Der Abstellbahnhof in Untertürkheim ist logistisch ein zentrales Element des Konzepts Stuttgart 21 Foto: PSU/Arnim Kilgus, Lichtgut/Lei - PSU/Arnim Kilgus, Lichtgut/Leif Piechowski, Mathias Kuhn

Die Bahn braucht für Stuttgart 21 einen neuen Abstellbahnhof. Die Pläne für den Standort in Untertürkheim sind umstritten. Im Blickpunkt steht vor allem der Naturschutz (Mauereidechsen) und der Lärmschutz.

UntertürkheimDie Bahn braucht für ihr Projekt Stuttgart 21 einen neuen Abstellbahnhof – das Areal beim Hauptbahnhof fällt schließlich weg. Die Pläne für den neuen Standort in Untertürkheim sind umstritten. Im Blickpunkt steht vor allem der Naturschutz, speziell die Mauereidechsen, und der Lärmschutz. Am Mittwoch startete die Erörterung der Einwendungen in Untertürkheim.

Wozu ein neuer Abstellbahnhof?

Bei Stuttgart 21 gibt die Bahn große Flächen in der City auf. Die Stadt hat sie gekauft und will darauf Wohnungen bauen. Da der Abstellbahnhof im Rosensteinpark entfällt, muss Ersatz her. Die Planung sei ein Fehler, sagt Roland Morlock vom Deutschen Bahnkunden-Verband. Wer mehr Schienenverkehr wolle, brauche Infrastruktur. Der „Ausverkauf durch die Hintertür“ müsse auch wegen der Klimaziele beendet werden.

Welche Fläche gerät in den Blick?

Die Bahn will ihre Anlage in Untertürkheim beleben. Der alte Güterbahnhof liegt brach. Er soll komplett umgebaut werden. Von hier aus können dann Züge im Ringverkehr in zwei Richtungen von und zum Tiefbahnhof fahren.

Welche Probleme gibt es dabei?

Das alte Gleisareal neben dem Daimler-Stammsitz muss für 23 Abstellgleise abgeräumt, eine Höhendifferenz von 2,60 Meter ausgeglichen werden. 204 000 Kubikmeter Aushub werden entsorgt. So fällt Habitat für hochgerechnet 4350 geschützte Mauereidechsen und Wildbienen weg.

Was geschieht mit den Tieren?

Die Mauereidechsen sollen alle von den 10,1 Hektar auf dann 4,7 Hektar Bahnflächen ausschließlich in Stuttgart umgesiedelt werden. Das ist zu wenig für ein Überleben aller Tiere, weshalb die Bahn eine Ausnahmegenehmigung dafür braucht. In seiner Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt, widerspricht das Regierungspräsidium Stuttgart (RP) diesem Vorgehen nicht. Die Population in Stuttgart sei hoch, zudem verdränge die Mauereidechse die Zauneidechsen. Die Bahn will zudem Ökopunkte dafür gegenrechnen, die sie für die Aufwertung eines Waldgebiets bei Schwäbisch Hall erhält.

Wer entscheidet letztlich?

Das RP spricht eine Empfehlung aus und geht davon aus, „dass das vor Gericht hält“. Es gebe in Stuttgart 140 000 Mauereidechsen, ein vorübergehender Bestandsrückgang können nicht ausgeschlossen werden, eine Beeinträchtigung der lokalen Population sei aber „ohnehin nicht anzunehmen“. Entscheiden wird das Eisenbahn-Bundesamt (Eba).

Wie reagieren die Naturschützer?

Wolf-Dietrich Paul vom BUND Stuttgart zeigt sich empört über die vorgelegten Pläne: „Die Deutsche Bahn hatte zehn Jahre Zeit, Flächen zu suchen“, sagte er. „Den Frust nehme ich ihnen ab“, so Versammlungsleiterin Gertrud Bühler vom RP. Hans-Peter Kleemann vom Naturschutzbund kündigte eine Klage zu den Mauereidechsen an. Für das Vorgehen der Bahn gebe es „überhaupt keine Grundlage, das sehen Anwälte auch so“. Eine Klage könnte den Bau verzögern.

Welche weitere Kritik gibt es?

Hans-Jörg Jäckel, Vertreter einer privaten Eisenbahngesellschaft wirft darüber hinaus die Frage auf, ob der Abstellbahnhof in Untertürkheim mit Blick auf die politisch und von der Bahn gewollte Verdoppelung des Schienenverkehrs überhaupt richtig dimensioniert sei. Das soll am Donnerstag besprochen werden, genauso die Kritik von Ulrich Ebert vom Landesnaturschutzverband zum Rettungskonzept.

Zum Abstellbahnhof gab es aut RP 370 Einwendungen, davon seien 220 Mustereinwendungen gewesen.

Wie steht es mit dem Lärmschutz?

Das Gutachterbüro Krebs und Kiefer/Fritz AG hat berechnet, dass Lärmschutzwände entlang der Anlage zur Untertürkheimer Wohnbebauung hin nicht möglich sind, selbst mit 15 Metern Höhe wäre nur 39 von 56 vom Lärm betroffenen Wohnungen geholfen. Daher soll es Lärmschutzfenster für Häuser in der Lindenfels-, Mäulen-, Schlotterbeck-, Silvretta-, Dietbach- und Stubaier Straße geben. Auf dem Gelände werde es „keine kurzfristigen Lärmspitzen“ geben, so der Gutachter Matthias John-Tschoeppe. Diese Aussage ist umstritten. Roland Morlock widerspricht: Eine Brems- und Warntonprobe gehöre vor dem Einsatz der Züge zwingend zur Vorbereitung. Akustische Signale seien „nicht zwingend nötig“, sagt Florian Bitzer von der Bahn AG.

Was geschieht im Betrieb?

Die Anwohner, für die Michael Brunnquell sprach, befürchten nerviges Gepiepse nicht nur bei der frühmorgendlichen Inbetriebnahme der Züge, sondern auch, wenn diese nachts in die Waschhalle auf dem Gelände gezogen werden. Die soll zwar an einem Ende im Betrieb geschlossen und am anderen Ende mittels Lärmschutzwand abgeschirmt werden, bei den Anwohner bleiben aber Vorbehalte. Sie ziehen das gesamte Schallgutachten in Zweifel. Peter Schütz, Anwalt im Auftrag der Bahn, konterte: „Wir haben das richtig gemacht.“ Auch bei der Differenzberechnung zur bisherigen Nutzung – im Blick ist dabei das Jahr 2030 – habe man zum Vergleich keine Nutzung als Güterbahnhof angesetzt.

Wie geht es weiter?

Die Erörterung der Einsprüche wird an diesem Donnerstag von 9 Uhr an in der Sängerhalle, Lindenschulstraße 29, fortgesetzt – auch mit einem Vertreter des Verkehrsministeriums.
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