Der Fußball und das Coronavirus – wann wird in der Bundesliga wieder gespielt? Foto: imago/Christoph Hardt

Die Fußball-Bundesliga will im Mai ihre Saison fortsetzen. Ist das klug? Ist das machbar? Ist das vertretbar? Es wird viel diskutiert – wir haben die wichtigsten Argumente zusammengetragen.

Stuttgart - Die deutschen Clubs wollen trotz der Corona-Pandemie die Saison der Fußball-Bundesliga möglichst bald fortsetzen und hoffen auf grünes Licht durch die Politik. Es gibt Gründe für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, aber auch solche, die eindeutig dagegen sprechen. Welche unserer je drei Argumente wiegen stärker?

Argumente für den Neustart

Rettung vor der Insolvenz: Den Überlebenskampf des deutschen Profifußballs hat Christian Seifert schon Mitte März ausgerufen. Sollte der Ball nicht möglichst bald wieder rollen, sagte der DFL-Boss, „brauchen wir uns nicht mehr darüber zu streiten, ob es künftig 18 oder 20 Bundesligisten sein sollen. Denn dann wird es keine 20 Proficlubs mehr geben.“ Fast täglich funken seither in Not geratene Vereine SOS – darunter nicht nur klamme Zweitligisten, sondern auch schwere Tanker wie der FC Schalke 04. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies macht sich „große Sorgen“ um seinen Verein, weil auch Schalke nicht die erforderlichen Rücklagen habe, um eine längere Zwangspause verkraften zu können. Die Proficlubs sitzen damit im gleichen Boot mit unzähligen Wirtschaftsbetrieben im Land, deren Existenz ebenfalls akut bedroht ist. Arbeitsplätze stehen hier wie dort auf dem Spiel – doch verweist der Fußball gerne auf einen zentralen Unterschied: Die Bundesliga sei nicht nur eine Milliardenindustrie, sondern auch ein schützenswertes Kulturgut; die Clubs seien nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern für Millionen von Menschen ein identitätsstiftender Ort, für viele sogar Lebensmittelpunkt. Für sie würde der Untergang ihres Herzensvereins eine mittlere Katastrophe bedeuten. Es klingt daher wie eine Drohung, wenn DFB-Präsident Fritz Keller sagt: „Ich glaube, je länger das geht, umso mehr Insolvenzen werden wir im Profifußball haben.“

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Ablenkung fürs Volk: Den wohl furchtlosesten Kämpfer für die rasche Wiederaufnahme des Spielbetriebs gibt Martin Kind. Der Hörgeräte-Unternehmer mit einem geschätzten Vermögen von 650 Millionen denkt nach eigener Aussage weniger an seinen Club Hannover 96 – sondern vor allem ans darbende Fußballvolk. In der Rückkehr auf den Rasen sähe Kind „ein emotionales und positives Signal“, das den Menschen „Vertrauen und Hoffnung gibt“. Und nicht nur das: Es wäre „ein klein bisschen wie nach dem Krieg mit der WM 1954“. So abstrus dieser Vergleich sein mag – ein bisschen Unterhaltung und Abwechslung während der großen Krise könnte womöglich tatsächlich nicht schaden. Kurzarbeit, Kontaktverbot und ausverkauftes Toilettenpapier, das sind seit Wochen die beherrschenden Themen. Würde der Ball wieder rollen, gäbe es immerhin ganz neuen Diskussionsstoff.

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Die strengen Auflagen: Längst steht fest: Wenn wieder gespielt wird, dann auf unbestimmte Zeit vor leeren Rängen. Dass Geisterspiele keinen Spaß machen, darin sind sich zwar alle einig – doch sind sie die einzige Möglichkeit, die TV-Milliarden und damit die Existenz vieler Clubs zu retten. Die Stadien sollen dabei zu einer Art virenfreien Sonderzone werden, zu der nur ein handverlesener Kreis Zugang erhalten soll. In jedem Stadion würden angeblich nur 239 Personen erlaubt sein, davon 126 im Innenraum. Beim bislang einzigen Geisterspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln am 11. März hielten sich noch rund 600 Menschen im Stadion auf. Nun soll die Zahl der Berichterstatter, Balljungen, Ordnungskräfte und Teambetreuer drastisch reduziert werden; die Delegationen der Vereine dürften maximal acht Personen umfassen, Kameraleute müssten Mundschutz tragen. Zu den Überlegungen gehört auch, Spiele an einem anderen als dem spielplangemäßen Ort auszutragen – etwa dann, wenn es in Bundesländern unterschiedliche Auflagen gibt. So etwas wie Heimvorteil gäbe es im leeren Stadion ohnehin nicht mehr.

Argumente gegen den Neustart

Die gesellschaftliche Debatte: Man kann die Diskussion um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs medizinisch führen, trainingswissenschaftlich und organisatorisch. Die bestimmende Debatte ist aber die gesellschaftspolitische. Und in dieser können sich selbst Insider des Systems Profifußball nicht vorstellen, wie eine Sonderrolle zu rechtfertigen wäre. „Wir dürfen den gesellschaftlichen Kontext nicht vergessen“, mahnt Rouven Schröder, der Sportchef des 1. FSV Mainz 05, „der Fußball darf nicht den Eindruck erwecken, dass nur für ihn solche Regeln gelten können.“ Dieter Hecking denkt ähnlich. „Niemand soll das Gefühl haben, dass der Fußball einen unverantwortlichen Alleingang unternimmt“, sagt der Trainer des Hamburger SV. Soll heißen: So lange Schulen und Ladengeschäfte geschlossen sind, Hobbysportler nicht einmal in kleinen Gruppen trainieren dürfen und strenge Kontaktverbote gelten, kann der Kontaktsport Fußball selbst mit Geisterspielen nicht starten. Das sieht sogar Gianni Infantino, der Präsident des Weltverbandes Fifa, so: „Keine Liga ist es wert, auch nur ein einziges Menschenleben zu riskieren. Es wäre mehr als unverantwortlich, die Fortsetzung von Wettbewerben zu forcieren, wenn die Situation nicht hundertprozentig sicher ist.“

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Die Frage nach dem Wie: Bestätigt ist noch keines der Szenarien, die bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) diskutiert werden. Eines soll jedoch vorsehen, dass bei einer Infektion eines Spielers nicht mehr die ganze Mannschaft in Quarantäne muss, sondern nur der Betroffene. Der Rest des Teams würde nach erfolgten (negativen) Schnelltests weiter auf dem Platz stehen. Doch hier beginnen die Probleme. „Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht in der Lage, so massiv zu testen, wie wir wollten“, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, „wenn die Menschen dann sehen, für den Fußball wird eine Extrawurst gemacht, dann gibt es Ressentiments.“ Der Sportphilosoph Gunter Gebauer hält den großen Bedarf sogar für „moralisch verwerflich“. Er meint: „Wenn 20 000 Tests benötigt werden, allein um die Bundesliga-Saison zu Ende zu bringen, ist das eine Menge angesichts der vielen gefährdeten Menschen, die diese Tests dringend benötigen.“ Zudem stellt sich die Frage: Was passiert, wenn sich zu viele Spieler eines Teams anstecken? Dann könnte das System erneut zusammenbrechen – längere Spielpausen sind nicht mehr möglich, Ende Juni soll ja Schluss sein. Alle an Geisterspielen Beteiligte für Wochen zu isolieren scheint nicht realistisch.

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Die lauernden Gefahren: Derzeit kontrollieren Polizei und Ordnungsdienste Parks und Wanderwege um zu verhindern, dass Menschen gegen das Kontaktverbot verstoßen. Zuletzt war das schöne Wetter eine Verlockung, sollte die Bundesliga wieder spielen, gibt es eine weitere. Zu den bereits zahlreichen TV-Zuschauern kämen noch jene, die sonst im Stadion sitzen, bei den Geisterspielen aber ausgesperrt bleiben. Wer kontrolliert nun, ob sie in Gruppen am TV-Gerät mitfiebern? Hält sich jede Sportsbar an die Regeln? Von einer Wiederaufnahme der Bundesliga soll ein Signal ausgehen – für einige aber womöglich das Falsche, das einen legeren Umgang mit den Gefahren suggeriert. Und vielleicht auch für die seit Jahren meist nach maximalem Profit gierenden Clubs und Verbände? Grundlegende Änderungen im überdrehten Business würden plötzlich gar nicht mehr so dringlich erscheinen – war ja alles halb so schlimm.