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Das Ende der Winterpause ist für den neuen VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo der Beginn einer schwierigen Mission. Viel Zeit zur Eingewöhnung wird dem 42-Jährigen nicht bleiben

StuttgartDer Mann, der den schönen Namen Pellegrino Matarazzo trägt und nicht weniger als 45 Cousinen und Cousins ersten Grades hat, mag noch nie eine Profimannschaft trainiert haben, eines aber fehlt dem Italo-Amerikaner gewiss nicht: Lebenserfahrung. In seiner Heimat New Jersey hat er sie gesammelt, bei den Großeltern in Süditalien, in Manhattan, wo er Mathematik studiert hat, in Deutschland, wo er bei verschiedenen Clubs der Dritten Liga aktiv war, und schließlich beim 1. FC Nürnberg und der TSG Hoffenheim, wo er von 2009 an jeden Job übernahm, den er kriegen konnte.

Im Kraichgau arbeitete Matarazzo als Jugendtrainer, Assistenzcoach bei den Profis und zuletzt Koordinator im Übergangsbereich der Toptalente. Beim Club war er zuvor auch Athletik- und Rehatrainer gewesen, hatte sich zum Life-Kinetik-Coach ausbilden lassen und sich sogar als Sportpsychologe im Nachwuchsleistungszentrum betätigt. Er sei „auf keinem dieser Gebiete Experte“, hat der Fußballlehrer einmal gesagt, „aber ich habe mir alles so gut es geht angelernt und von allem etwas mitgenommen.“

Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für den bislang schwersten Job im bewegten Leben des Pellegrino Matarazzo (42): das Amt des Chefcoachs des VfB Stuttgart, eines Clubs, der in den vergangenen zehn Jahren 17 Trainer beschäftigt hat. In vielen Rollen wird der 1,98-Meter-Hüne gefordert sein, wenn mit den Leistungstests am Montag die Winterpause des Zweitligisten endet und Matarazzos Mission beginnt, den schlingernden Traditionsverein zurück in die Bundesliga zu führen.

Der Psychologe: Es ist nicht zu befürchten, dass sich der neue Trainer am Montag einer Gruppe völlig verunsicherter Spieler vorstellen muss. Schließlich hat der VfB das alte Jahr trotz aller Probleme auf Tabellenplatz drei abgeschlossen und liegt damit weiterhin auf Aufstiegskurs. Doch haben die schwachen Resultate im Herbst viel Frust erzeugt – bei den einst erfolgsverwöhnten Routiniers um Holger Badstuber, Mario Gomez und Gonzalo Castro ebenso wie bei den vielen Nachwuchskräften, die mit großen Hoffnungen zum VfB gekommen sind. Matarazzos Aufgabe wird es sein, einen neuen, positiven Geist, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Hilfreich also, dass ihm von vielen Weggefährten ein hohes Maß an Sozialkompetenz und Empathie bescheinigt wird. Er selbst sagt über sich: „Ich nehme meine Spieler immer mit ins Boot und denke, mit verschiedenen Charakteren umgehen zu können.“

Der Fußballlehrer: Matarazzo wurde vom VfB auch deshalb ausgewählt, weil sich sein Ansatz nicht grundlegend von jenem seines Vorgängers Tim Walter unterscheidet. „Wir haben einen Trainer verpflichtet, der sehr gut zu unserer fußballerischen Ausrichtung passt“, sagt Sportdirektor Sven Mislintat. In Hoffenheim hat der Coach seine Idee vom Fußball einmal so beschrieben: „Wir wollen in allen Phasen des Spiels aktiv sein, den Gegner auf dem Platz steuern und das Spiel dominieren. Klar, das möchten viele Mannschaften, aber die Unterschiede liegen im Detail.“ An eigenen Torchancen hat es unter Tim Walter (zumindest in den ersten Monaten) nicht gefehlt – wohl aber an der Balance zwischen Abwehr und Angriff. Der VfB hat bereits 24 Tore kassiert und nur 30 geschossen – beides deutlich schwächere Werte als sie das Führungsduo Arminia Bielefeld und der Hamburger SV aufweist. Es wird daher zentrale Aufgabe des neuen Trainers sein, einerseits der Defensive mehr Stabilität zu verleihen zu machen und gleichzeitig andererseits in der Offensive den verloren gegangenen Schwung wiederzubeleben.

Der Talententwickler: Seine in Nürnberg und Hoffenheim jahrelang erworbene Expertise im Umgang mit Talenten war der zweite wesentliche Grund, warum die Wahl der Stuttgarter auf Matarazzo fiel. Am Willen, junge Spieler an die Profis heranzuführen, hat es zwar auch Walter nicht gefehlt – vom neuen Mann aber erhoffen sich die VfB-Strategen eine noch engere Verzahnung. Matarazzo eilt der Ruf voraus, dass unter ihm Spieler besser werden (beim VfB war in der Vergangenheit häufig eher das gegenteilige Phänomen zu beobachten). Das bedeutet kurzfristig womöglich eine neue Chance für Jungprofis wie Roberto Massimo (19 Jahre alt), Tanguy Coulibaly (18) oder Luka Mack (19), dessen Rückkehr nach langer Verletzungspause bevorsteht. Und langfristig die Hoffnung, dass Teenager für die Profimannschaft nicht mehr nur aus fernen Ländern verpflichtet werden müssen, sondern wieder aus dem eigenen Nachwuchs kommen.

Der Entscheider: Gut drei Wochen bleiben Matarazzo bis zum ersten Punktspiel gegen den 1. FC Heidenheim (29. Januar), um seine neue Mannschaft kennenzulernen, darunter das Trainingslager in Marbella (10. bis 19. Januar). Spätestens dann muss er Entscheidungen treffen – nicht zuletzt jene, wer künftig im VfB-Tor stehen wird. Überraschend hatte Walter gegen Ende seiner Amtszeit Gregor Kobel zur Nummer zwei degradiert und auf Fabian Bredlow gesetzt. Genutzt hat es ihm wenig. Jetzt darf Kobel wieder hoffen – den neuen Chefcoach kennt er aus gemeinsamen Hoffenheimer Zeiten kennt. Fragt sich nur, ob das ein Vorteil ist.

Rückkehr und Juniorcup

Rückkehr: Ebenezer Ofori (24) kehrt zum VfB zurück – zumindest vorerst. Der Ghanaer war an den New York City FC ausgeliehen, die Ausleihe endete am 31. Dezember. Sein Vertrag beim VfB läuft bis Juni.

Neuzugang: Felix Heim (18) wechselt vom SSV Reutlingen 05 zum VfB II, der Mannschaft von Trainer Nico Willig. Der Offensivspieler absolvierte in der Vorrunde 14 Spiele im Oberliga-Team des SSV.

Juniorcup: An diesem Wochenende treten zum 30. Mal Top-Nachwuchsteams aus ganz Europa beim Mercedes-Benz Juniorcup an. Gespielt wird im Sindelfinger Glaspalast ab 12 Uhr am Samstag, das Finale steigt am Sonntag gegen 15 Uhr. Sport 1 überträgt live. Dabei sind die A-Junioren des VfB Stuttgart, des FC Porto, von Borussia Mönchengladbach, Manchester United, Rapid Wien, der Glasgow Rangers, von Eintracht Frankfurt und RB Leipzig.

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