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Bad Cannstadt: Schach mit Blatt

Seit 90 Jahren zelebrieren die Mitglieder des Stuttgarter Bridge-Clubs das traditionelle und komplexe Kartenspiel. Logik, Konzentration und Erfahrung stehen im Vordergrund.

Bad Cannstadt: Schach mit Blatt

Beim Bridge, das immer paarweise gespielt wird, wird nicht viel geredet - stattdessen gibt es eine Geheimsprache... Fotos: Eva Herschmann

Es ist beinahe mucksmäuschenstill im gemütlichen Vereinsheim des Stuttgarter Bridge-Clubs, wo bunte Kunst an den Wänden hängt und es eine kleine Küche im Eck gibt. Zahlreiche Spieler sind an diesem Donnerstagnachmittag zum Turnier für Fortgeschrittene in die Brunnenstraße 2a in Cannstatt gekommen und sitzen in Vierergrüppchen an den Tischen. Doch beim Bridge, das immer paarweise gespielt wird, wird nicht viel geredet. Stattdessen gibt es die Geheimsprache, mit der die Spieler anzeigen, wie stark ihr Blatt ist und wie sich ihre Karten auf die vier Farben verteilen.

Was haben Microsoft-Gründer Bill Gates und Wimbledon-Siegerin Martina Nawratilowa, Omar Sharif und der Politiker Winston Churchill gemein? Sie alle sind oder waren begeisterte Anhänger von Bridge, dem Kartenspiel für vier Personen. „Bridge ist das Schach unter den Kartenspielen“, sagt Reinhard Bock-Müller, der Vorsitzende des Bridge-Clubs Stuttgart. Bridge werde am Kaffeetisch gespielt, im Club-Turnier oder in der Bundesliga. „Es kommt immer auf Logik, Konzentration und Erfahrung an.“

Je zwei sich gegenüber sitzende Spieler bilden ein Team, das zusammen spielt und gewertet wird. Es werden französische Karten, 52 Blatt, ohne Joker, verwendet und Ziel ist es, möglichst viele Stiche zu machen. Beim Reizen wird in einer Art Versteigerung ermittelt – auch das ohne Worte, sondern mit den bunten Bietkarten – welches Paar wie viele Stiche machen muss und ob es eine Trumpffarbe gibt. Das Paar, das sich mit seiner Ansage durchgesetzt hat, muss mindestens die angesagte Stichzahl erreichen, was die andere Seite nach Möglichkeit zu verhindern sucht. Eine Besonderheit des Bridge ist es, dass von der Partei, die die Reizung gewonnen hat, nur ein Spieler oder eine Spielerin im Abspiel spielt, während der Partner oder die Partnerin nach dem ersten Ausspiel des linken Gegners die Karten offen auf den Tisch legt und auf Anweisung des Alleinspielers zugibt. „Erfolg hat man nur als Paar“, sagt Bock-Müller.

Logik und Konzentration sind gefragt.
Logik und Konzentration sind gefragt.

Schon in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe es eine große Bridge-Bewegung in Deutschland gegeben, berichtet der Vorsitzende. „Und als in den USA die moderne Form des Turnierbridge entwickelt wurde, gab es einen Riesenboom.“ Seit 1934 gibt es den Stuttgarter Verein, der sich damit zu den ältesten Bridge-Clubs in Deutschland zählen darf. Das 90-Jahr-Jubiläum hat der Bridge-Club, der zurzeit 162 Mitglieder hat, aber schon Ende 2023 gefeiert. Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass der Verein im Januar 1933 gegründet wurde, erzählt Reinhard Bock-Müller. Doch beim Recherchieren stieß er auf neue Erkenntnisse. Im Nachrichtenblatt des Deutschen Bride-Verbandes mit dem Untertitel „Blatt für Bridge, Gesellschaft und Mode“ entdeckte er in der Ausgabe vom Dezember 1934 die Meldung, dass eine „Frau Cullmann“ die Gründung einer Ortsgruppe in Stuttgart anzeige und im Januar 1935 sei dort dann auch der Vollzug gemeldet worden. Außerdem, dass „beim ersten Turnier Carola Cullmann und Heinz von Rottek gesiegt haben“. Somit habe die Bridge-Welt in Stuttgart zwei herausragende Eltern, erklärt Bock-Müller. „Beide gehörten vor und nach dem Krieg zu den Spitzenspielern in Deutschland. Heinz von Rottek war von 1955 bis 1981 sogar der Präsident des Deutschen Bridge-Verbandes.“

Als Vorläufer von Bridge gilt Whist, das aus England stammt und 1529 erstmals erwähnt wurde. Wie sich Bridge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, ist unklar. Aber der Ursprung liegt wohl in Russland oder der Türkei. Laut einer Theorie erfanden britische Soldaten Bridge während des Krimkrieges von 1853 bis 1856. Laut einer anderen Annahme kam das Spiel in Istanbul um 1860 auf. So oder so: Der Name Bridge hat nichts mit Brücke, seiner deutschen Übersetzung, zu tun, sondern leitet sich vom russischen Wort „biritch“ ab, der Bezeichnung für das Bridge-Urspiel Whist. Ende des 19. Jahrhunderts fand Bridge seinen Weg nach New York und London.

Bridge sei ein sehr komplexes Spiel mit komplizierten Reizregeln, sagt der Vorsitzende der Stuttgarter. Der Club, der nach 45 Jahren am Olgaeck seit Anfang 2023 in Cannstatt zuhause ist, bietet deshalb regelmäßig einmal im Jahr Anfängerkurse in seinen Räumen an. Ende Januar haben wieder zwei begonnen, die laut dem Vorsitzenden gut besucht sind.

Bevor das Turnier für Fortgeschrittene anfängt, werden alle Karten mit der vereinseigenen Mischmaschine durchgemischt, erst dann kommen die Boards auf die Tische – und dann wird gespielt, stundenlang und meist schweigend. „So ein Turnier kann schon drei oder mehr Stunden dauern“, sagt Reinhard Bock-Müller. 
www.stuttgarter-bridgeclub.de
Eva Herschmann

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