John McVie, hier mit Stevie Nicks, hielt sich immer lieber im Hintergrund. Foto: imago images/MediaPunch/imageSPACE via www.imago-images.de

Das Rockstar-Dasein ist nichts für John McVie. Der Bassist von Fleetwood Mac überlässt das Rampenlicht lieber seinen Bandkollegen. Nach über 50 Jahren im Showgeschäft denkt McVie über den Abschied von der Bühne nach - obwohl Fleetwood Mac weitermachen wollen.

London - Wenn Fleetwood Mac auf der Bühne stehen, hält sich John McVie stets im Hintergrund. Man könnte meinen, er wolle gar nicht bemerkt werden, sondern einfach nur spielen. Seit über fünf Jahrzehnten bildet der britische Bassist gemeinsam mit Schlagzeuger Mick Fleetwood das musikalische Rückgrat der Erfolgsgruppe, deren Geschichte von turbulenten Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern geprägt ist. An diesem Donnerstag wird der zurückhaltende Musiker 75 Jahre alt.

Seine größten Erfolge mit Fleetwood Mac erlebte McVie in den 70er und 80er Jahren, als der Gruppe ein Welthit nach dem anderen gelang. Ohrwürmer wie „Go Your Own Way“, „Dreams“, „Sara“ oder „Little Lies“ werden auch heute noch oft im Radio gespielt. Rund zehn Jahre, bevor Fleetwood Mac mit diesem melodischen Softrock-Sound große Hallen und sogar Stadien füllten, stand der Name für eine Bluesrock-Kombo.

Das Mac in Fleetwood Mac bezieht sich auf McVie. Gegründet wurde die Band aber weder von ihm noch von Mick Fleetwood, sondern von Peter Green. Alle drei hatten gemeinsam bei John Mayall’s Bluesbreakers musiziert. Als Green 1967 in London seine eigene Bluesband ins Leben rief, rekrutierte er seine bevorzugte Rhythmusfraktion und benannte die neu gegründete Formation nach den beiden Musikern.

Mehr Mr. Hyde als Dr. Jekyll

John Graham McVie war gerade 22, als Fleetwood Macs erstes Album erschien. Der am 26. November 1945 im Londoner Stadtteil Ealing geborene Musiker hatte Trompete und Gitarre gespielt, bevor er zum Bass wechselte. Er trat mit Lokalbands auf und machte nach der Schule eine Ausbildung zum Steuerprüfer. Zunächst arbeitete er sogar weiter in dem Beruf, als er schon Mitglied der Bluesbreakers war, denen zeitweise auch Gitarrist Eric Clapton angehörte.

Frühe Fleetwood Mac-Singles wie „Oh Well“ und „Man Of The World“ schafften es in die britische Hitparade, „Albatross“ sogar an die Spitze. Zu dieser Zeit lernte er Christine Perfect kennen, die er nach kurzer Zeit heiratete und die bald Keyboarderin in der Band wurde. Mitte der 70er Jahre - Green war längst ausgestiegen - siedelten Fleetwood Mac nach Kalifornien über, wo das US-Duo Stevie Nicks und Lindsey Buckingham die Besetzung komplettierte, in der die Gruppe trotz interner Probleme ihre größten Erfolge feierte.

Der kommerzielle Erfolg ging mit persönlichen Dramen und ausuferndem Alkohol- und Drogenkonsum der Bandmitglieder einher. Die Ehe der McVies zerbrach 1976. „John ist nicht gerade eine der angenehmsten Leute, wenn er getrunken hat, er ist sehr streitsüchtig“, berichtete Christine McVie damals dem „Rolling Stone“-Magazin. „Ich habe mehr von Mr. Hyde als von Dr. Jekyll gesehen.“ Fast zeitgleich endete die Liebesbeziehung von Nicks und Buckingham - und Mick Fleetwoods Ehe.

Statt die Band aufzulösen, verarbeiteten die fünf Mitglieder den Herzschmerz und die persönlichen Enttäuschungen in ihrer Musik - und nahmen eine ihrer stärksten Platten auf. „Rumours“ erschien 1977, wurde mit dem Grammy als Album des Jahres ausgezeichnet und ist eins der meistverkauften Alben der Musikgeschichte.

Abrechnung im Songtext

Der softe, melodische Westcoast-Sound steht im Gegensatz zu den fast zynischen Texten, in denen die Musiker für alle hörbar miteinander abrechneten. „Es war manchmal komisch“, sagte John McVie nach den Aufnahmen in einem seiner seltenen Interviews dem „Rolling Stone“. „Ich sitze da im Studio und bekomme einen kleinen Kloß im Hals - erst recht, wenn die Songwriter neben dir sitzen.“

„If you don’t love me now, you will never love me again“, heißt es im Song „The Chain“, in dem der unauffällige Musiker einen seiner auffälligsten Parts hat. Die pulsierende Rockhymne kommt nach knapp drei Minuten zur Ruhe - dann aber leitet McVies markantes Bassriff ein mitreißendes Finale ein. „The Chain“ ist einer von wenigen Fleetwood Mac-Songs, an denen er als Songwriter beteiligt war.

Seit 1978 ist John McVie mit seiner zweiten Frau Julie Ann Reuben verheiratet. Die beiden haben eine Tochter. Dem Alkohol hat der Musiker längst abgeschworen. Seit den 80ern soll er trocken sein.

Bis 1987 blieben Fleetwood Mac in der Besetzung aus Ex-Liebenden zusammen und nahmen die Alben „Tusk“, „Mirage“ und „Tango In The Night“ auf. In den 90ern gab es eine Reunion. McVie veröffentlichte nebenbei mit der Sängerin Lola Thomas ein Album mit Blues- und Jazz-Songs. Auf dem Coverfoto steht er wie immer im Hintergrund.

Peter Green hätte den Bandnamen Fleetwood Mac einst nicht besser wählen können. Während der vielen personellen Wechsel, Ausstiege und Comebacks in über 50 Jahren waren Fleetwood und McVie die einzigen Konstanten. Die große Welttournee 2019 soll laut dem Schlagzeuger noch nicht die letzte gewesen sein. McVie hingegen dachte schon 2015 an Abschied. „Es liegt nicht an der Musik - es ist das Drumherum, das Reisen“, sagte er dem Musikmagazin „Mojo“. „Wie lange kann Mac als Band weitermachen? Nicht mehr lang, jedenfalls was mich angeht.“

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