Ohne freiwillige Helfer lässt sich die Flüchtlingshilfe nicht bewältigen. .Foto: dpa Quelle: Unbekannt

Zur Hochzeit waren in Stuttgart 3500 Menschen in der Flüchtlingshilfe engagiert. Heute sind es noch 2100. Grund: veränderte Aufgaben und die Schließung von Unterkünften.

StuttgartAls im Herbst 2015 die Zahl der ankommenden Flüchtlinge wuchs, war in der Landeshauptstadt parallel eine weitere Entwicklung festzustellen: Mit jeder neuen Flüchtlingsunterkunft stieg auch die Zahl der Freundeskreise und der Engagierten. Den Höchststand an Flüchtlingshelfern erreichte man in Stuttgart 2016 mit insgesamt rund 3500 Ehrenamtlichen in Freundeskreisen, Projekten und Initiativen.

Seither haben sich die Verhältnisse verändert. Stadtverwaltung, kirchliche Einrichtungen, freie Träger und die Wirtschaftskammern haben ein umfangreiches Hilfs- und Fördersystem für die Geflüchteten aufgebaut. Im März hat das Sozialamt der Stadt nun ermittelt, wie viele Engagierte noch in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Das Ergebnis: Etwa 2100 Menschen sind heute aktiv. Rund 1600 engagieren sich noch regelmäßig in Freundeskreisen, weitere 500 in Initiativen und Projekten wie Frauen helfen Frauen, Migrantinnen für Migrantinnen, Arrival Aid, Formularhelden oder in den Begegnungsräumen für Geflüchtete.

„Die Zahlen sinken zwar, sind in Stuttgart aber immer noch auf einem hohen Niveau“, sagt der Sozialamtsleiter Stefan Spatz. Und es gebe im Vergleich zur Frühphase der Entwicklung inzwischen ein neues Phänomen, so Spatz, das der „passiv Engagierten“. Rechnet man diese Personen im Umfeld dazu, dann zählten die Freundeskreise in Stuttgart noch immer etwa 3000 Mitglieder.

Engagement weiterhin beachtlich

Die Gründe für den Rückgang bei den Aktiven liegen auf der Hand: Die vielen damals nötigen Interimsunterkünfte wurden aufgegeben, woraufhin sich Freundeskreise im Umfeld auflösten. Und die Aufgaben der Helfer hätten sich verändert, so Spatz, „weg von den Willkommensaufgaben hin zu Integrationsaufgaben“. Diese Aufgaben, etwa Wohnungs­suche, Familiennachzug, Stellensuche, seien oft zeitintensiver und anspruchsvoller als die anfänglichen Tätigkeiten der Helfer und bergen für diese auch ein gewisses „Frustrationspotenzial“, so der Sozialamtsleiter. Und es gebe eine gewisse Abwanderung von Freundeskreisen in spezifischere Initiativen und Projekte. Nicht wenige Engagierte hätten sich auch von den Freundeskreisen entfernt, weil sie Geflüchtete und deren Familien nach einem Auszug aus der Unterkunft „privat weiterbetreuen“. Das Engagement der Menschen habe sich weiterentwickelt, sei noch immer beachtlich. Spatz: „Die Stadtgesellschaft ist darauf immer noch angewiesen.“

Die Einschätzung der Stadt wird von Vertreterinnen einiger Flüchtlingsfreundeskreise bestätigt. Der Arbeitskreis Flüchtlinge Heumaden-Sillenbuch habe 99 Mitglieder, 73 aktive und 26 passive, erzählt Ariane Mueller-Ressing. „Das entspricht etwa der Zahl vor dem großen Flüchtlingsandrang.“ Man habe in letzter Zeit sogar ein paar Ehrenamtliche dazu gewonnen, einige andere hätte wegen Wegzugs, altersbedingt oder wegen Krankheit, der Pflege des Partners oder von Enkeln aufgehört. Zu Hochzeiten habe man etwa 120 Personen auf der Liste gehabt, so Mueller-Ressing, doch viele hätten vor allem Sachspenden gebracht und bei Festen geholfen. Die Aufgaben hätten sich zwar von der „Rundumbetreuung“ zur Funktion als „Lotsen“ in Kooperation mit der hauptamtlichen Sozialarbeit gewandelt, aber Deutschunterricht für Geflüchtete, Hausaufgabenbetreuung, die Begleitung zu Ämtern oder die Arbeit in der Kleiderkammer gehöre noch immer dazu. „Die meisten Mitglieder machen noch die gleiche Arbeit wie zuvor“, so Ariane Mueller-Ressing. „Die wird nach wie vor gebraucht.“

Angebote nicht lückenlos

Marina Silverii, Sprecherin im Flüchtlingsfreundeskreis West, spricht von einem „großen Schwund“ bei den aktiven Helfern. Zu Hochzeiten waren dort nahezu 300 Personen aktiv, nun zählt man etwa 60 Aktive. Aber: Im Verteiler habe man noch immer etwa 600 Privatadressen. „Die meisten, die aufgehört haben, sind drangeblieben an dem Thema und weiter sehr interessiert“, erklärt Silverii. „Nur ganz wenige sind aus Frust nicht mehr dabei.“ Im Westen waren in einer ganzen Reihe von Unterkünften beinahe 1000 Geflüchtete untergebracht, heute seien es noch knapp 100. Die Aktiven aus dem Westen bieten aber noch in einer Unterkunft im Bezirk Mitte Hausaufgabenbetreuung, ein Frauenfrühstück und einen Lernraum für Jugendliche und Erwachsene, erzählt die Tochter eines Gastarbeiterehepaars. Ihr Vater stammt aus Italien, die Mutter aus Spanien. Und man habe einige Flüchtlingsfamilien in Privatwohnungen im Westen unterbringen können. „Da geben die Ehrenamtlichen dem Vermieter Sicherheit, weil sie sich weiter um die Familien kümmern“, sagt Marina Silverii. Und sie betont: Auch heute seien die Angebote der öffentlichen Hand noch nicht lückenlos.

Wichtig: das Zusammenkommen

In der Debatte fehlt der 52-Jährigen, dass es trotz der verbesserten Integrationsangebote weiter sehr wichtig sei, „mit den Menschen einfach im Alltag zusammenzukommen“. Nur so könne man auch erkennen, was noch zu tun sei in der Integration, dass man nicht die gleichen Fehler mache wie bei der früheren Gastarbeitergeneration. Marina Silverii: „Wir müssen weiter ein Auge darauf haben, wo man unterstützen kann.“

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