Wenn Helga Zimmer die Tür öffnet, ist da niemand mehr. Ihr Mann lebt jetzt in einem Pflegeheim. Foto: Lichtgut

Wie feiert man Weihnacht, wenn der Sohn in Haft, der Ehemann gestorben ist oder nun im Pflegeheim lebt. Drei Stuttgarter erzählen, wie sie dem Gefühl der Einsamkeit entgegentreten.

Helga Zimmer hat gewusst, dass es irgendwann geschehen wird. Sie ist 78 Jahre alt, eine Frau, die ihre Worte abwägt. Wie alle anderen Menschen in diesem Text trägt sie auch zum Schutz derer, über die sie sprechen, einen anderen Namen. Sie sagt: „Ich war innerlich darauf nicht vorbereitet. Obwohl ich gewusst habe, dass es kommen wird, war es ein ganz schwerer Schritt.“ Seit Anfang des Monats lebt ihr Mann, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, in einem Pflegeheim. Er ist fast zehn Jahre älter als sie, hat vielerlei Krankheiten. Eine über Jahre langsam fortschreitende Demenz gehört dazu.

Sein Zimmer ist verwaist

Aber das entscheidende Ereignis war ein Sturz in der eigenen Wohnung. Gebrochene Oberschenkelpfanne, Reha. Und dann die Erkenntnis: er kann nicht zurück. „Ich habe für ihn entscheiden müssen“, sagt Helga Zimmer. Die beiden haben keine Kinder. Vier Tage musste er noch einmal zurück in der Wohnung im zweiten Stock mit dem Blick über Stuttgart. Er, der Geistesmensch, der Designfan und Musikfreund. Im Wohnzimmer steht sein Flügel. Seine Frau hätte ihm diesen Schmerz gerne erspart. Und vielleicht auch sich. „Ich spüre die Leere der Wohnung“, sagt sie. Sein Zimmer ist verwaist. Sie betritt es nur, „wenn ich ihm etwas aus seinem Schrank bringe“.

Bis auf einen Tag in der Woche, da übernimmt eine langjährige Nachbarin, geht Helga Zimmer ihren Mann nun täglich besuchen. Nach anfänglichem Hadern nennt er die neue Welt nun sein Zuhause. Und seine Frau vermeidet zu sagen, sie ginge jetzt heim, wenn sie sich verabschiedet. Sie sei selbst noch auf der Suche nach der neuen Normalität und fragt sich manchmal, ob sie alles vielleicht mehr schmerze als ihren Mann. Vielleicht würde es für sie den Druck rausnehmen, wenn sie nur alle zwei Tage käme. Es ist ein Abschied auf Raten von einem vertrauten Leben. Es gelingt ihr nicht, sich an die guten Jahre der Zweisamkeit zu erinnern. „Ich lebe sehr im Hier und Jetzt“, sagt sie nachdenklich. Sie würde gerne in eine Trauergruppe für Menschen in ihrer Situation gehen. Für die, die Abschied nehmen, ohne dass jemand gestorben ist. Aber eine solche Gruppe gebe es ja nicht.

Als eine Freundin, die der anglikanischen Kirche angehört, sie gefragt hat, ob sie mitkommen wolle in einen Adventsgottesdienst, ist sie mitgegangen. „Ich wollte mal üben, ob ich das aushalte.“ Die englische Sprache sollte als Schutzschild fungieren. Es hat geklappt. Ob es noch einmal gut gehen wird, sie weiß es nicht. Am Nachmittag des 24. Dezember wird sie zur Feier im Heim gehen. Danach zu Freunden, mit denen sie als Paar seit Jahren den Abend verbracht haben. Ob sie Angst davor habe? Sie zuckt mit den Schultern. „Ich kann überhaupt nicht sagen, wie ich in gewissen Situationen reagiere.“

Ihr Sohn ist in Haft

Wenn Gudrun Gunkel abends von der Arbeit heimkommt, brennt in ihrer Wohnung immer schon Licht. Obwohl dort außer ihr niemand ist. „Ich habe mir eine Zeitschaltuhr besorgt“, sagt die 63-Jährige. „Eine leere Wohnung ist schrecklich“, sagt sie. Seit Sommer wohnt sie allein. Ihr Sohn ist wegen eines Drogendeliktes in Untersuchungshaft.

Gudrun Gunkel sitzt in ihrem Wohnzimmer, auf einem Buffet stehen kleine weihnachtlich anmutende Figürchen, die ihr Sohn im Laufe der Jahre geschenkt bekommen hat. Ein Zwerg, ein Weihnachtsmann, eine Kerze und eine Holzgiraffe. Alles in Rot. Im Flur hängt der Handabdruck von dem Dreijährigen. In dieser Wohnung ist er aufgewachsen. Jetzt lebt er in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Die Figürchen des Sohnes erinnern an ihn Foto: Lorenz/StZN

Eigentlich liebt seine Mutter die Stille, es wird ihr schnell zu laut. Aber die Gespräche am Abend, zu denen die beiden täglich für eine halbe Stunde zusammengesessen sind, die fehlen ihr schon. Und doch hält sie dagegen. Sie hat gelernt, wie sie vermeiden kann, „in den dunklen, schwarzen Trichter der Depression zu fallen“. Sie versucht, sich an kleinen Momenten zu freuen. An einer „besonders geformten Wolke“ etwa. Eine Herausforderung ist das in einer ohnehin emotional aufgeladenen Zeit. „Das ist alles andere als leicht“, sagt sie. Es geht ja nicht nur um den Heiligabend. Der Countdown in Richtung Familienseligkeit an Weihnachten läuft schon seit mehreren Wochen auf Hochtouren.

Alle zwei Wochen ein Besuch

Um so wichtiger sind der Mutter die Besuche in Stammheim. Alle zwei Wochen fährt sie dorthin. Gut vorbereitet, mit einer imaginären Liste im Kopf, geht sie zu den Treffen mit ihrem Sohn. Er macht das genauso, weil er wissen will, was da draußen im Leben seiner Mutter und Großmutter geschieht. 60 Minuten sind schnell um, wenn man sich einfach nur treiben lässt. An die Kontrollen, die Gespräche unter Aufsicht hat sie sich gewöhnt. Auch daran, dass sie einander nur zu Beginn und zum Abschied umarmen dürfen. Danach sitzen sie durch eine Glasscheibe getrennt. Am 23. Dezember wird sie wieder hinfahren.

Beide hatten gehofft, die Hauptverhandlung würde noch vor Weihnachten stattfinden. Nun aber ist klar: Der 22-Jährige wird Weihnachten in Haft verbringen. In seiner Vier-Mann-Zelle. Immerhin verstehen die Insassen sich ganz gut. Mit einem spielt ihr Sohn Schach. Und außerdem „habe ich die Hoffnung, dass die Abwesenheit meines Sohnes zeitlich begrenzt ist“. Der Gedanke trägt sie. Ihre beste Freundin, eine der wenigen Menschen, die um ihre Situation weiß, hat sie eingeladen, wenn ihr an Heilig Abend die Decke auf den Kopf fällt. Auf alle Fälle aber wird Gudrun Gunkel den Gottesdienst aus der evangelischen Kirche im siebenbürgischen Kronstadt anschauen. Er wird gestreamt. Er kommt aus der Heimat ihres Vater, steht für ein Stück familiäre Geborgenheit.

Witwer nach 42 Jahren

Stefan Baum sitzt aufrecht da und ist aufgeregt. Er wird gleich einen Satz sagen, von dem er befürchtet, man könne ihn falsch verstehen. „Ich möchte die Vorweihnachtszeit und auch die Weihnachtszeit genießen“, sagt der 66-Jährige. Baum ist seit Juni Witwer. Sein Mann ist nach 42 gemeinsamen Jahren gestorben.

42 Jahre Partnerschaft, „das waren auch ebenso viele Weihnachtsfeste, die wir miteinander verbracht haben.“ Es sind für Baum die ersten Festtage ohne ihn. „Das ist natürlich eine ganz neue Erfahrung“, sagt er. Wie es ihm dann wirklich gehen werde, das wisse er natürlich nicht. Im Moment jedoch gehe er mit einem wirklich guten Gefühl ins Fest. Natürlich sei das Jahr von dem großen menschlichen Verlust gekennzeichnet, dem Verlust von Vertrautheit und Routine.

Die Skulptur erinnert an die gelebte Gemeinsamkeit. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Da gehöre es sich nicht, so dächten doch vermutlich viele, schon wieder lachen zu können. Er hat sich selbst die Antwort auf die Frage gegeben, ob er das dürfe. Ja. „Zu Trauer gehört doch auch lachen“, hält er möglichem Unverständnis entgegen. „Er hätte nichts dagegen gehabt“, sagt er und meint den 18 Jahre älteren Partner.

Wenn er zurückdenke, empfinde er große Dankbarkeit. Ein Gefühl, das ihn vermutlich das Gute im Traurigen sehen lässt. Und so lebt er das Schöne der Vorweihnachtszeit weiter. Hat die Engel aus dem Erzgebirge in der Wohnung aufgestellt, in der er jetzt allein lebt. In der Schrankwand steht auch eine kleine Skulptur der Keramikerin Marie Hasemeier Eulenbruch. Sie zeigt zwei Gestalten, die sich innig aneinander lehnend bei der Hand halten. „Für mich war das immer ein Symbol für Gemeinsamkeit“.

Die alten Rituale leben

Vieles ist, wie es in den vergangenen Jahren war. Rechtzeitig zum ersten Advent hat er das Weihnachtsgeschirr hervorgeholt. Baum meidet gemeinsame Traditionen nicht, er zelebriert sie vielmehr bewusst weiter. Denn er habe nicht nur einen Verlust in den zurückliegenden Monaten zu bewältigen gehabt. Freundschaften seien in dieser Zeit tiefer geworden. Ein Gewinn sei das. Es gab Menschen, die ihn in der Zeit und darüber hinaus gestützt haben, als sein Mann im Hospiz in der Stafflenbergstraße war.

Menschen, die da waren und dabei das richtige Maß gefunden haben, auch wussten, wann er Ruhe und Zeit für sich selbst brauchte, um danach – wieder kommt das Wort – fröhlich sein zu können. Zu diesen Menschen gehören für Stefan Baum auch die Mitarbeitenden im Hospiz. Keine Frage, dass er nun dort eine Trauergruppe besucht. All das trage ihn jetzt in die Weihnachtszeit und „gibt mir Kraft“.

Tränen sind erlaubt

Für den Heiligabend hat er eine Essenseinladung von einer Nachbarin. Den ersten Feiertag jedoch will er „alleine mit ihm für mich haben“ – und die alten Rituale leben. „Dieser Tag soll so sein wie früher.“ Er wird einen Vormittagsspaziergang machen, den Tisch für zwei decken. Er wird sich daran machen, zum ersten Mal Gans, Rotkraut und Klöße zu kochen. Gut gesättigt will er dann das Zuhause, von dem er noch manchmal als „unserem Zuhause“ spricht, genießen. Er wird Musik hören. Vielleicht ja auch das Weihnachtsoratorium.

Und wenn dann eine Träne komme, dürfe sie fließen. „Das Weinen hilft mir“. 42 gemeinsame Jahre, die seien doch auch ein riesiges Geschenk.