BRTHR sind die lässigen Söhne der Siebziger. Aus afroamerikanischer Musik, Americana und Pop schütteln die Stuttgarter auf „Brother“ exquisit groovende und leichtfüßige Perlen. Wie kann man in diesen Zeiten nur so bewundernswert entspannt bleiben? Am Sonntag spielen im Merlin.
Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, in Zeiten wie diesen und in einer teuren Stadt mit ihrem eklatanten Parkplatzmangel so lässig zu klingen wie BRTHR. Die Stuttgarter Philipp Eißler und Joscha Brettschneider schaffen es aber immer wieder, sich mit Leichtfüßigkeit und bewundernswerter Nonchalance durchs Leben zu musizieren. Aktuelles Beispiel: das wunderbar soulige, gerade erschienene vierte Album „Brother“. Am Sonntag spielen sie Songs daraus im Merlin in Stuttgart (20 Uhr).
Auf derselben Wellenlänge
Aber sind die beiden Brüder anderer Mütter überhaupt so lässig und cool, wie sie ihre Musik erscheinen lässt? Sie schauen sich fragend an und müssen erst mal ein bisschen nachdenken. „Die Musik, die wir selbst gern hören, hat auch überwiegend diese Leichtigkeit“, sagt Eißler. Damit kann er JJ Cale ebenso meinen wie Rufus Thomas und Syl Johnson. Amerikanische Figuren der Sechziger und Siebziger eben, zu Hause irgendwo zwischen Soul, Blues, Americana und Pop. „Außerdem umgibt man sich ja auch automatisch mit Menschen, die auf derselben Wellenlänge sind“, ergänzt Eißler.
Sein langjähriger Kollege, Freund und Intimus Joscha Brettschneider nickt. „Überwiegend liegt diese Lockerheit an der Konstellation, in der wir zusammen spielen dürfen.“ Das machen sie seit einem guten Jahrzehnt, klangen mal ein bisschen folkiger, mal etwas bluesiger, diesmal eben ein wenig souliger, mit reduziertem, aber virtuosem Gitarrenspiel, Bläsern, Streichern und genau der richtigen Vernuscheltheit in Eißlers Croonerstimme. Ein bisschen funky glitzernd und vor allem komplett unangestrengt ist das, nonchalant bis zum Gehtnichtmehr, fast schon enervierend tiefenentspannt. Musik, die man gut in einem Schaukelstuhl hören kann, während die Welt einen einfach mal gernhaben kann.
„Die Band ist dieselbe, aber unser Sound hat sich verändert“, kommentiert Sänger und Gitarrist Eißler die Evolution der letzten Jahre. „Soul war schon immer ein wichtiger Ankerpunkt in unserer Musik, neben vielen weiteren natürlich, aber aus irgendeinem Grund trat er diesmal mehr in Erscheinung.“ Aus irgendeinem Grund, das klingt nach einer Menge Improvisation, nach libertärem Denken. Gitarrist Brettschneider kann das bestätigen: „Geplant wird bei BRTHR aber nichts“, bekräftigt er. „Wir haben den großen Luxus, dass wir im Studio alles in Ruhe ausarbeiten können. Da können wir die Musik einfach fließen lassen. Die Songs entstehen meistens ganz von selbst, aus sich heraus. Wir lassen alles einfach wachsen.“
Der weiche und relaxte Sound
Der große gemeinsame musikalische Nenner von Eißler, Brettschneider und ihren Kollegen Max Braun (Bass, Produktion) und Johann Polzer (Schlagzeug) tut sein Übriges, um BRTHR stets ganz natürlich klingen zu lassen. Der weichere, relaxte, warme Sound der Platte beruht ebenfalls auf einer Fügung, wenn man so will. „Ich hatte mir irgendwann mal eine billige Akustikgitarre mit Nylonseiten gekauft“, verrät Eißler, „und die hatte so einen wunderbar weichen Klang, dass ich allein deswegen schon auf andere Ideen gekommen bin.“
Die Gitarre ist letztlich nur in zwei Songs zu hören, als Inspiration für den Gesamtsound hat sie aber eine entscheidende Rolle gespielt. Ein gutes Beispiel, wie BRTHR funktionieren. Kein Reißbrett, kein Fünfjahresplan, kein Auge auf Trends, sondern die Dinge einfach geschehen lassen. Noch so ein Grund für diese herrlich lockere Stimmung wahrscheinlich.
Musik ist für Eißler und Brettschneider Sprache, Kommunikation, Ventil. Umso schwieriger kann es da natürlich werden, einen Song, ein Album wirklich abzuschließen. Denn wann ist ein Stück Kunst schon wirklich fertig? „Unsere Inhouse-Qualitätssicherung ist schon mal recht streng“, grinst Brettschneider. „Wir sind relativ geschmackssicher, und wenn es einer mal doch nicht sein sollte, wird er dezent von den anderen daran erinnert.“ Manche Songs werden Vertrauten dann aber durchaus auch mal vorgespielt, weil man als Musiker gerne mal „betriebstaub“ ist, wie Brettschneider es so schön nennt.
Auch in den Texten hallt diese Unaufgeregtheit wider; ein klassisch unbeschwertes, weltfremdes Soul-Stelldichein ist „Brother“ dennoch nicht. „Wenn man an Soul denkt, fallen einem natürlich sofort tausend Herzschmerzballaden ein“, so Eißler. In diese Klischeefalle tappen BRTHR aber gar nicht erst und skizzieren ihr Album eher als Gratwanderung zwischen unbeschwertem Veranda-Soul mit Bierchen und Zikaden und Songs, die zu einem sozialen Bewusstsein passen – so wie sie Marvin Gaye 1971 auf „What’s Going on?“ gesungen hat.
Nicht grenzenlos locker
Als politische Band sehen sich BRTHR dennoch nicht. „Uns geht es nicht darum, dass wir als BRTHR jetzt unbedingt etwas Politisches sagen müssen. Wir schreiben aber eben immer schon über das, was uns bewegt. Und das sind in letzter Zeit eben vermehrt auch politische Dinge“, sagt Philipp Eißler.
Irgendwie ist es doch tröstlich zu wissen, dass die grenzenlose Lockerheit selbst bei den BRTHR ihre Grenzen kennt.
BRTHR: Brother. Backseat. Konzert in Stuttgart: Sonntag, 14. April im Merlin, 20 Uhr.
Musik im Blut
Familie
Familie Joscha Brettschneider hat Musik praktisch im Blut. Sein Vater ist Stefan Hiss, den man von der nach ihm benannten Polka-Rock-Band Hiss kennt. Bei Los Santos spielt Brettschneider mit seinem Vater und dessen Frau Lucia Schlör.