Quelle: Unbekannt

Frisch mit dem renommierten Siemens-Musikpreis geehrt, gastiert die britische Komponistin mit ihren Werken beim Eclat-Festival im Stuttgarter Theaterhaus. Zentral in ihrer Musik sind die vielen stillen Momente.

StuttgartGerade ist sie als erste Komponistin mit dem renommierten Siemens-Musikpreis ausgezeichnet worden. Jetzt kommt die in Berlin lebende Britin nach Stuttgart – an diesem Mittwoch beginnt im Theaterhaus das Eclat-Festival.

Frau Saunders, Sie sind erst die zweite Frau, die den Siemens-Musikpreis, also die renommierteste und höchstdotierte Auszeichnung im Musikbetrieb erhält – nach Anne-Sophie Mutter. Gibt es zu wenig Komponistinnen, und sind die, die es gibt, nicht gut genug?
In meiner Generation haben viel weniger Frauen als heute Komposition studiert, und nur wenige von ihnen sind sichtbar geblieben. Das hat sich heute wesentlich geändert – auch dank großartiger, eigenwilliger Frauen, die wahnsinnig viel geleistet haben, um sich durchzusetzen. Olga Neuwirth zum Beispiel oder Chaya Czernowin.

Ärgert es Sie, wenn die Gratulationen zum Preisgewinn bei Ihnen oftmals mit der Bemerkung verbunden sind, wie außerordentlich diese Auszeichnung für eine Frau ist?
Die Genderfrage ist legitim und wichtig. Ich finde es aber schon enttäuschend, dass meine Musik offenbar immer noch weniger wichtig ist als mein „anderes“ Geschlecht. Wobei ich natürlich sehr stolz bin, und ich hoffe sehr, dass die nachkommende Generation dies als Signal versteht – schließlich sind Vorbilder wichtig, um Veränderungen zu erreichen. Wir leben in einer Zeit, in der Machtverhältnisse stark infrage gestellt werden, und der Missbrauch von Macht ist heute nicht nur in Bezug auf die Genderfrage ein Thema.

Sie sind nach dem Bachelorstudium von Edinburgh nach Karlsruhe gegangen. Was hat Sie an Wolfgang Rihms Musik so sehr fasziniert, dass Sie von ihm lernen wollten?
Rihms Musik hat eine starke Sinnlichkeit, eine große lebensbejahende Kraft, und auf faszinierende Weise wird hier mit Klangfarben, mit der Stille und mit unberechenbaren Klanggestalten umgegangen.

Hat Rihm Sie beeinflusst?
Er gehört zu den Lehrern, deren Studenten eine extrem unterschiedliche Ästhetik haben. Er lotet aus, wo er sie stützen kann. Es gibt keine Rihm-Schule. Eher ist es so, dass man lernt, Fragen zu stellen und eigenständig auf die Suche nach Antworten zu gehen.

Was interessiert Sie beim Komponieren am meisten? Der Klang? Das Geräusch? Die Räumlichkeit? Strukturen? Prozesse?
Ich bin auf der Suche nach Dingen, die unter der Oberfläche verborgen sind. Nach Energiezuständen, akustischen Landschaften. Das Komponieren ist ein Denkprozess, eine Suche nach komplexen Fragen und Antworten. Außerdem ist das Komponieren stark in der Gegenwart verankert, und es interessiert mich sehr, wie ich die Aufmerksamkeit präzise auf den Moment fokussieren kann. Das will ich mit Klängen erspüren, die auch eine körperliche Präsenz haben – und dann arbeite ich daran, alles Überflüssige auszuklammern. Es geht nicht um den Ausdruck von bestimmten Emotionen. Eher ist es so, dass Musik etwas enthüllt. Etwas Zerbrechliches.

Die vielen stillen Momente in Ihrer Musik scheinen mir zentral. Sind sie das?
Der Moment des Wartens interessiert mich ungeheuer. Was passiert, wenn die Musik angehalten wird, sodass die Ohren sich neu fokussieren müssen? Die Stille ist ein Ideal, sie existiert eigentlich nicht, birgt aber ein enormes Potenzial, und damit zu arbeiten, indem man etwa unter der Oberfläche der Stille einen Klang herauszieht und dann langsam wieder zurückgehen lässt, das finde ich allein schon faszinierend. Was für eine Spur hinterlässt so ein Klang, den die Stille einrahmt? Stille ist wie eine Leinwand, sie steht immer hinter dem Klang.

Wie sehen Sie die Situation der Neuen Musik? Glauben Sie, man könnte es ändern, dass Sie mit Ihren Werken nur von wenigen wahrgenommen werden?
Das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, zu komponieren. Kunst ist notwendig, sie gehört zu unserer Wirklichkeit, und sie ermöglicht, dass wir ganz nah an die Risse in der Gesellschaft herangehen können.

Aber warum interessiert sich nur ein sehr spezielles Publikum für das, was Sie und andere heute komponieren?
Es gibt großartige Festivals mit einem sehr breiten, offenen Publikum wie zum Beispiel die Maerzmusik in Berlin. Absolut positiv ist auch die Tendenz, Musik mehr und mehr – teils aus Not, teils aus einem kreativen Impuls heraus – jenseits der konventionellen Konzertsäle aufzuführen. Damit hat man ein neues Publikum erreicht. Es wäre auch wundervoll, wenn neue Stücke mehrmals aufgeführt würden, und zwar nicht nur zusammen mit anderen zeitgenössischen Werken. Man hat das Gefühl, dass viele Veranstalter denken, das Publikum könne Neue Musik nicht verstehen. Das ist falsch. Denn es geht ja gar nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, dass man etwas erlebt. Neugier zu wecken, ist die Aufgabe von Veranstaltern – nicht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ein Werk das Publikum vielleicht überfordern könnte.

Bei Eclat wird ein Trio von Ihnen aufgeführt, „Sole“. Es erklingt im Rahmen eines großen Theaterprojekts mit dem Klangforum Wien, das „Happiness Machine“ heißt. . .
Komponistinnen und Filmemacher haben zusammen zehn Projekte erarbeitet. Mein Stück ist nur für den Abspann des Projekts gedacht. Es ist sehr still, statisch, es geht um eine gewisse Zeitlosigkeit, auch mithilfe von Wiederholungsmustern.

Eine letzte, unvermeidliche Frage: Sie sind Britin. Wie stehen Sie zum Brexit?
Oh! Das ist wie ein schmerzhaft hinausgezögerter Selbstmordversuch, der noch dazu im öffentlichen Raum stattfindet. Ein Schock! Wir im Ausland lebenden Briten durften keine Stimme abgegeben – wenn wir das gedurft hätten, wäre das Ergebnis vielleicht ein anderes gewesen.

Das Interview führte Susanne Benda.

Das Eclat-Festival für Neue Musik im Stuttgarter Theaterhaus beginnt an diesem Mittwoch und dauert bis Sonntag, 10. Februar.

eclat.org

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