Fahren, bremsen, werfen: Catharina Weiß nimmt Maß. Foto: Schorp - Schorp

Im deutschen Nationalkader ist die Esslingerin die Jüngste

EsslingenWenn im Sport von einem Allrounder die Rede ist, dann sind meist Personen gemeint, die Fähigkeiten in mehreren Sportarten besitzen. Triathleten sind wohl die Alleskönner schlechthin, Fußballer oder Tennisspieler sind dafür bekannt, passable Golfer zu sein und Surfer sind oftmals prädestinierte Snowboarder. Die Liste ließe sich wohl weiter fortführen. Auch die Esslingerin Catharina Weiß, die wegen eines Tumors, der zwei Monate nach der Geburt ihr Rückenmark beschädigte, von klein auf im Rollstuhl sitzt, war lange Zeit eine Allrounderin: Sie schwamm, sie spielte Rollstuhlbasketball und sie fuhr Monoski – noch dazu alles sehr erfolgreich. Bis sie sich irgendwann entscheiden musste.

„Mir hat das alles super viel Spaß gemacht“, sagt Weiß rückblickend. Alle drei Sportarten parallel zu betreiben, hätte jedoch irgendwann den zeitlichen Rahmen der heute 18-Jährigen gesprengt. Schule, Training, Freizeit – alles Dinge, die es galt, unter einen Hut zu bringen. Und alles Dinge, die viel Zeit kosten. Weshalb es für Weiß hieß: Aus drei mach eins. „Ich habe mich dann letztlich für Basketball entschieden, die Trainingsbedingungen waren da einfach am besten für mich“, begründet Weiß ihre Entscheidung, die sie bis heute nie bereut hat.

2009 war sie als Neunjährige erstmals mit dem Sport in Berührung gekommen. Damals fand beim RSKV Tübingen monatlich ein Training für Jugendliche statt, an dem sie teilnahm. Erst drei Jahre später wurde dann mehr daraus. „Eine Freundin hat mir erzählt, dass es in Tübingen auch ein wöchentliches Training gibt“, erinnert sich Weiß zurück, wie ihre Karriere als Rollstuhlbasketballerin ins Rollen kam. Über Einsätze in der Landes- und Regionalliga empfahl sich die Nachwuchssportlerin schließlich für höhere Aufgaben und wechselte zur Saison 2015/2016 in die 2. Bundesliga zu den Rolling Chocolate nach Heidelberg. Eine Umstellung in jeglicher Hinsicht: Höheres spielerisches Niveau und deutlich mehr Aufwand. „Wir haben zweimal pro Woche trainiert und sind daher jedes Mal per Fahrgemeinschaft nach Heidelberg gefahren“, erzählt Weiß über die Zeit in Heidelberg, die zwei Jahre später mit dem Wechsel zu den Sabres Ulm endete: „Ulm war dann immerhin etwas näher als Heidelberg.“

Seit dieser Saison spielt Weiß wieder in Tübingen. Ihr Jugendverein ist inzwischen in die 2. Bundesliga aufgestiegen, weshalb ein erneuter Vereinswechsel naheliegend war. „Viele der Spieler in Tübingen kenne ich schon lange, weil ich gleichzeitig mit ihnen angefangen habe“, sagt Weiß, die zudem seit einiger Zeit für die deutsche Nationalmannschaft spielt. 2016 wurde sie erstmals in die U 25 berufen, ehe sie im Folgejahr in den erweiterten Kader der A-Nationalmannschaft aufgenommen wurde.

Eine Medaille, die alles toppt

Ein Auswahlcamp und drei Trainingslager später folgte im April dieses Jahres die Aufnahme in den endgültigen A-Kader. „Ich konnte es selbst nur schwer einschätzen, weswegen ich ein durchwachsenes Gefühl hatte“, sagt Weiß über die Ungewissheit vor der Kaderbekanntgabe, die mit der Nominierung für die Weltmeisterschaft in Hamburg einherging: „Ich dachte, dass ich mich über das Jahr hinweg nicht so weiterentwickelt habe, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber die Trainer wollten mir eine Chance geben und haben mir vertraut – das hat mich sehr gefreut.“

Das WM-Turnier im August wurde zum Karriere-Highlight der Esslingerin. Im Spiel um Platz drei gewann das deutsche Team, das anders als in der Liga komplett aus Frauen bestand, mit einem Punkt Vorsprung gegen China und sicherte sich damit den Bronze-Rang. „Die Weltmeisterschaft war eine mega Erfahrung für mich und die Bronzemedaille toppt natürlich alles, was bisher war“, erzählt Weiß mit leuchtenden Augen von ihrem ganz persönlichen Sommermärchen, das gleich mehrere Familienangehörige und Freunde live miterlebten: „Wenn man vor den Spielen die Hymne hört, ist das immer wieder schön. Auch die Größe der Veranstaltung und die vielen Zuschauer waren beeindruckend.“

Beeindruckend ist auch der bisherige Karriereverlauf der Flügelspielerin. Obwohl sie sich selbst als eher zurückhaltende Spielerin bezeichnet, hat es Weiß geschafft, innerhalb weniger Jahre in die deutsche Spitze der Rollstuhlbasketballerinnen aufzusteigen. Als größte Stärke der derzeit jüngsten deutschen Nationalspielerin gilt dabei ihre mannschaftsdienliche Spielweise. Sowie der Ehrgeiz, sich stets weiterzuentwickeln. „Meine Motivation ist es, immer besser zu werden und meine Ziele zu erreichen“, erzählt Weiß, was sie antreibt. Und auch wenn es Tage gibt, an denen sie weniger motiviert ist, so hat sie stets große Freude an dem, was sie macht. „Der Sport gibt mir sehr viel, weil er der perfekte Ausgleich neben der Schule ist. Danach bin ich immer glücklich und froh, ich fühle mich einfach besser“, sagt die Schülerin, die in Esslingen-Zell die Käthe-Kollwitz-Schule besucht.

Im kommenden Frühjahr will sie ihr Abitur machen. Was danach kommt, weiß sie allerdings noch nicht. Studieren will sie, das hat sie bereits entschieden, nur der Schwerpunkt steht noch nicht fest. „Irgendwas im Bereich der Wirtschaft vielleicht.“ Und sportlich? Irgendwann mal Bundesliga spielen. Zudem zählen die Paralympics 2020 in Tokio zu ihren ganz großen Zielen. „Das wäre ein Traum für mich – und die Chancen stehen gar nicht so schlecht“, sagt Weiß. Und wieder leuchten die blaugrauen Augen.

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