Christel Lorenz wird bald 85 und führt ihre Gaststätte Zieglerstüble in Musberg allein. Eine Speisekarte oder eine Homepage gibt es nicht – das rustikale Lokal gilt als Geheimtipp.
Der alte Rollladen vor der Eingangstür geht mit einem lauten Ratsch auf, und dahinter geht es in eine längst vergangene Zeit. Die Möbel und die dunkle Holzverkleidung der Wände stammen noch aus den 1950er Jahren, das große Buntglasfenster zeigt eine historische Szene aus einer Ziegelei, und auch die Deko verweigert sich jedem modernen Trend. Christel Lorenz nippt an ihrem Sprudel und schaut sich in ihrem Gasthaus um. „Es hat sich nichts verändert“, sagt sie, nur die Theke sei irgendwann mal erneuert worden. Ansonsten sieht das Zieglerstüble in Musberg noch so aus, wie Christel Lorenz’ Eltern es einst eingerichtet haben. Und das ist lang her. „Ich bin in der Wirtschaft seit 1956, da haben es die Eltern noch gemacht“, erklärt sie.
Christel Lorenz ist ein Musberger Original – und gehört zu den ältesten Wirtsleuten weit und breit. Mitte März wird sie 85 Jahre alt, und trotzdem schmeißt sie den Laden weitgehend allein. Nur ab und an sei jemand zur Unterstützung da, ansonsten bleiben das Kochen, das Bewirten und das Abkassieren an ihr hängen. „Früher waren wir zu dritt“, aber die Mutter und auch der Partner seien gestorben. Geblieben ist nur Christel Lorenz. Doch die denkt gar nicht ans Aufhören. „Ich kann’s gar nicht“, sagt sie, „ich werde nicht mal mit meinem freien Tag fertig.“ Langweilig würde es ihr werden, erklärt sie. Dann stehe sie doch lieber in der Küche. „Ich koche gern.“
Die Wirtin des Zieglerstüble kocht alles selbst
Die zierliche Seniorin mit dem hochgesteckten Haar ist eine Gesellige, die launig erzählt, etwa von den Großeltern, die eine Ziegelei hatten, und vom Vater, den jeder nur den Ziegler-Max nannte. „Alle sagen Frau Ziegler zu mir“, sagt sie. Wenn wenig los sei, setze sie sich gern mal zu den Gästen hin. „In so einer kleinen Wirtschaft muss man reden“, findet sie. Nicht selten aber seien alle 30 Plätze in der Gaststube besetzt. So wie neulich, als Christel Lorenz eine Geburtstagsgesellschaft bewirtet habe. Die vielen Fleischküchle habe sie noch am selben Vormittag frisch gemacht.
Gekocht wird im Zieglerstüble deftig und schwäbisch. Eine Speisekarte gibt es ebenso wenig wie eine Homepage. „Ich bin freischaffende Künstlerin“, sagt Christel Lorenz. „Ich erzähl’, was es zu essen gibt“, schiebt sie nach. Gulasch oder Schweinsbraten mache sie beispielsweise gern, denn das seien Gerichte, die sie im Topf oder im Ofen lassen könne, während sie bewirte. „Ein Schnitzel braten und nebenbei ein Bier zapfen, das geht nicht.“ Und trotz dieser eher rustikalen Herangehensweise ist das Zieglerstüble beliebt. In den Internetbewertungen bekommt das Lokal viel Zuspruch. „Wie bei Oma. Es ist einfach perfekt! Die Besitzerin ist eine wunderbare Köchin und eine begnadete Gastwirtin“, liest man dort. „Service, Ambiente und vor allem das Essen, alles vorzüglich und ganz klar 5 Sterne!“, lautet eine andere Rezension. Und Christel Lorenz? Die kommentiert so viel Lob auf ihre eigene Art. „’s bruddelt koiner“, sagt sie.
Es geht auf den Mittag zu, da muss alles parat sein. Christel Lorenz zieht es wieder in die Küche. Gulasch kocht sie heute, außerdem Linsen mit Spätzle. Schwäbische Klassiker, die sicherlich wieder ihre Abnehmer finden. Und ja, wenn die Leute gern kommen und ihnen das Essen schmeckt, darüber freut sie sich schon. Das verrät ihr Lächeln. „Mehr brauch’ ich nicht, das reicht doch.“