Für Passanten mit Rollator oder Kinderwagen ist nur wenig Platz, wenn Autos auf dem Gehweg parken. Foto: Elke Hauptmann

Falschparker, Parkscheinautomaten, Ladesäulen, Verkehrsschilder: Die Interessenvertretung der Fußgänger kritisiert zugestellte Gehwege. Mit einem Appell richtet man sich an die Politik.

Untertürkheim - Die Stadt Stuttgart hat im Juli 2011 die internationale „Charta des Gehens“ unterzeichnet. Darin verpflichtet sie sich zur Förderung des Fußgängerverkehrs. Nach zehn Jahren aber fällt die Bilanz ernüchternd aus: „Wir müssen leider feststellen, dass trotz dieser Selbstverpflichtung keine substanziellen Verbesserungen für die Menschen unserer Stadt erreicht wurden“, moniert Peter Erben von „Fuss e.V.“ Der Stuttgarter Ableger des Fachverbandes Fußverkehr Deutschland schlägt gar Alarm: „Die Bedingungen für diesen Mobilitätssektor haben sich seither sogar noch verschlechtert.“ So würden beispielsweise Ladesäulen für Elektroautos auf Gehwegen errichtet, Querparker mit Heck oder Front auf den Bürgersteig hineinragen und die Möblierung der Gehwege, die eigentlich frei sein sollten, generell zunehmen.

Deshalb wenden sich die Mitglieder der Interessenvertretung mit einem offenen Brief an Stuttgarts neuen Oberbürgermeister Frank Nopper und seine Referenten, an die Mitglieder des Gemeinderates und alle Bezirksbeiräte. Ihr Schreiben enthält zwölf Forderungen – laut Erben alles Maßnahmen, die „geeignet sind, in kurzer Zeit eine gute Wirkung zu erzielen“. Und die das gesamte Stadtgebiet berücksichtigen. Denn auch in den Außenstadtbezirken müssten „ab sofort spürbare Verbesserungen erreicht werden“, wird in dem Appell an die politisch Verantwortlichen betont. „Zufußgehen sollte im Jahr 2021 überall gut möglich sein.“

Außenbezirke bislang unberücksichtigt

Zwar liege seit 2017 ein ambitioniertes Fußverkehrskonzept für die Landeshauptstadt vor, das eine umfängliche Bestands- und Mängelanalyse enthalte. Das Untersuchungsgebiet erfasse aber nur die fünf Innenstadtbezirke, moniert der Fußgängerverein. Die Situation in den 18 Außenstadtbezirken sei noch nicht berücksichtigt – dabei seien die Probleme in vielen Stadtteilen ähnlich wie in den dicht besiedelten Innenstadtbezirken gelagert, zum Teil „sogar noch gravierender“.

Ursächlich für die fortschreitende Negativentwicklung sind nach Ansicht von „Fuss e.V.“ steigende Zulassungszahlen für Kraftfahrzeuge und der damit verbundene Druck auf die verbleibenden, nicht beliebig erweiterbaren öffentlichen Verkehrsflächen. „Eine Folge der Zunahme des motorisierten, fließenden Verkehrs ist ein illegales Ausweichen von Teilen des Fahrradverkehrs auf die Gehwege.“ Dies geschehe „vor allem mangels Errichtung sicherer Radwege“, meinen Erben und seine Mitstreiter. Zudem kritisieren sie die Selbstverständlichkeit, mit der Gehwege für fremde Zwecke genutzt werden, um Straßenraum für parkende Autos freizuhalten: „Mülltonnen, Parkscheinautomaten, Elektroroller, E-Ladesäulen, Sperrmüll, Verkaufsauslagen, Luftfiltersäulen, Kaffeehaustische und vieles mehr könnten statt auf den Gehwegen dort Platz finden, wo heute Autos 23 Stunden täglich am Fahrbahnrand stehen, ohne bewegt zu werden.“

Fremdnutzung auf erträgliches Maß reduzieren

Menschen, die für sich und andere eine gute Fußverkehrsinfrastruktur erwarten, würden die alltäglichen Bedingungen auf vielen Gehwegen als unerträglich empfinden. „Gerade die schwächsten Mitglieder im Straßenverkehr haben einen würdevolleren Umgang mit ihren spezifischen Bedürfnissen verdient. Kindern, Älteren und Menschen mit einer Behinderung gebührt hier mehr Respekt.“ Die zentrale Forderung des Vereins lautet daher: Die „legalisierte Fremdnutzung“ der Fußverkehrsflächen müsse auf ein verträgliches Maß zurückgeführt und der Missbrauch „konsequent verhindert und geahndet“ werden.

Deshalb solle die Überwachung des ruhenden und des fließenden Verkehrs intensiviert werden; Fahrzeuge, die abgesenkte Bordsteinkanten, Gehwegnasen, Sperrflächen und Zebrastreifen rücksichtslos zuparken, müssten konsequent abgeschleppt werden, meint die Interessenvertretung. Ebenso sei die Mindestgehwegbreite von 2,50 Meter überall zu gewährleisten – im Wege stehende Parkscheinautomaten und E-Ladestationen sollten versetzt werden. Auf der Wunschliste stehen unter anderem auch großzügige, begrünte Aufenthaltszonen sowie die Schaffung von Spielmöglichkeiten für Kinder im Straßenraum, die Instandsetzung maroder Stäffele, die Schaffung sicherer Radwege sowie die Installation von Pförtnerampeln, „um den zufließenden Verkehr ins Stadtgebiet Stuttgart soweit zu regulieren, dass der Autoverkehr auf ein fuß- und radverträgliches Maß gedrosselt wird“.

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