Yuval Weinberg wollte nie etwas anderes werden als Chordirigent. Foto: Klaus Mellenthin

Was hat der neue Chefdirigent des SWR-Vokalensembles mit seinem Chor vor? An diesem Freitag kann man Yuval Weinbergs Antrittskonzert zwar nur per Stream verfolgen, aber für die Zukunft wünscht sich der 30-Jährige viel Nähe zwischen Sängern und Publikum.

Stuttgart - Es ist Herbst, Corona-Zeit. Die 14 Sängerinnen des SWR-Vokalensembles, die an diesem Mittag getrennt von ihren männlichen Kollegen proben, sitzen im Halbkreis weit voneinander entfernt. Der schmale, unglaublich junge Mann in der Saalmitte: Das ist, auch wenn er zunächst einmal gar nicht so wirkt, der neue Chef. Yuval Weinberg, gerade mal 30 Jahre alt, folgt dem mehr als doppelt so alten Dirigenten Marcus Creed nach, der den Rundfunkchor in 17 Jahren zu einem extrem homogenen Klangkörper geformt hat. Sanft, aber bestimmt modelliert Weinberg Brahms’ A-cappella-Gesänge op. 42.

Es geht ruhig zu, wertschätzend, kenntnisreich. Gelingende Kommunikation als Basis für eine gelingende Partnerschaft: Wer dieser Probe zu Yuval Weinbergs Stuttgarter Antrittskonzert im SWR-Funkstudio beiwohnt, kann verstehen, warum vor zweieinhalb Jahren der Chorvorstand und die Stimmsprecher des Vokalensembles einhellig bekundeten, diesen Dirigenten haben zu wollen und keinen anderen. Er selbst, sagt Yuval Weinberg, habe allerdings auch schnell das Gefühl gehabt, „dass das richtig gut passt – musikalisch und persönlich. Ich habe etwas zu geben, das für die Sänger relevant ist.“

Die Sänger aus ihren Komfortzonen locken

Und was ist dieses Relevante? Yuval Weinberg verschluckt sich. Im Chefdirigentenzimmer hat die Chormanagerin Cornelia Bend Weinbergs Lieblingsgebäck, einen Käsekuchen, aufgefahren – im Funkstudio ist man noch immer im heißen Stadium der Schockverliebtheit, und auch hier scheint Liebe durch den Magen zu gehen. „Entschuldigung, es ist schwer, gleichzeitig zu reden und zu essen“, sagt der solchermaßen Verwöhnte lachend – und spricht dann doch gleich weiter, vor allem von dem Klang, den er mit dem Chor entwickeln möchte. Was bedeutet: ausprobieren, die Sänger aus ihren Komfortzonen locken. Der Klang und damit auch die Aussage des Chores, so wünscht sich Weinberg, sollen noch persönlicher, individueller werden, noch mehr Charakter haben.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet die Corona-Krise hat eines von Yuval Weinbergs Fernzielen, nämlich das Proben und Auftreten in kleinen Gruppen und die damit verbundene Stärkung der Eigenverantwortlichkeit bei den einzelnen Sängern, in kurzer Zeit herbeigezwungen. „Wir wachsen durch diese Situation“, gibt Weinberg zu, und er sei „immer wieder erstaunt, welche Fähigkeiten und welche starken Persönlichkeiten in diesem Kollektiv zusammenkommen“. Dass das Publikum momentan nicht live bei den Konzerten sein kann, sei allerdings „genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich machen wollten. Wir wollten immer näher an das Publikum herankommen – auch mit kleineren Konzertformaten, in denen man der Musik nicht widerstehen kann.“ Immerhin: Weinberg hat einen Drei-Jahres-Vertrag, und man darf hoffen, dass bis 2023 wieder mehr Nähe möglich sein wird.

Experimentelles soll neben Vertrautem stehen

Vorher möchte der Dirigent nicht nur möglichst viele Zuschauer live begeistern, sondern auch wieder CDs aufnehmen – allerdings keine Reihen, sondern eher „einzelne Konzept-CDs“. Schwierigkeitsgrad: egal, denn „der Chor ist extrem schnell, sehr genau und sehr motiviert“. So habe er beispielsweise einmal gesagt: Okay, das ist noch nicht perfekt, aber das kommt noch – woraufhin ein Tenor widersprochen habe: Es sei doch noch ein bisschen Zeit, ob man die Stelle nicht noch ein paar Mal durchsingen könne? „Dieses Engagement für die Qualität“, sagt Weinberg, „ist wirklich ganz besonders.“

Und das Repertoire? Yuval Weinberg, seit 2019 auch erster Gastdirigent des ambitionierten norwegischen Det Norske Solistkor, liebt skandinavische Chormusik. „Es gibt“, sagt er, „in der Neuen Musik ein Schwarz-Weiß-Denken, das ich nicht teile: Entweder ein Stück ist experimentell und klug – oder es ist klischeehaft, kitschig und schön. Ich glaube, dass für beides Platz ist. Und als Rundfunkchor wollen wir nicht nur eine Gruppe von Zuhörern überzeugen, sondern möglichst viele.“ Aus diesem Grund gibt es schon beim Antrittskonzert am 20. November ein Stück des Norwegers Örjan Matre: Die Balance zwischen Vertrautem und Herausforderndem in den 16-stimmigen „Orphic Songs“ könnte, so Weinberg, auch das deutsche Publikum überzeugen.

Leben in Deutschland – aber die Heimat bleibt Israel

In Deutschland fühlt sich der Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter seit seinem Studium in Berlin zu Hause. Und als Muttersprache bezeichnet er, der nie etwas anderes werden wollte als Chordirigent, die Vokalmusik – „weil mich der Klang der menschlichen Stimme so berührt“. Aber seine Heimat bleibt: Israel. Warum er dann weggegangen ist? „Das ist einfach so passiert“, und seine Eltern hätten ihn sehr unterstützt, wohl auch weil sie sahen, wie steil die Karriere ihres Sohnes verlief, der schon früh am Pult renommierter Vokalensembles stand.

„Ich war“, sagt er, „bei Proben lange Zeit immer der Jüngste. Zum Glück wird das allmählich besser.“ Und mit Autorität – „ein schwieriges Wort“ – habe das Alter eh nichts zu tun. „Für mich gilt: Natürlich bin ich alleine vor dem Chor, muss mich alleine vorbereiten, trage auch Verantwortung. Ich will aber das Gefühl haben, dass wir gemeinsam musizieren. Sonst macht mir die Arbeit keinen Spaß.“

Neues vom SWR-Vokalensemble

Termin
Aufgrund der aktuellen Corona-Verordnungen kann man Yuval Weinbergs ersten Auftritt als Chefdirigent des SWR-Vokalensembles an diesem Samstag (21. November) um 18 Uhr nicht vor Ort miterleben, sondern nur als Live-Videostream auf www.SWRClassic.de sowie zeitversetzt im Radio (SWR 2 um 20.03 Uhr). Anschließend ist das Konzert mit A-cappella-Werken von Brahms, Matre und Messiaen über die SWR-2-App nachhörbar.

Planung
Die Weihnachtskonzerte des Chores finden am 10. und 11. Dezember in der Alten Kelter Fellbach statt. Sollten auch dann noch keine Live-Veranstaltungen möglich sein, kann man Werke von Schütz und Distler wieder per Livestream miterleben.

www.swr.de/swrclassic/vokalensemble