Markus Braun, dem früheren Vorstandschef von Wirecard, wird Betrug zur Last gelegt. (Archivbild) Foto: AFP/CHRISTOF STACHE

Vor Aktionären und Investoren trat Wirecard-Vorstandschef Markus Braun über Jahre hinweg als Technologieprophet auf. Für die Staatsanwaltschaft war Braun ein Bandenchef, der Milliarden erschwindelte.

Im größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte hat die Münchner Staatsanwaltschaft Anklage gegen den früheren Wirecard-Vorstandschef Markus Braun erhoben. Die Ermittler werfen Braun und zwei weiteren ehemaligen Spitzenmanagern des einstigen Dax-Konzerns „bandenmäßiges Vorgehen“ vor. Sie sollen seit 2015 die Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um insgesamt 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben - davon 1,7 Milliarden Euro an Krediten und weitere 1,4 Milliarden an Schuldverschreibungen. Über seinen Pressesprecher beteuerten Brauns Verteidiger die Unschuld ihres Mandanten und erhoben schwere Vorwürfe gegen die Ermittler.

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Laut Anklage waren die Wirecard-Bilanzen von 2015 bis 2018 falsch - eine geprüfte Bilanz für 2019 kam schon nicht mehr zustande. Im Juni 2020 meldete die einst als deutsches Technologie-Vorzeigeunternehmen geltende Wirecard Insolvenz an. Auslöser waren bis heute vermisste 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten verbucht waren.

Braun sitzt seit Juli 2020 in U-Haft

Laut Ermittlungen waren dies jedoch Scheinbuchungen großen Stils. Wirecard wickelte als Zahlungsdienstleister Kreditkartenzahlungen an Ladenkassen und im Onlinehandel ab. Die mutmaßlich nicht existenten Milliarden wurden als Erträge von Partnerfirmen verbucht, die angeblich im Wirecard-Auftrag Zahlungen abwickelten.

Der Österreicher sitzt seit 22. Juli 2020 ununterbrochen in Untersuchungshaft. Laut Anklage erfanden Braun, der frühere Chefbuchhalter und der Leiter der Wirecard-Tochter in Dubai äußerst ertragreiche Geschäfte, vor allem in Asien. „Der Angeschuldigte Dr. B. wusste, dass mit Übernahme der unrichtigen Buchungszahlen die Konzernbilanz ebenfalls falsch wurde, und unterzeichnete als CEO gleichwohl die jeweiligen Abschlüsse“, schrieben die Staatsanwälte in ihrer Mitteilung.

Drei Milliarden Euro Schaden

Brauns Verteidiger hingegen stellten Braun als Opfer dar: „Die Anklage leidet an gravierenden Mängeln und geht von einem völlig falschen Tatbild aus.“ Im weiteren Verfahren werde sich erweisen, dass „Dr. Braun nie Teil einer Bande war, die Millionensummen hinter seinem Rücken veruntreut hat, dass er nichts von den Machenschaften dieser Bande gewusst und schon gar nicht von diesen profitiert hat.“ Dies zielt auf den seit Sommer 2020 untergetauchten ehemaligen Vertriebsvorstand Jan Marsalek, gegen den die Staatsanwaltschaft gesondert ermittelt.

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Bevor es zum Prozess kommt, muss im nächsten Schritt das Landgericht München entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird. Manipulationsvorwürfe gegen Wirecard gab es seit vielen Jahren, aufgedeckt worden war der Skandal von der britischen „Financial Times“. Braun ist durch den Kollaps seines Unternehmens selbst ruiniert worden, da er nahezu sein gesamtes Vermögen in Wirecard-Aktien angelegt hatte.

Der mutmaßliche Betrugsschaden von über drei Milliarden Euro übersteigt zumindest in absoluten Zahlen und nicht inflationsbereinigt alle seit 1945 in Deutschland bekannt gewordenen Fälle. Bisheriger Rekordhalter ist das badische Unternehmen Flowtex, das mit dem Verkauf nicht existenter Bohrmaschinen in den 1990er Jahren einen Betrugsschaden von zwei Milliarden Euro anrichtete. Im VW-Skandal waren die Folgekosten für den Wolfsburger Konzern mit an die 30 Milliarden Euro zwar noch ungleich höher, aber dabei ging es nicht um Finanzschwindel.