Im Archäopark im Lonetal sind 40 000 Jahre alte Fundstücke aus Mammutelfenbein dort zu sehen, wo sie einst ausgegraben wurden. Doch die Kleinstadt Niederstotzingen kann das Museum nicht mehr tragen. Nun soll das Land einspringen – doch die Ministerien zögern.
Wenn sich mit Saisonende Anfang November die Türen des Archäoparks im Lonetal schließen, könnte das etwas Endgültiges sein. Die Stadt Niederstotzingen (Kreis Heidenheim), auf deren Gemarkung das 2013 eröffnete Freimuseum liegt, wird die Finanzierung von Betrieb und Personal einstellen. Die Stadt mit ihren 4700 Einwohnern könne den jährlichen Abmangel des Museums nicht mehr tragen, sagt der parteilose Bürgermeister Marcus Bremer.
Das Land sei über die finanzielle Schieflage „seit langer Zeit“ unterrichtet, so Bremer – passiert sei bisher nichts. „Da ist jeder ein Stück weit enttäuscht.“ In einem Positionspapier fordern die Niederstotzinger vom Land, den Park zu übernehmen. Deswegen liefen aktuell Gespräche mit dem Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen.
Jährlich hohe Verluste beim Archäopark
Dort ist man dem Vernehmen nach wenig begeistert von den Forderungen aus dem Kreis Heidenheim. Ein Ministeriumssprecher sagt, eine Überführung des Archäoparks in die Regie der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg und damit in den Geschäftsbereich des Finanzministeriums sei besprochen worden, jedoch „aufgrund der dortigen hohen Auslastung nicht möglich“. Zu Zahlen äußert sich der Bürgermeister Bremer öffentlich nicht, früheren Berichten zufolge liegen die jährlichen Verluste des Parks bei rund 300 000 Euro.
Hermann Mader, früherer CDU-Landrat von Heidenheim und maßgeblicher politischer Geburtshelfer des Archäoparks, ist enttäuscht: „Wir haben damals gekämpft. Jetzt fühle ich mich total leer.“ Mader ist bis heute Vorsitzender des Fördervereins Eiszeitkunst im Lonetal. Der Verein hatte sich verpflichtet, in den ersten zehn Jahren des Museumsbetriebs Spenden in Höhe von 50 000 Euro jährlich nach Niederstotzingen zu überweisen. Rund 1,5 Millionen Euro von Unternehmen und Privatpersonen seien im vergangenen Jahrzehnt eingeworben worden. Das war auch dem früheren Voith-Konzernchef und BDI-Präsidenten Michael Rogowski zu verdanken. Rogowski verstarb im vergangenen November – ein Rückschlag fürs ganze Museumsprojekt. Das Auslaufen der Spendenvereinbarung sei mit ein Grund dafür, dass die Stadt Niederstotzingen sich jetzt zurückziehe, sagt Mader.
40 000 Jahre alte Fundstücke aus dem Lonetal
Der Ärchäopark, gebaut zum Preis von zweieinhalb Millionen Euro, war mit wesentlicher Unterstützung des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger entstanden. Er hatte Forderungen ausgeräumt, Baden-Württemberg solle ein Zentralmuseum für die Eiszeitkunst bauen, anstatt eine dezentrale Museumslandschaft zu schaffen.
Im Lonetal besteht der besondere Reiz für Besucher darin, dass rund 40 000 Jahre alte Fundstücke aus Mammutelfenbein dort gezeigt werden, so sie einst ausgegraben wurden. Die Vogelherdhöhle ist Teil des Museumsareals. Er und Kollegen seien vor 15 Jahren direkt von Günther Oettinger in Stuttgart empfangen worden, erinnert sich der Heidenheimer Ex-Landrat. Jetzt werde „alles auf die Arbeitsebene abgeschoben“. Eine Folge davon: „Die Sponsoren haben sich fast ausnahmslos alle zurückgezogen.“
SPD sieht Ungleichgewicht bei der Förderung
Dass der Archäopark von der Landesregierung als eine CDU-Altlast empfunden werden könnte, mutmaßt man auch bei der SPD. „Es ist eine Schande, wie das Land mit den Welterbestätten umgeht“, sagte der Ulmer SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir schon vor der Sommerpause. Man lasse „die Kommunen am ausgestreckten Arm verhungern“. SPD-Landeschef Andreas Stoch aus Heidenheim sagte: „Ich finde es nach wir vor verstörend, dass die Landesregierung nicht versteht, welche Dimension diese Fundstätten haben“. Bei der der Oppositionspartei wie auch in Niederstotzingen ist genau registriert worden, wie großzügig sich die Landesregierung in Bezug auf die Förderung von Keltenstätten gibt. Allein die Heuneburg in der Gemeinde Hundersingen (Kreis Sigmaringen) vor der Haustür des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wird derzeit mit Millionenaufwand zu einer „Erlebniswelt“ ausgebaut.
Dem gegenüber nehmen sich die bisherigen Landesförderungen für die Eiszeitkunst überschaubar aus. Es sind sieben Stätten, die 2017 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurden, verteilt auf sieben Kommunen und zwei Landkreise im Achtal und Lonetal. Laut dem Landesentwicklungsministerien erhielten die Anrainer-Kommunen seit 2015 Landesmittel von 690 000 Euro. Der Archäopark erhalte zudem Zuschüsse „zur Unterstützung laufender Ausgaben und Investitionen“.
Wie geht es mit dem Archäopark in Niederstotzingen weiter?
Noch den nächsten Winter über sei Zeit, eine tragfähig Lösung für die Zukunft zu finden, so ein Ministeriumssprecher. Womöglich im Rahmen einer „künftigen übergreifenden Konzeption für die sieben Welterbestätten“. Auch werde die Frage von weiteren Unterstützungsmöglichkeiten im Rahmen eines Welterbeförderprogramms in den aktuellen Haushaltsberatungen behandelt“. Zudem stehe die Landesdenkmalpflege im Austausch mit der Stadt Niederstotzingen, dabei werde eine „Kooperation“ ausgelotet.
Sollte das scheitern, glaubt Ex-Landrat Mader, steht das ganze Steinzeit-Welterbe zur Disposition. Die Vogelherhöhle sei nämlich nicht nur eine von mehreren wichtigen im Land, sondern „die bedeutendste Fundhöhle europaweit“.