Wolfgang Schaal zieht sich nach fast einem Vierteljahrhundert im Leonberger Gemeinderat aus der Politik zurück . Der Freie Wähler hat in den Debatten Degen und Florett gleichermaßen genutzt.
Das letzte Jahr des zweiten Jahrtausends ist für Wolfgang Schaal ein ganz besonderes: Der Familienbetrieb wird 100 Jahre alt. Und rechtzeitig zum runden Geburtstag wird auch der Neubau in der Leonberger Brennerstraße fertig. Ein modernes Gebäude, heute würde man sagen ein „Showroom“, für Bäder des gehobenen Stils.
Die handwerklichen Wurzeln vernachlässigt der Inhaber dabei nicht. Im Erdgeschoss ist die Flaschner-Werkstatt. Wenn Rohre verstopft sind oder die Toilette nicht so will, ist das Team der Firma Schaal weit über Leonberg hinaus unterwegs. Dem Inhaber bringt das den Spitznamen „Dr. WC“ ein.
Das Jahr 1999 ist für den Ur-Eltinger aber auch aus einem anderen Grund außergewöhnlich: Erstmals wird Wolfgang Schaal in den Leonberger Gemeinderat gewählt. Fast ein Vierteljahrhundert wird er im Stadtparlament bleiben – als aufrechter Kämpfer für die die Interessen des heimischen Gewerbes und des Handwerks, wie als kompetenter Fachmann bei Bau- und Verkehrsprojekten.
In dieser Woche hat er nach mehr als 24 Jahren als Stadtrat der Freien Wähler ade gesagt – nach rund 250 Ratssitzungen, ähnlich zahlreichen Ausschüssen und an die 500 Fraktionssitzungen. „Er hat erst mit dem Degen, dann mit dem Florett gefochten“, umschreibt Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) die Hartnäckigkeit, mit der Schaal für seine Ziele eintritt, um am Ende doch einen Kompromiss zu suchen und zumeist auch zu finden.
Die Enkel kommen zum Abschied
Selbst in seiner letzten Sitzung versucht der Freie Wähler bei einer heftigen Diskussion um die Zahl der Parkplätze im Stadtentwicklungsgebiet Postareal zwischen den Fronten zu vermitteln. Diesmal reicht es nicht. Ein Konsens scheint schwierig. Da mag es den mittlerweile 74-Jährigen trösten, dass zum Abschied seine Tochter mit den beiden Enkelkindern aus München angereist und der Leonberger Teil der Familie ebenso da ist.
Familiäre Wege sind es auch, die den damals 50 Jährigen in die Politik führen. Schaals Schwager ist Walter Merk, seinerzeit einflussreicher Fraktionschef der Freien Wähler in Leonberg. „Ich hatte mich schon immer für Kommunalpolitik und das, was in unserer Stadt passiert, interessiert“, erinnert sich Wolfgang Schaal an Merks Angebot, doch für die Ratsliste der Freien Wähler zur Verfügung zu stehen.
Früher herrschte im Gemeinderat ein rauer Ton
Der Flaschnermeister und Firmenchef wird gewählt und bekommt von Erwin Widmaier, der mittlerweile Fraktionsvorsitzender ist, den Finanz- und Verwaltungsausschuss zugewiesen. Der Neue ist anfangs nicht begeistert. „Heute bin ich Erwin dankbar, da habe ich viel gelernt“, sagt Schaal.
Fünf Jahre später, nach erfolgreicher Wiederwahl, wechselt er in sein Lieblingsgremium, den Planungsausschuss. Hier geht es ums Bauen, um Stadtentwicklung und Verkehr. Dort ist der Handwerksmeister mit unternehmerischer Ader in seinem Element.
Damals herrscht im Gemeinderat ein rauer Ton. „Ideologie hat oft die Debatten geprägt“, sagt Schaal. Protagonisten wie Alwin Grupp von der CDU, der Sozialdemokrat Jürgen Stolle oder Eberhard Schmalzried von der Grün-Alternativen Bürgerliste, wie sie damals noch hieß, schenken sich nichts. Schaal hält sich zurück. „Ich hatte mehr als 15 000 Kunden aus ganz Leonberg. Da war es wichtig, dass ich neutral geblieben bin.“
Leo West ist ein Vorzeige-Gewerbegebiet
In der Sachdebatte ist der Freie Wähler indes keineswegs zurückhaltend: Er kämpft für einen Ausbau der B 295, die Verlängerung der Brennerstraße als zentrale Einfallstraße ins Zentrum und den Westanschluss an der Autobahn 8. Maßgeblich auf sein Konto geht das Gewerbegebiet Längenbühl im Dreieck zwischen Westanschluss und Schopfloch.
„Das war Ackerland. Ökologische Probleme gab es dort nicht“, erinnert er sich an den anfangs einsamen Kampf. Selbst in den eigenen Reihen waren die Landwirte alles andere als begeistert, einen Teil ihrer Anbaufläche für Betriebe zu opfern. Mittlerweile ist Leo West, wie die gut sieben Hektar große Fläche jetzt heißt, ein Vorzeigeprojekt für zeitgemäße Gewerbegebiete.
In einem anderem Kampf kann sich Schaal nicht durchsetzen. Beim Streit ums Hallenbad sind die Fronten so verhärtet, dass der Begriff Kampf durchaus zutreffend ist. Die Technik des Bades ist heruntergekommen, ein Teil des Gemeinderates ist für die Sanierung , der andere für einen Neubau. Die Freien Wähler schlagen ein Allwetterbad vor. Bei einem Volksentscheid 2012 ist eine deutliche Mehrheit für die Sanierung. Immerhin gelingt es Wolfgang Schaal, den Bau einer modernen Sauna durchzusetzen – die jetzt nach der langen Corona- und Energiespar-Zwangspause stark frequentiert ist.
Zur aktuellen Situation im Rathaus will er nur so viel sagen: „Für ein positives Betriebsklima sehe ich Luft nach oben.“ Aber das sei nicht mehr sein Thema. Kein bisschen Wehmut? „Ich bin nicht traurig“, meint Schaal. „Ich lächle, weil ich fast 25 Jahre mitentscheiden durfte.“ Und weil er jetzt mehr Zeit hat: für die Enkel, für Reisen nach Griechenland oder Fuerteventura – und für den VfB.