und dem Spektakel geht es um ganz konkrete Fragestellungen, die in der Kunstgeschichte wieder und wieder gestellt werden und um die die Kunst kreist.

Gibt es zu dem Bild eine eigene Ausstellung?
Nein, wir wollen es verstecken, damit die Menschen wirklich in die Sammlung gehen müssen. Alle paar Wochen oder Monate wird es an einem anderen Ort präsentiert und damit in einen anderen Dialog mit einem Meisterwerk der Kunst gestellt. Was glauben Sie, wie groß das Interesse beim Publikum ist?
Ich denke, dass wir gerade auch Interesse bei denjenigen erwarten dürfen, die normalerweise nicht in ein Museum gehen, aber jetzt sagen, dass sie von Banksy und seinen Arbeiten schon mal gehört haben. Sie überwinden jetzt vielleicht ihre Hemmschwelle und gehen in die Staatsgalerie, auch wenn sie sonst Vorurteile habe, dass es dort langweilig sei und nichts für ihren Lebensstil. Banksy ist etwas, wo man den ominösen Nichtbesucher erreichen kann – und ich glaube, wir haben genügend Qualität zu bieten, um auf diese Weise den einen oder anderen Wiederholungstäter zu ge­winnen.

Das Interview führte Adrienne Braun.

Teuer, populär und bis heute nicht identifiziert

Eigentlich tun Künstler alles dafür, dass ihr Name bekannt wird. Banksy schafft es dagegen seit mehr als 25 Jahren, seine Identität geheim zu halten. Über den Briten, der 1974 geboren sein soll, kursierten schon allerhand Gerüchte, mal hielt man ihn für den Sänger der Band Massive Attack, mal für eine Frau, mal für ein Künstlerkollektiv. Tatsächlich weiß man bis heute nicht, wer der inzwischen international bekannte Künstler ist, dessen Karriere mit Street-Art begann. 2002 sprühte Banksy im Osten Londons ein Mädchen, das einen Ballon in Herzform davonfliegen lässt. Das „Balloon Girl“ wurde aus der Hauswand herausgetrennt und für rund 560 000 Euro versteigert. Seit vielen Jahren ist Banksy auch in Deutschland unterwegs und sprayt mal illegal, mal legal. Seine Motive beschäftigen sich mit Brexit, Flucht oder Umweltzerstörung. Obwohl Banksy den Kunstbetrieb ablehnt, sind seine Werke bei Sammlern begehrt – und teuer. Auch bei der Londoner Auktion war im vergangenen Herbst das Interesse groß an dem Bild „Girl with Balloon“. Nach der Zerstörung durch einen eingebauten Mechanismus hat sich der Titel geändert in „Love is in the Bin“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: