Nadine Luz fühlt sich in der Produktion wohl. Foto: ale

Es ist kein weit verbreiteter Beruf, doch Nadine und Florian Luz haben sich bewusst dafür entschieden: Metzger. Die Geschwister wollen den Familienbetrieb in Bad Cannstatt weiterführen – in fünfter Generation.

Bad Cannstatt - Das Fleischerhandwerk ist nicht unbedingt ein Beruf, den jeder ergreifen möchte. Die Branche ringt seit Jahren um den Nachwuchs. Viele Metzgereien müssen schließen, weil niemand den Betrieb übernehmen möchte. Zwischen 2008 und 2018 mussten in Deutschland mehr als 4000 Geschäfte dichtmachen – auch in Stuttgart. Früher waren sie an jeder Ecke zu finden, alleine 14 in Bad Cannstatt. „Heute sind wir noch zu zweit“, weiß Martin Luz. Seit 109 Jahren führt seine Familie den eigenen Betrieb in der Sauerwasserstadt. Und die Zukunft des traditionsreichen Geschäfts Metzger Luz scheint auch für die Zukunft gesichert. Mit Nadine und Martin Luz ist bereits die fünfte Generation eingestiegen. Vielmehr noch haben die 22-Jährige und ihr 20-jähriger Bruder nunmehr bereits ihre Meisterprüfung abgeschlossen – als eine der jüngsten überhaupt.

Als einen Zwang, die Tradition fortführen zu müssen, sehen die Geschwister die Aufgabe nicht. Vielmehr „hat mir meine Mutter sogar eher abgeraten“, gesteht Nadine Luz. Schließlich geht es rau zu im männerdominierten Handwerk. „Es hat mir aber einfach schon immer Spaß gemacht“, sagt Nadine Luz. Und wenn „die Steine schon gelegt sind, wäre man blöd, würde man nicht weiterbauen“, ergänzt ihr jüngerer Bruder. Die Geschwister verstehen sich hervorragend, verbringen auch privat viel Zeit zusammen. „Wir sind ein Herz und eine Seele“, sagen beide unisono. Daher hat Nadine mit der Meisterprüfung auch auf ihren jüngeren Bruder gewartet. Denn der Fachkräftemangel hat zu einem Umdenken geführt, heute darf man diese als Geselle sofort ablegen, „früher hätte man zunächst fünf Jahre warten müssen“, sagt Florian Luz.

Seite an Seite haben beide nun in viermonatiger Ausbildung vor wenigen Tagen ihre Prüfung an der Meisterschule in Augsburg abgelegt. Und warum bereits so jung? „So früh wie möglich die besten Qualifikationen zu erlangen, kann nur von Vorteil sein“, sieht Florian seinen Weg auch noch nicht als beendet an, will vielleicht auch noch den Betriebswirt machen.

Denn so sehr sich die Geschwister auch verstehen, gehen die Interessen beruflich auseinander. Das Steckenpferd von Nadine war schon immer die Produktion. Bereits als Kind ging sie die wenigen Meter vom Elternhaus in die Wurstküche. Dort fühlt sie sich bis heute am wohlsten. „Die Arbeit mit dem natürlichen Produkt macht besonders Spaß.“ In aller Ruhe kann die 22-Jährige dort ihre Kreativität ausleben. Denn neben zahlreichen überlieferten Familienrezepten tüftelt sie auch stets an neuen Kreationen. Die nachkommende Generation will ihren eigenen Weg gehen. „Da muss ich manchmal doch ein wenig entgegensteuern, es muss ja auch kalkulierbar bleiben“, sagt Vater Martin Luz – wenngleich er sich selbst vom Erfolg vieler neuen Kreationen überrascht zeigt.

Hingegen ist Florian der „Marketingexperte“. „Ich bin nicht unbedingt der Mann für die schmutzige Arbeit“, gesteht der 20-Jährige. Daher fühlt er sich in den Filialen in der Seelbergstraße und im Stuttgarter Osten sehr viel mehr zu Hause. Er will sich um den Lieferservice und um den Partyservice kümmern, wenn dieser nach der Corona-Pandemie wieder richtig anläuft. „Denn das ist unumwunden eine große Einbuße“, sagt Florian Luz. Aufgrund der verschiedenen Interessen sehen die Geschwister keine Probleme für die Zukunft, wenn sie den elterlichen Betrieb einmal gemeinsam übernehmen, ganz im Gegenteil: „Wir ergänzen uns sehr gut.“ Wenngleich der deutschlandweite Fleischskandal um Schalke-Präsident Clemens Tönnies und weitere Corona-Fälle in anderen Schlachtgroßbetrieben die Lage nicht einfacher macht. „Das Vertrauen in die Fleischindustrie ist natürlich kaputt“, weiß Seniorchef Martin Luz. Allerdings betont er im gleichen Atemzug: „Umso mehr steigt das Vertrauen in kleine Betriebe wie unseren, die schon immer da waren. Da weiß man, was man bekommt.“ Und so sind sich Nadine und Florian Luz auch sicher: „Wir werden den Schritt nicht bereuen“ – als Fleischer in fünfter Generation.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: